Wie der Corona-Winter wird, das hängt von uns ab

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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15.10.2020, 14:22 Uhr
Nach der Pressekonferenz mitten in der Nacht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr gehen die Beschlüsse nicht weit genug.

© Stefanie Loos, dpa Nach der Pressekonferenz mitten in der Nacht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr gehen die Beschlüsse nicht weit genug.

An drastischen Worten mangelte es nicht beim Gipfeltreffen, das viele schon vorab als schicksalhaft bezeichnet haben: „Wir haben es mit einer Jahrhundert-Herausforderung zu tun“, sagte die Kanzlerin nach dem Treffen, dessen Ergebnisse ihr nicht weit genug gingen. „Was wir jetzt tun und nicht tun, wird entscheidend sein für die Frage, wie wir durch diese Pandemie kommen.“ Deutschland sei „bereits in der exponentiellen Phase“ der Pandemie-Ausbreitung, so Merkel. Es müsse verhindert werden, dass diese Entwicklung so weitergehe - „sonst wird das kein gutes Ende nehmen.“ Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, ebenfalls stets gut für drastische Formulierungen, warnte: „Wir sind dem zweiten Lockdown eigentlich viel näher, als wir es wahrhaben wollen.“

Zu viel Dramatik

Dramatik pur. Stellt sich die Frage: Braucht es die? Dass die Lage sich wieder zuspitzt, das haben in den vergangenen Wochen wohl alle mitbekommen - auch angesichts der täglichen Zahlen-Lieferung des RKI, mit der für viele der Nachrichten-Tag startet: wieder ein neuer Rekord.

Es besteht die Gefahr, dass all die Warnungen und Beschwörungen manche Menschen eher abstoßen oder abstumpfen. Es geht nicht um die große Mehrheit, die sich bisher sehr vernünftig verhalten hat - was in der Regel identisch ist mit dem Einhalten der Regeln, die uns vorgegeben werden. Sie sind ja im Prinzip einleuchtend - und immer die gleichen: Abstand halten. Maske da tragen, wo kein Abstand möglich ist. Hygieneregeln beachten, nun ergänzt durchs (gute alte) Lüften - so kompliziert sind die wichtigsten Regeln nicht.

Zu viele Widersprüche im Detail

Kompliziert wird es erst, wenn sich Politiker gegenseitig zu übertreffen oder unterbieten suchen. Die einen mit möglichst strengen Regeln, die anderen mit Lockerungen oder Abweichungen. Das mag manchmal sinnvoll sein angesichts starker regionaler Unterschiede. Was allerdings etwa beim Beherberbungsverbot in den letzten Tagen zu erleben war, das sorgte bei vielen Bürgern eher für Verwirrung und teils für berechtigte Empörung. Weil es zu viele Widersprüche gibt zwischen dem, was dort erlaubt, anderswo - mit ganz ähnlicher Ausgangslage - aber verboten ist.

Und ein Kernproblem der neuen, teils recycelten alten Beschlüsse vom Frühjahr ist: Wer, bitte, soll denn wirkungsvoll kontrollieren, ob sich privat mehr Menschen als erlaubt treffen? Klingelt da die Polizei im Advent und lässt eine Festgesellschaft antreten zum Durchzählen und zur Passkontrolle? Gibt es noch mehr so abschreckende Folgen der Pandemie wie das Melde-Formular, mit dem in Essen Regelverletzer gemeldet (oder auch: denunziert) werden können?

Andere überzeugen: Das kann man versuchen

Hoffentlich nicht. Es hängt, wie von Anfang an, von uns allen ab, ob es gelingt, die Infektionszahlen wieder zurückzufahren. Diejenigen, die überzeugt sind vom Sinn einfacher Verhaltensregeln, können versuchen, andere auch davon zu überzeugen. Weil sich die Wirksamkeit ja auch ablesen lässt an den Zahlen. Was wir allmählich aber nicht mehr brauchen, sind neue, drohende Worte von Regierenden - die das Gegenteil bewirken könnten.

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