Leistungsdruck bei Kindern

Helikopter-Eltern: Kann diese Form der Erziehung erfolgreich sein?

Ulrike Federov

Simone Madre
Simone Madre

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2.10.2022, 19:40 Uhr
Helikopter-Eltern wollen oft die volle Kontrolle über das Leben ihrer Kinder haben - auch in Schule und Kindergarten. 

© fotototo via www.imago-images.de Helikopter-Eltern wollen oft die volle Kontrolle über das Leben ihrer Kinder haben - auch in Schule und Kindergarten. 

Helikopter-Eltern sind besonders für Lehrer und Erzieher ein Schrecken. Wie der Name schon verrät, kreisen die Eltern stets um ihre Kinder. Doch was versteht man konkret unter Helikoptererziehung?

Helikopter-Eltern: Die Definition

Helikopter-Eltern begleiten ihre Kinder intensiv und mischen sich in alle Bereiche ihres Lebens ein - eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es aber nicht. Daniel Wilhelm und Wiebke Esdar formulieren im Journal für Wissenschaft und Bildung vier Merkmale des Erziehungsstils. Diese können unterschiedlich stark ausgeprägt sein:

  • Überinvolviertheit: Bei wichtigen Entscheidungen und Aufgaben der Kinder sind die Eltern mit dabei, auch wenn die Kinder bereits selbstständig sind (Vorstellungsgespräch, Studienberatung)
  • Autonomieeinschränkung: Eltern trauen es ihren Kindern nicht zu, alleine mit Herausforderungen fertig zu werden. Sie verhindern teilweise aktiv, dass ihre Kinder autonom handeln.
  • Überbehütung: Kinder empfinden ihre Eltern als überfürsorglich.
  • externe Schuldzuweisung: Eltern suchen die Schuld bei anderen, wenn im Leben des Kindes etwas schief läuft.

    Nicht jeder stuft den Begriff Helikopter-Eltern allerdings so negativ ein. Andere Autoren reden von intensiver Unterstützung und der Lösung von den Problemen. Oftmals geht damit aber auch ein "nicht gehen lassen wollen" und eine intensive Kontrolle der Kinder mit einher.

    Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Autor des Werks "Helikopter-Eltern", schätzt, dass inzwischen etwa 10 bis 15 Prozent der deutschen Eltern Helikopter-Eltern sind.

    Eine Studie aus der Fachzeitschrift Developmental Psychology hat Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die gutgemeinten Überfürsorglichkeit negative Einflüsse auf die Verhaltensentwicklung eines Kindes hat.

    Ob die Erziehungsform wirklich so schlecht für die Kinder sein soll, wollten Dr. Matthias Doepke - Professor für Wirtschaftswissenschaften - und Dr. Fabrizio Zilibotti (Yale University) genauer untersuchen. In ihrem Buch "Love, Money and Parenting: How Economics Explains the Way We Raise Our Kids" wird die Helikoptererziehung thematisiert. Matthias Doepke beschrieb seine Auffassung des Begriffs gegenüber dem Stern so: Helikopter-Eltern verbringen viel Zeit mit Erziehung und versuchen, ihren Kindern den bestmöglichen Start in das Leben zu ermöglichen. Es sei aber ein Irrtum, den Begriff Helikopter-Eltern mit Bevormundung gleichzusetzen. Im Kontrast dazu schildert er das Verhalten seiner Eltern, die wenige Anforderungen an ihn stellten. Er sollte zur Schule gehen, zum Essen auftauchen und vor Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause sein. Davon abgesehen hatte er viele Freiheiten.

    Bessere Bildungschancen bei Helikoptererziehung

    Doepke, der sich selbst als Helikopter-Vater bezeichnet, beschreibt den Erziehungsstil als autoritativ. Die autoritative Erziehung ist durch klare Regeln geprägt, bei der auf Nichteinhaltung Konsequenzen folgen. Aber auch Fürsorge, Wertschätzung und Unterstützung spielen eine zentrale Rolle bei den Eltern. Das soll dafür sorgen, dass Kinder aus eigenem Antrieb lernen, das Richtige zu tun und verantwortungsbewusst zu leben.

    Die beiden Professoren sind sich einig, dass die Form der Erziehung funktioniert. In einer Untersuchung verglichen die Wissenschaftler Ergebnisse von Leistungstests von 15-Jährigen aus aller Welt und den jeweiligen Berichten von Eltern und Kind über den erzieherischen Umgang.

    Die Studie hat ergeben, dass Kinder einer Helikoptererziehung besonders gute Aussichten für einen universitären Abschluss haben. Die autoritative Art zu erziehen soll, laut Doepke und Zilibotti, zu besseren Leistungswerten bei Kindern führen. Neben den Erfolgschancen hat sich herausgestellt, dass auch Drogen- und Alkoholkonsum im späteren Leben unwahrscheinlicher ist.

    Ungleichheiten gehen weiter auseinander

    Auffallend ist es, dass die Helikoptererziehung in der USA in den letzten Jahren zugenommen hat, aber auch in Ländern wo wirtschaftliche Ungleichheit herrscht, kommt das Phänomen vor. "Eltern wollen, dass ihre Kinder im Leben gut abschneiden und erfolgreich sind. Und in einer Gesellschaft, die sehr ungleich ist, haben Eltern mehr Angst, dass ihre Kinder nicht zu Leistungsträgern werden", so Zilibotti gegenüber der The Atlantic.

    In dem Buch ergänzt der Wirtschaftswissenschaftler seine Kernthese mit einem geografischen Überblick: Etwa 67 Prozent der amerikanischen Erwachsenen halten harte Arbeit für wichtig, verglichen mit China sind es dort 90 Prozent und in Schweden nur 10 Prozent. In Ländern wie Schweden, wo es kaum Ungleichheit gibt, legen Eltern also wert auf andere Faktoren, wie Glückseligkeit und Individualität.

    Matthias Doepke erklärt zudem: Der einzige Unterschied zwischen den Klassen sei, dass Familien mit höherem Einkommen mehr Ressourcen, Zeit und Geld haben, um ihre Schüler akademisch voranzutreiben, als Familien mit Schwierigkeiten. Beispiele für diese Maßnahmen sind die universelle Vorschule oder Optionen für eine höhere Bildung wie die Berufsschule.

    Inwieweit Helikopter-Eltern ihren Kindern mit ihren Erziehungsmaßnahmen nun wirklich schaden oder im Gegenteil sie auf ein bestmögliches Leben vorbereiten, bleibt aber weiterhin unklar. Das liegt unter anderem an dem Mangel an einer einheitlichen Definition.

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