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Corona: Deutsche sollen als Erntehelfer im Knoblauchsland anpacken

Osteuropäische Arbeitskräfte kommen kaum noch ins Land - 19.03.2020 06:00 Uhr

Wenn nicht bald Ersatz für die osteuropäischen Erntehelfer gefunden wird, die momentan nicht ins Land kommen, bleiben die Gurken und Tomaten im Knoblauchsland hängen. © Eduard Weigert


„Am Wochenende hatten wir 15 bis 20 Prozent mehr Bestellungen, am Montag waren es sogar 30 Prozent. Spektakulär ist der Zuwachs bei haltbaren Produkten. Bei vakuumierten Roten Beeten haben wir Sprünge von 100 Prozent“, verdeutlicht Florian Wolz, Geschäftsführer von Franken-Gemüse, der genossenschaftlichen Vermarktungsorganisation von etwa 50 Betrieben im Knoblauchsland.

„Bei Porree, den wir momentan täglich frisch vom Feld holen, und bei Karotten, die wir noch auf Lager haben, geht momentan das Doppelte der üblichen Menge“, sagt auch Stefan Behringer, der im Knoblauchsland 34 Hektar Freiland bewirtschaftet.

Dass er einen reinen Freilandbetrieb hat, ist für ihn nun ein Riesenproblem. Denn weil er momentan noch in der Vorsaison ist, sind erst drei seiner Erntehelfer da. Schon bald, wenn Radieschen, Bundzwiebeln, Salate, Kohlrabi und Brokkoli vom Feld geholt werden müssen, würde er sie auf 16 bis 20 aufstocken. Normalerweise. Denn ob sie wirklich kommen können, ist noch sehr ungewiss.

"Nicht genug Arbeitskräfte zur Ernte"

„Es zeichnet sich ab, dass nicht genug Arbeitskräfte zur Ernte anreisen können“, meint Peter Höfler, Nürnberger Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband und selbst Leiter eines großen Gemüsebetriebes in Schnepfenreuth. Normalerweise packen in der Hauptsaison rund 2000 Erntehelfer im Knoblauchsland an. Vor allem Rumänen und Polen reisen an, um mit harter Arbeit Geld zu verdienen. Versuche, deutsche Arbeitskräfte zu gewinnen, sind in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert.

„Wir müssen abwarten, ob die Erntehelfer mit Arbeitsverträgen und Gesundheitszeugnis die Grenzen passieren dürfen“, sagt Höfler. Vor allem die geschlossene polnische Grenze bereitet vielen Betriebsleitern Sorgen. Viele Arbeitskräfte sagen zudem ab, weil sie Angst haben, aus Deutschland nicht mehr zurück zu ihren Familien zu kommen oder 14 Tage in Quarantäne sitzen zu müssen.

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Bei Stefanie Häring von Ruff-Häring Gemüsebau in Lohe sind erst zwei Arbeiter vor Ort. Alle zwei Wochen würde sie jetzt eigentlich aufstocken, um dann in der Hauptsaison 15 Helfer zu haben. Im Gewächshaus werden schon Rettich, Kopf- und Feldsalat geerntet, in zwei Wochen folgen draußen auf dem Feld Gurken und Radieschen. Falls jemand da ist, der sie ernten kann. „Wir sind natürlich schon beunruhigt momentan“, sagt Häring.

Rudi Fleischmann in Buch kann momentan noch etwas entspannter sein. Pflanzen und Aussäen übernimmt derzeit wie jedes Jahr die fünfköpfige Familie selbst. Erst Mitte bis Ende April geht es hier los mit der Ernte von Kopfsalat und Lauch, dann auch Blumenkohl. Acht Helfer hat er dann normalerweise. „Wenn sie nicht kommen, habe ich ein Problem“, sagt er.

"Unsere Ernte ist systemrelevant"

„Unsere Ernte ist systemrelevant. Wenn wir nicht ernten können sind die Supermarktregale bald leer. Wenn die Grenzen dicht sind, muss die Politik andere Möglichkeiten finden, zum Beispiel freigestellte Arbeiter aus anderen Branchen oder Asylbewerber einsetzen“, fordert Höfler.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kann sich vorstellen, dass momentan nicht benötigte Beschäftigte aus der Gastronomie auf den Feldern helfen. Und der Bauern-Zusammenschluss „Land schafft Verbindung“, der die jüngsten Bauernproteste organisiert hatte, ruft ebenfalls die Menschen dazu auf, sich als Arbeitskräfte bereitzustellen. „Wir möchten hier auf unsere Notlage aufmerksam machen und Ihnen die Chance bieten, mit uns zu arbeiten, die Landwirtschaft besser kennen zu lernen und dabei die Kurzarbeitszeit zu nutzen. Dies ist eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit“, teilen sie mit.

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Wer Interesse hat, soll sich an die Maschinenringe vor Ort und an die Arbeitsagentur wenden. Gesucht werden Helfer vor allem in den Bereichen Erdbeeren, Spargel, Hopfen und bei Bio-Betrieben.

Auch Christian Drechsler hat momentan eine schwierige Situation zu meistern. Weil in seinen Gewächshäusern bei Almoshof und in dem Fünf-Hektar-Tomaten-Gewächshaus bei Abenberg das ganze Jahr über produziert wird, sind allerdings schon mehr als 40 Helfer da.

„Wir haben den Betrieb komplett abgeriegelt, da kommt keiner mehr rein“, sagt Drechsler. In zwei Wochen hätte das Personal eigentlich um 20 Beschäftigte aufgestockt werden sollen. Auch das soll nun unterbleiben. Die 40 Mitarbeiter sollen es auch so irgendwie schaffen. „Die Überstunden müssen wir danach eben wieder abfeiern“, meint Drechsler.

Schulkantinen und Gastronomie brechen weg

Gurken und Auberginen werden schon geerntet und heftig nachgefragt, Ende der Woche beginnt auch die Tomaten-Ernte. Obwohl Kunden wegbrechen, die vor allem Schulkantinen und die Gastronomie versorgen, ist Drechsler optimistisch, dass die enorme Nachfrage im Einzelhandel das auffangen wird. Auch Wochenmärkte und der Nürnberger Großmarkt haben weiter geöffnet.

„Unsere Waren kann man ja roh verzehren. Bei Kohl, Sellerie und allem, was gekocht werden muss, ist das schwieriger. Da ging viel in die Gastronomie. Daheim wird aber nicht so viel gekocht. Bei solchen Produkten kann der Absatz also nur zum Teil im Einzelhandel ausgeglichen werden“, erklärt Drechsler.

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Florian Wolz von Franken-Gemüse appelliert überdies an den Handel, die gegenwärtige, unsichere Situation zu berücksichtigen und keine festen Zusagen für bestimmte Warenmengen für einen Zeitpunkt in drei oder Wochen zu erwarten. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Rabattaktionen. Übertriebene Werbung mit Lebensmitteln im Handel muss jetzt eigentlich gar nicht sein“, betont Wolz.

Sorgen, nicht genug zu essen zu bekommen, muss sich ohnehin keiner – da sind sich alle Betriebe im Knoblauchsland einig. „Ware haben wir genug – es muss sie nur jemand vom Feld holen“, meint Peter Höfler.

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