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Corona-Tote: Darum sterben so viele außerhalb der Intensivstationen

65 Prozent starben auf Normalstationen, im Pflegeheim oder Zuhause - 19.01.2021 22:47 Uhr

Viele Infizierte werden nicht mehr auf die Intensivstation verlegt, weil sie sich in Absprache mit ihren Hausärzten und den Angehörigen dagegen entschieden haben.

09.01.2021 © Sebastian Gollnow, dpa


Die große Zahl an Toten außerhalb der Intensivstationen nährt Verschwörungstheorien. Wird etwa alten Menschen mit relativ geringen Überlebenschancen die bestmögliche Behandlung verwehrt? Gibt es schon in den Pflegeheimen eine Art Triage, ist die hohe Anzahl an Corona-Toten in Deutschland also eigentlich unnötig?



Mitnichten. "Jeder der auf einer Intensivstation sterben will, darf das auch", drückt es Dr. Harald Rittger, Leiter der Klinik für Herz- und Lungenerkrankungen am Klinikum Fürth, drastisch aus. Noch niemandem in Deutschland musste diese Art der Behandlung verweigert werden, niemand musste mangels Plätzen auf den Gängen sterben, betont der Mediziner.

"Der verzweifelte Versuch, Menschenleben zu retten"

Und doch entscheiden sich sehr viele Patienten, besonders die betagteren, und ihre Angehörigen bewusst gegen eine Behandlung auf der Intensivstation. "Eine invasive Beatmung oder der Anschluss an eine künstliche Lunge sind extrem aggressive Eingriffe in die Physiologie des Menschen. Das ist der verzweifelte Versuch, noch Menschenleben zu retten", verdeutlicht Prof. Dr. Carsten Willam, Intensivmediziner am Universitätsklinikum Erlangen. Viele Betroffene würden so eine Behandlung ablehnen.

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Bei der ersten Corona-Welle starben prozentual noch mehr Menschen auf den Intensivstationen. "Die Bilder, die man da gesehen hat, waren nicht schön. Intubiert, in Bauchlage, und trotzdem mit geringer Überlebenschance. Da ist ein Bewusstsein entstanden, bei den Menschen in den Pflegeheimen, bei den Angehörigen, dass das mit Würde nichts mehr zu tun hat", meint Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

Viele hätten sich daraufhin Gedanken gemacht und entschieden, dass sie sich oder ihren Angehörigen so etwas ersparen möchten. "So blöd das klingt: Es hat sich auch eine gewisse Normalisierung im Umgang mit Sars-CoV-2 eingestellt", sagt Engehausen. Anfangs habe niemand akzeptieren können, an so einem Virus sterben zu müssen. Doch mittlerweile akzeptiere man, dass Covid-19 nun eine mögliche Todesursache ist.

Will man unbedingt auf einer Intensivstation sterben?

"Wir alle müssen einmal sterben. Und die Frage ist eben, ob das unbedingt auf einer Intensivstation sein muss", gibt Engehausen zu bedenken. Statistisch gesehen sind nach einem halben Jahr 17 Prozent der stationär Gepflegten verstorben, nach drei Jahren 62 Prozent. Die meisten Bewohner von Pflegeheimen haben sich längst Gedanken darüber gemacht, wie sie nicht sterben möchten, welche Behandlungen sie noch über sich ergehen lassen würden, welche sie ablehnen – und dies oft in Patientenverfügungen festgelegt.


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Bei der Deutschen Stiftung Patientenschutz will man indes nicht ganz glauben, dass wirklich immer der Patientenwille entscheidend ist. "Die freie Entscheidung der Betroffenen ist zu akzeptieren, den Tod einem klinischen Angebot vorziehen zu wollen. Doch zu befürchten ist, dass hier nicht die Patienten entscheiden, sondern die Hausärzte in den Pflegeheimen", meint Vorstand Eugen Brysch. Evidenzbasierte Fakten zur Auswirkung des Patientenwillens lägen der Stiftung aber nicht vor.

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"Die Entscheidung, ob ein Mensch in eine Klinik verlegt werden soll, trifft in den meisten Fällen der Hausarzt zusammen mit den Betroffenen, oder wenn der kognitiv dazu nicht mehr in der Lage ist, mit dem gesetzlichen Betreuer oder dem Bevollmächtigten", erklärt Simone Heimkreiter vom Awo-Landesverband Bayern.

Ein Problem sei aber, dass etwa 50 bis 60 Prozent der Bewohner in vollstationären Pflegeeinrichtungen dementielle Veränderungen aufweisen. "Menschen mit einer Demenzerkrankung brauchen ein gewohntes Umfeld. Nicht selten zeigen sie in Krankenhäusern ein herausforderndes, aggressives Verhalten", betont Heimkreiter.

Verlegung von Dementen in Kliniken "traumatisch"

"Für Menschen mit Demenz ist die Verlegung in ein Krankenhaus unter Umständen sehr traumatisch und wird daher sorgfältig abgewogen", erklärt auch Sonja Borzel vom Fachbereich Altenpflege des Awo-Bezirksverbandes Ober- und Mittelfranken. Auch in diesen Fällen würde der behandelte Arzt gemeinsam mit dem Patienten beziehungsweise dessen Bevollmächtigten entscheiden.


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Die Arbeiterwohlfahrt betont die hoch entwickelte Palliativkultur in den Pflegeheimen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass multimorbide hochbetagte Menschen einen Nutzen aus einer invasiven Beatmung ziehen können, darf als kritisch bezeichnet werden", meint Borzel. Letztendlich entscheide aber nicht das Pflegeheim.

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Dies gilt natürlich auch in den Einrichtungen des Sozialunternehmens Diakoneo aus Neuendettelsau. Doch Sprecher Markus Wagner betont: "Speziell bei Covid-Infektionen sind zum Teil extrem schnelle Verläufe zu beobachten, die die Möglichkeit einer Verlegung ausschließen können."

"Viele Menschen wollen auch durchaus noch ins Krankenhaus. Nehmen die Behandlung auf Normalstation mit Sauerstoff und Medikamenten an. Die Gerätemedizin auf der Intensivstation lehnen sie dann aber ab", verdeutlicht Carsten Willam vom Uniklinikum Erlangen. Ob selbst ein gelungenes Überleben angesichts der schweren Folgen einer Intensivbehandlung gerade für alte, demente Menschen besser ist, könne letztlich ein Arzt kaum entscheiden. Deshalb sei immer der Wille des Patienten und seiner Angehörigen ausschlaggebend.

Invasive Beatmung oder künstliche Lunge

Von einer Normal- auf eine Intensivstation verlegt wird man, wenn der Sauerstoffgehalt im Blut so stark gesunken ist, dass man große Mühe hat, selbst Luft zu bekommen. Auf der Intensivstation bekommt man dann eine High-Flow-Sauerstofftherapie, wird invasiv beatmet oder in sehr wenigen Fällen (in Deutschland derzeit bei knapp 400 Patienten) an eine künstliche Lunge angeschlossen.

Neben Sauerstoff können auf der Intensivstation auch noch hochdosierte Cortisonpräparate und das eigentlich für die Behandlung von Ebola entwickelte Medikament Remdesivir verabreicht werden. "Das hat schon einen gewissen Fortschritt gebracht und kürzt die Krankheit in einigen Fällen etwas ab", sagt Willam.

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Vor allem aber werden Folgeerkrankungen behandelt. Denn wenn das Immunsystem nicht mehr leistungsfähig ist, haben Bakterien oder Pilze leichtes Spiel. Auch Herpesviren, die ja 90 Prozent der Menschen in sich tragen, können dann nicht mehr in Schach gehalten werden.

Patienten oft nicht mehr befragungsfähig

"Jeder, der das nicht schon getan hat, sollte sich rechtzeitig überlegen, welche Behandlung er für sich will und auch seine Angehörigen instruieren. Wenn der Sauerstoffmangel zu groß ist, ist man oft nicht mehr richtig befragungsfähig und in einer solchen Notsituation, dass man keine wohlüberlegte Entscheidung mehr treffen kann", betont Willam.

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Obwohl viele Ältere und ihre Bevollmächtigten die Gerätemedizin ablehnen, gibt es aber natürlich auch Gegenbeispiele, wie Dr. Harald Rittger vom Klinikum Fürth verdeutlicht: "Da gibt es auch mal den 88-Jährigen, der zwar alt ist, aber noch fit, biologisch deutlich jünger und voll im Leben stehend. So jemand will alles versucht haben – und das ist dann auch wieder verständlich."

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