Flüsse Zenn und Aisch

Einen Monat nach der Flut: So steht es um die Region derzeit

Christiane Krodel
Christiane Krodel

NZ-Redaktion Region & Bayern

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13.8.2021, 08:00 Uhr
Nach einem Starkregen traten viele Flüsse in der Region über die Ufer. Darunter auch die Aisch.

© Wasserwirtschaftsamt Nürnberg Nach einem Starkregen traten viele Flüsse in der Region über die Ufer. Darunter auch die Aisch.

Wenn Ursula Ritter ihr Geschäft betritt, öffnet sie zuerst die Fenster. Es muss frische Luft in die Räume. Noch immer riecht es morgens modrig. Schuld ist die Zenn. Vor vier Wochen war der Fluss, der hinter ihrem Grundstück in Wilhermsdorf (Kreis Fürth) fließt, binnen weniger Minuten auf einen Pegel von vier Metern gestiegen. Die Höhe des normalen Wasserstands beträgt 1,25 Meter.

Das Wasser bahnte sich seinen Weg über den Hof, drang in die Garagen, schwemmte unter anderem die schweren Oleandertöpfe auf der Terrasse weg, stieg ins Haus und auch in das Raumausstattungsgeschäft. Am Ende stand es dort 50 Zentimeter hoch. Die braune Brühe durchweichte Teppiche und Tapeten, zerstörte Nähmaschinen und Stoffe - Ritters Geschäftsgrundlage. Als das Wasser weg war, ließ es viel Arbeit zurück und viele Fragen: Wie konnte so etwas passieren? Und lässt sich dies in der Zukunft verhindern?

Dutzende Anwesen waren in Wilhermsdorf von dem Hochwasser betroffen.

Dutzende Anwesen waren in Wilhermsdorf von dem Hochwasser betroffen. © Hans-Joachim Winckler

10. August. Ursula Ritter zeigt auf eine aufgerollte Stoffbahn. Eigentlich können Kunden damit ihren Balkon verschönern. Erst hatte sie daran gedacht, den Stoff zu reinigen, damit die schmutzigen Flecken verschwinden. Das macht sie jetzt doch nicht. 280 Euro ist die Bahn mal wert gewesen, jetzt nichts mehr.

Tagelang haben Ursula Ritter und ihre Familie die Holzregale, auf denen das Material lagerte und das das Wasser aufquollen ließ, ins Freie getragen. Elektrogeräte, Spachtelmasse, Unterlagen: Die Zenn verwandelte alles in Müll. Zwei Container füllten Ritters mit Abfällen, am Ende waren es zehn Tonnen. Irgendwann tat ihr der Rücken vom Schleppen weh.

Auch vier Wochen nach dem Hochwasser ist Ursula Ritter mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Unser Foto zeigt Ritter kurz nach dem Hochwasser.

Auch vier Wochen nach dem Hochwasser ist Ursula Ritter mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Unser Foto zeigt Ritter kurz nach dem Hochwasser. © Hans-Joachim Winckler

Die Stoffe, die nicht mehr zu gebrauchen waren, packten sie in Müllsäcke und fuhren sie zur Deponie. Unzählige Male seien sie dort gewesen, sagt Ritter. Die einzelnen Schäden hat sie noch nicht zusammengerechnet. Es dürften 150.000 bis 200.000 Euro sein.

Aus dem Baumarkt besorgte sich die Familie Schrubber und Abzieher, um die Reste der Zenn aus Regalen und Böden zu holen. Was viel Zeit in Anspruch nimmt, ist das Trocknen der Unterlagen. Recyclingpapier, sagt Ritter, trocknet schlecht.

Während Besucher in ihrem Laden nur einen Berg an Arbeit ausmachen, der noch vor der Geschäftsfrau liegt, sieht sie selbst Fortschritte. Die Versicherung hat bereits Kopien wichtiger Verträge geschickt, das Telefon funktioniert wieder, ein Büro ist bereits frisch gestrichen und hat einen neuen Teppich. Im anderen Büro sind die Tapeten schon von der Wand entfernt. Geschäftliche Termine außer Haus kann sie wieder wahrnehmen und damit Geld verdienen.

Zwei Container an Müll trug die Familie Ritter zusammen.

Zwei Container an Müll trug die Familie Ritter zusammen. © Hans-Joachim Winckler

Experten teilen Hochwasser in verschiedene Kategorien: ein häufiges Hochwasser kommt statistisch gesehen alle zehn Jahre vor, ein 100-jährliches Hochwasser rein rechnerisch einmal in 100 Jahren und ein Extremhochwasser alle 1000 Jahre. "Das Hochwasser an der Zenn im Juli war ein sehr seltenes Ereignis", sagt Walter Hümmer vom Wasserwirtschaftsamt Nürnberg. Im Klartext heißt das: Es kommt noch seltener vor als ein 100-jährliches.

"Ein Hochwasser ist ein Naturereignis", sagt Hümmer. "Hochwasser kann nicht verhindert werden." Es ist ein Satz, der aufhorchen lässt. Aber: Das Wasser kann durch Maßnahmen geleitet werden, so dass bebaute Gebiete nicht überschwemmt werden. Auch durch Hochwasservorsorge und hochwasserangepasste Bauweisen lassen sich Schäden vermindern.

Das Hochwasser in Wilhermsdorf hat 35 bis 40 Anwesen getroffen, sechs Straßen standen unter Wasser, bilanziert Uwe Emmert, 1. Bürgermeister der Gemeinde vier Wochen nach dem Ereignis. Auf ein Hochwasser der Kategorie häufig seien die Menschen in den betroffenen Häusern vorbereitet. Es gäbe etwa Schotts an den Türen, die ein Gebäude abdichten sollen.

Die Einwohner wüssten, dass ihre Häuser am Zenngrund in einem potentiellen Hochwassergebiet stehen. Aber: "In den letzten 60 Jahren hat es kein Hochwasser diesen Ausmaßes im Zenngrund gegeben."

Uwe Emmert, Bürgermeister von Wilhermsdorf.

Uwe Emmert, Bürgermeister von Wilhermsdorf. © Hans-Joachim Winckler

Entstanden war das Hochwasser, weil es in der gesamten Region und nicht, wie so oft, örtlich begrenzt stark geregnet hatte. In Wilhermsdorf gingen pro Quadratmeter 60 Liter nieder, anderenorts war es doppelt so viel. Der Boden, gesättigt durch vorherige Schauer, konnte das Wasser nicht mehr aufnehmen, so dass es sich in den Flüssen und Bächen sammelte.

Die Gemeinde Wilhermsdorf steht Hochwasserereignissen nicht schutzlos gegenüber. Eine Straße, die bei Hochwasser in der Vergangenheit immer überflutet wurde, wurde bereits angehoben, so dass die Zenn unter ihr durchfließen kann. Hinter einem immer wieder betroffenen Gebiet wurde eine Sperre gebaut, und im Ulsenbachtal wurden mehrere Maßnahmen realisiert - zuletzt ein Dammbauwerk, das die Wassermassen des Ulsenbach im Fall eines Falles zurückhält.

Anders als vermutet, geht die Gefahr eines Problem-Hochwassers in Wilhermsdorf nicht von der Zenn aus, sondern von diesem kleinen Gewässer, das durch den Ortskern fließt. Ein Pumpwerk in der Nähe des Bahnhofs Mitte kann, sollte der Marktplatz unter Wasser stehen, das Wasser in den Talbereich lenken.

Doch wie sieht es mit neuen Maßnahmen an der Zenn aus, jetzt nach dem neuen Hochwasser? "Sie können sich nicht auf jede Eventualität vorbereiten", sagt Emmert. Es sei auch eine Kostenfrage. Der CSU-Politiker stellt sich einen Katalog aus kurzfristigen und langfristigen Maßnahmen vor. Dem Wasserwirtschaftsamt - die Behörde ist für den Hochwasserschutz an der Zenn zuständig - hat er bereits die Idee unterbreitet, ein neues Hochwasserrückhaltebecken bei Adelsdorf zu bauen.

Bereits beschlossen ist, den Schutz am Trafohaus zu erhöhen. Die bisherigen Vorrichtungen halten einem Hochwasser von bis zu 60 Zentimeter stand. Das jüngste Hochwasser stieg jedoch auf 75 Zentimeter. In der Folge fiel der Strom im Ort aus. Nun soll bis 1,20 Meter aufgerüstet werden. Die Arbeiten, die die Gemeinde 10.000 bis 15.000 Euro kosten, sollen in den kommenden Monaten umgesetzt werden. Auch eine Pumpe und ein Notstromaggregat werden angeschafft. Sollte doch Wasser ins Trafohaus dringen, kann dieses abgepumpt werden und zerstört nicht erneut die Elektronik. Tagelang musste der Stromversorger sie reparieren.

Angesichts des Hochwassers am 9. Juli wurde beschlossen, dass sich die Wasserwirtschaftsämter Nürnberg und Ansbach und die Gemeinden am Zenngrund erneut an einen Tisch setzen. Anhand bereits existierender Risikokarten, die die Folgen verschiedener Hochwasserereignisse prognostizieren, sollen Fragen geklärt werden: Welche Brücken sind im Fall der Fälle weiter zugänglich? Welche Straßen wären nicht mehr befahrbar? Mit welchen Maßnahmen ließe sich das Hochwasser besser lenken und mindern?

Emmert interessiert, wie er seine Bürger schneller und besser informieren kann, nicht nur bei Hochwasser sondern auch wenn der Strom ausfällt. Die Sirene des Orts funktioniert nur, wenn sie Saft hat.

Emmert ist der Meinung, dass für Hochwasserschutz mehrere Maßnahmen nötig sind: Rückhaltung, Vorbeugung und Warnung. Auch die Landwirtschaft müsste mit ins Boot geholt werden. Denn durch die Wahl der Bewirtschaftung und der Auswahl der angebauten Früchte könnte die Beschaffenheit und somit das Aufnahmevolumen der Böden beeinflusst werden. Lockere Böden und Früchte mit geeigneter Wurzelbildung sind besser in der Lage Starkregen aufzunehmen.

Das Bayerische Finanzministerium hat für die Betroffenen des Unwetters bereits eine Finanzhilfe gestartet. Geschädigte konnten Soforthilfen beantragen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Für Ölschäden an Gebäuden gibt es bis zu 10.000 Euro, für die Anschaffung neuen Hausrats bis zu 5000 Euro. Im Kreis wurden laut Landratsamt Fürth (Stand 9. August) Soforthilfen bis 538.000 Euro geltend gemacht. Über darüber hinausgehende Schadenssummen liegen dem Landratsamt keine Informationen vor, hieß es.

Das Landratsamt Erlangen-Höchstadt hatte Mitte Juli eine Abfrage bei den Städten, Märkten und Gemeinden des Landkreises gestartet. Hier hatte das Hochwasser vor allem die Gemeinden Adelsdorf und Aurachtal, die Städte Herzogenaurach und Höchstadt an der Aisch sowie Markt Lonnerstadt und Markt Mühlhausen getroffen. Die Schäden, die dem Landkreis gemeldet wurden, betrugen sechs Millionen Euro.

Johannes Riegler zählt zu jenen Hochwasser-Geschädigten, die eine Elementarversicherung abgeschlossen hatten. Riegler wohnt in Höchstadt (Kreis Erlangen-Höchstadt) nur 500 Meter von der Aisch entfernt. Dass die Versicherung einem Vertrag zustimmte, verdankt der Bestattungsunternehmer seinem engagierten Versicherungsvertreter, wie er sagt. Eine Bedingung der Versicherung war allerdings, dass Riegler eine bestimmte Summe an Selbstbeteiligung trägt.

Wenige Tage nach dem Hochwasser begutachtete ein Sachverständiger die Schäden vor Ort. Riegler muss nun auflisten, was das Wasser zerstört hat. Das wird dauern. "Ich finde immer noch Dinge, die kaputt sind." Das Wasser hat nicht nur viele Särge und Maschinen unbrauchbar gemacht, die das Unternehmen für Beerdigungen benötigt, sondern auch Akten und persönliche Fotos. Noch immer sind die Aufräumarbeiten nicht beendet. Riegler schätzt, dass das noch zwei Wochen dauert.

Thomas und Claudia Denzel (Name von der Redaktion geändert) wohnen ebenfalls in Höchstadt. Anders als die Zenn in Wilhermsdorf flutete die Aisch am frühen Samstagmorgen die Häuser. Knietief watete Denzel durch die Räume, ohne zu wissen, auf was sie treten würde. Scherben? Besteck? Ihr Haus hatten sie und ihr Mann erst im März 2021 fertig renoviert.

Die Fotoalben und vier wichtige Ordner konnte sie noch retten, das Spielzeug ihres kleines Sohnes nicht mehr. Stundenlang versuchten Denzels dem Wasser Herr zu werden. Zu Spitzenzeiten liefen sechs Pumpen. Weil das Wasser eiskalt war, liefen Denzels Lippen blau an.

Als sich die Aisch zurückzog und die Wasserreste aufgesaugt waren, blieb eine Mischung aus Fischteich und Klaranläge zurück, erzählt Claudia Denzel. Ihre Schuhe haben sie versucht, in der Waschmaschine zu waschen. Dreimal. Der Gestank ging nicht weg und die Schuhe beim Waschen kaputt.

Ihr Haus ist derzeit unbewohnbar. Die Küche, die Claudia Denzel, liebevoll aufgearbeitet hatte, als sie das Haus kauften, empfahl der Schreiner rauszureißen. Ebenso die Bäder und die Böden. Nur die 100 Jahre alten Fliesen im Hausflur können bleiben. Durch die Jahre wurden die Fugen so sehr zusammengedrückt, dass das Wasser den Boden unter den Fliesen nicht erreichte.

Heute war der Fachmann einer Trocknungsfirma da. Er hatte keine guten Nachrichten. Sie müssen weiteren Putz von den Wänden entfernen, damit das dahinterliegende Mauerwerk trocknen kann. Er empfiehlt, den Putz vom Boden aufwärts einen Meter abzuklopfen. Denzel weiß, dass ihre Versicherung, die Elementarschäden am Haus abdeckt, neuen Putz nur bis zu einer Höhe von 60 Zentimeter zahlen will. Der Hausrat ist in dieser Versicherung gar nicht abgedeckt.

Ohne die vielen Freunde, die im Haus mit anpacken, wären die Arbeiten nicht zu bezahlen, sagt Denzel. Andere helfen anderweitig. Sie übernehmen das Waschen der Wäsche, andere bringen einmal in der Woche Essen auf die Baustelle. Claudia Denzel hofft, dass sie im November oder Dezember wieder in ihr Haus ziehen können.

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