Erlangens Handwerkerchef über den fehlenden Nachwuchs

24.11.2020, 10:30 Uhr

© Ronald Bonß/dpa

Herr Protze, die Zahlen klingen dramatisch: 32 000 unbesetzte Lehrstellen und 164 000 Handwerker, die allein in Bayern in diesem Jahr in Rente gehen. Stirbt das Handwerk jetzt aus, weil der Nachwuchs fehlt?

Dass das Handwerk aktuell vom Aussterben bedroht wäre, kann man nun wahrlich nicht sagen. Im Gegenteil, viele Betriebe kommen mit der Arbeit kaum nach. Aber es ist unübersehbar, dass das Handwerk seit Jahren ein Nachwuchsproblem hat. Die robuste wirtschaftliche Lage im Handwerk und der Umstand, dass in der Tat in den nächsten Jahren viele Fachkräfte und damit auch unglaublich viel Erfahrung und Kompetenz im Ruhestand "verschwinden", macht es nicht einfacher. Andererseits bewirkt der Umstand, dass stabile oder sogar steigende Nachfrage auf weniger Fachkräfte trifft, eine Verbesserung der Verdienstmöglichkeiten im Handwerk – und das ist mit Sicherheit kein kurzfristiger Trend.

In den vergangenen Jahren haben Handwerksbetriebe, vor allem in Branchen, die beim Nachwuchs nicht so beliebt sind, das Problem gehabt, ausreichend Azubis für die Berufe zu interessieren. Inwiefern hat jetzt die Corona-Pandemie die Situation verschärft?

Die Ausbildungszahlen im Bezirk unserer Kreishandwerkerschaft sind in diesem Jahr erfreulicherweise – zumindest bisher – nicht merklich zurückgegangen. Corona hat da also keine Verschärfung bewirkt. 

© Udo B. Greiner

Für die Betriebe war es natürlich im Alltag schwieriger, Schülerpraktika "Corona-konform" durchzuführen. Auch die Schulen berichten, dass in diesem Jahr weniger Praktikumsplätze zur Verfügung standen.

Das eigentliche Problem liegt aber in einem seit Jahrzehnten andauernden Trend weg von der dualen Berufsausbildung hin zu Abitur und Studium. Noch immer ist der Glaube weit verbreitet, eine akademische Ausbildung sei viel eher als eine duale Ausbildung eine Garantie für ein auskömmliches Einkommen.

Leider ist der Begriff des "Akademisierungswahns" keine leere Worthülse.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat eben erst eine Neuauflage der "Elternstolz"-Werbekampagne für die berufliche Ausbildung gestartet. Eine gute Idee?

Ja, sicherlich. Die Kampagne zielt ja darauf ab, anhand von Beispielen aufzuzeigen, dass es attraktive Alternativen zum Studienabschluss gibt. Sehr attraktive sogar.

Was kann die Staatsregierung noch tun, um das Handwerk bei der Werbung um Nachwuchs zu unterstützen?

Die duale Berufsausbildung – und da reden wir nicht nur über das Handwerk – ist das beste berufliche Bildungssystem der Welt.

Dazu muss die Politik bedingungslos "ja" sagen und darf dieses System zum Beispiel bei der internationalen Vergleichbarkeit von Berufsabschlüssen nicht unter Wert verkaufen. Auch sollten die Kosten der Meisterausbildung – wie bei einem Studium – vom Staat getragen werden.

Muss sich das Handwerk nicht auch selbst an die Nase fassen? So haben viele Handwerksbetriebe erst kurzfristig neue Lehrstellen ausgeschrieben. Üblicher Start des Ausbildungsjahres ist normalerweise im August oder im September.

Die Lehrstellen im Handwerk sind ganzjährig ausgeschrieben. Leider entscheiden sich jedes Jahr viele erst sehr kurzfristig für eine Ausbildung im Handwerk. Dadurch werden zahlreiche Ausbildungsverträge erst nach dem Beginn des eigentlichen Ausbildungsjahres abgeschlossen.

In der Coronakrise zeigt sich auch ein erhebliches Defizit nicht weniger Handwerksbetriebe bei der Digitalisierung. Viel zu wenige nutzen zum Beispiel Chats oder Online-Ausbildungsbörsen, um den potentiellen Nachwuchs wenigstens virtuell anzusprechen. Müsste hier die Kreishandwerkerschaft nicht initiativ werden?

Die Digitalisierung ist im Handwerk im vollen Gange. Sie betrifft aber vor allem die Optimierung von betrieblichen Abläufen. Für eine eigene Online-Nachwuchswerbung sind aber die meisten Handwerksbetriebe schlichtweg zu klein. Dieses Thema bespielen die Landesinnungsverbände und die Handwerkskammern. Die (Online-) Lehrstellenbörse der Handwerkskammer in Nürnberg bietet aktuell rund 680 offene Ausbildungsplätze und über 800 Praktikumsplätze in Mittelfranken. Interessenten können sich hier – zum Beispiel gestaffelt nach der Entfernung um ihren Wohnort – aus einem breiten Angebot bedienen. 

Ein weiteres Beispiel ist das "Lehrstellenradar", eine von den Handwerkskammern initiierte Anwendung, die bundesweit freie Lehrstellen anzeigt. Für die Betriebe und die Lehrstellenbewerber ist aber das Betriebspraktikum nach wie vor das wichtigste Kriterium bei der Berufswahl. Mit der Initiative "Qualifiziertes Praktikum" besteht ein vielversprechendes Instrument, mit dem Stadt und Landkreis sowie IHK und Kreishandwerkerschaft gemeinsam einen besseren Übergang von der Schule in die duale Berufsausbildung bieten wollen.

Schlecht sieht es auch in den Bereichen aus, die wegen der Pandemie ohnehin arg gebeutelt sind: Angehende Friseure, Messebauer oder Veranstaltungstechniker werden aktuell kaum gesucht. Was muss Ihrer Ansicht nach hier geschehen?

Hier sollte man sicherlich über Maßnahmen nachdenken, die es den betroffenen Betrieben erleichtern, auch in der Krise auszubilden. Vor allem aber sollten sich junge Menschen, die sich für einen der genannten Berufe interessieren, keinesfalls von der derzeitigen Situation abschrecken lassen. Wir dürfen hoffen, dass die Pandemie eine vorübergehende Erscheinung ist. Und da könnte es sich auszahlen, jetzt antizyklisch zu handeln.

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