Flüchtlingsdrama in Moria: Erlangen bekräftigt Willkommensangebot

11.9.2020, 06:00 Uhr
Bilder, die unter die Haut gehen: Asylsuchende schlafen am Straßenrand in der Nähe des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria. Mehrere Brände haben das Lager fast vollständig zerstört, viele Schutzsuchende wurden obdachlos.

Bilder, die unter die Haut gehen: Asylsuchende schlafen am Straßenrand in der Nähe des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria. Mehrere Brände haben das Lager fast vollständig zerstört, viele Schutzsuchende wurden obdachlos. © Socrates Baltagiannis, dpa

Erlangen will und kann Flüchtlinge aufnehmen. Daher ist es Mitglied in einem über die deutschen Grenzen hinausgehenden Städtebündnis, das ihre Bereitschaft dazu erklärt. "Wir müssen unser Angebot als sicherer Hafen nicht erneuern", sagt OB Florian Janik (SPD), "das gilt noch immer, wir wollen Schutzsuchenden helfen".

Hätten die Verantwortlichen, also Brüssel, Berlin und München, die Bereitschaft vieler deutscher Städte, weitere Asylsuchende aufzunehmen, früher berücksichtigt, wäre es zu dem Brand in Moria womöglich gar nicht gekommen, vermutet er.

"Da hätte man schon viel, viel früher handeln müssen"

Man habe über die Zustände in den Flüchtlingslagern Bescheid gewusst: "Da hätte man schon viel, viel früher handeln müssen und können."

Dass seine Parteifreundin Martina Stamm-Fibich neben drei weiteren Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Erlangen (CSU, AfD und FDP) gegen einen Antrag der Grünen zur Aufnahme besonders Schutzbedürftiger aus den griechischen Flüchtlingslagern gestimmt hat, kommentiert Janik nicht.

"Ich hätte mir insgesamt von der Bundesregierung gewünscht, dass sie viel engagierter und viel entschlossener gesagt hätte, wir sind zur Aufnahme bereit und sich auch mit den Staaten in Europa zusammengetan hätte, die das genauso sehen", sagt er ausweichend.

Janik: Innenminister muss sich engagieren

Stamm-Fibich selbst teilt indes nach einem Gespräch mit dieser Zeitung in einer Stellungnahme mit, dass den Mitgliedern in der Fraktion zugesagt worden sei, dass es im Rahmen des Koalitionsausschusses eine Einigung hierzu geben würde. Am Ende habe die vereinbarte Aufnahme von 900 Menschen gestanden. 500 von ihnen seien in Deutschland.

Auf diese Regelung weist auch Janik hin. Nichtsdestotrotz sei ein engagierteres Verhalten der Regierung und des Bundesinnenministers notwendig, so Janik. Zumal Flüchtlingsinitiativen immer wieder auf die Missstände in den Lagern hinweisen und es viele Kommunen gebe, die helfen möchten.

Janik: "Unsere Unterkünfte sind sehr licht belegt"

Eine davon ist eben Erlangen. Die Stadt sei auch in der Lage, im Fall eines Falles schnell Hilfe mit aller erforderlichen Logistik zu leisten. "Im Moment sind die Unterkünfte, die es bei uns gibt, sehr licht belegt", erklärt Janik.

Dass die Stadt auch eine große Zahl von Flüchtlingen angemessen betreuen und unterbringen kann, hat sie 2015 bewiesen. Damals kamen zur Hochphase der so genannten Flüchtlingskrise hunderte Menschen in die Stadt. Aber auch schon vorher und nachher nahm und nimmt die Stadt die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen sehr ernst. Besonders wichtig ist für Janik die Bereitschaft vieler, sich für Flüchtlinge stark zu machen. "Wir haben unheimlich viele Menschen, die sich in dem Bereich vor fünf Jahren engagiert haben und es immer noch tun."

Damit meint er wohl vor allem die Freiwilligen der Ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuung in Erlangen (Efie). Auch von dieser Seite ist Hilfe für neue Flüchtlinge garantiert, sagt die Vorsitzende Monika Petersen.


Kommentar: Es brennt schon lange in Moria

Zwar haben abnehmende Flüchtlingszahlen und auch Corona dazu geführt, dass der Kontakt der freiwilligen Helfer untereinander etwas nachgelassen hat und es im Verein ruhiger geworden ist. Doch die Strukturen und vor allem die Ehrenamtlichen sind noch vorhanden.

"Die Efis sind da", sagt Petersen, "sollten Flüchtlinge nach Erlangen kommen, wären unsere Helfer sofort zur Stelle." Schon 2015 hatte der Verein schnell auf die Situation reagiert und für hunderte Flüchtlinge Hilfe etwa bei Behördengängen und Deutschkursen organisiert.

"Man hätte nicht so lange die Augen verschließen dürfen"

Auch an der inneren Überzeugung der Mitglieder habe sich nichts geändert: "Sobald Flüchtlinge kommen, werden unsere Helfer sie freundlich begrüßen und begleiten und alles dafür tun, dass sie bei uns gut angekommen und gut integriert werden".

Wer trägt nun die Schuld an dem verheerenden Brand im Flüchtlingscamp auf Lesbos? Petersen will gar nicht so sehr mit dem Finger auf irgendwen zeigen. Sie sagt: "Man hätte nicht so lange die Augen verschließen und das Problem den Ankunftsländern überlassen dürfen."

Spätestens jetzt kommt niemand mehr an den Bildern vorbei. Landrat Alexander Tritthart (CSU) reagiert auf die Tragödie von Moria ebenfalls mit Entsetzen: "Die Bilder sind schockierend, sie können keinen unbeeindruckt lassen, es ist fürchterlich, was den Menschen dort passiert."

Landrat sieht EU in der Pflicht

Seit einigen Jahren versuche die EU, Lösungen in der Flüchtlingsfrage zu finden, was sie bisher nicht geschafft habe. "Das bedauere ich sehr", betont der Landrat und fordert: "Meines Erachtens muss es auf europäischer Ebene endlich eine Lösung geben, zusammen mit der Bundesrepublik Deutschland und letztendlich ihren Ländern."

Wie sieht es mit Erlangen-Höchstadt aus? Der Landkreis sei in einer besonderen Situation. "Wir sind keine kreisfreie Stadt, sondern haben mehrere Städte, Märkte und Gemeinden zu vertreten".

Daher könne man nicht "über die Köpfe der Bürgermeister hinweg" eine Erklärung abgeben, dass man freiwillig Flüchtlinge aufnehme. Eines ist für Tritthart klar: "Wenn wir vom Freistaat oder sonst jemanden die Aufgabe bekommen, so wie 2015 Flüchtlinge aufzunehmen, dann werden wir unserer Verpflichtung natürlich nachkommen."

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