NN/NZ-Klinikcheck

Halsschlagader-Operation: Erlanger Gefäßchirurgen verhindern Schlaganfälle

Birgit Heinrich, magazin@vnp.de
Birgit Heinrich

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16.10.2021, 05:50 Uhr
Professor Werner Lang, Leiter der Gefäßchirurgie am Erlanger Uni-Klinikum, untersucht mit Ultraschall die Halsschlagader einer Patientin.

© Harald Sippel Professor Werner Lang, Leiter der Gefäßchirurgie am Erlanger Uni-Klinikum, untersucht mit Ultraschall die Halsschlagader einer Patientin.

Auf den weiteren ebenfalls hervorragenden Plätzen finden sich das Klinikum Nürnberg Süd, das Klinikum Fürth, das Klinikum Bamberg - Betriebsstätte am Bruderwald, das Klinikum Neumarkt und das ANregiomed Klinikum Ansbach.


An dieser Gabelung der Arterien werden die Ablagerungen beseitigt. 

An dieser Gabelung der Arterien werden die Ablagerungen beseitigt.  © Henning Riediger

Was sind typische Symptome, die darauf hinweisen, dass eine Halsschlagader verengt sein könnte?
Betroffene bemerken, dass eine Körperhälfte für wenige Sekunden ganz oder teilweise gelähmt ist. Manche haben vorübergehend Sprachstörungen, bringen also kein Wort mehr heraus oder haben kurzzeitige Sehstörungen auf einem Auge. Sie sehen nichts mehr oder nicht mehr farbig. "Es kann auch nur ein Arm oder eine Hand für ein paar Sekunden gelähmt sein. Manche wundern sich, dass ihnen eine Tasse aus der Hand fällt, weil sie nicht richtig greifen können", erklärt Prof. Dr. Werner Lang, Chef der Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Erlangen.


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Diese Ereignisse sind Vorboten eines Schlaganfalls und werden viel zu oft ignoriert oder als Ungeschicklichkeit interpretiert, weil sie nur kurz andauern. "Aber das ist eine Notfallsituation. Es ist wichtig, dass man rasch handelt und schnell einen Arzt aufsucht. Wir wissen, dass ein Großteil dieser Patienten, die leichte Störungen haben, innerhalb von 30 Tagen einen schweren Schlaganfall erleiden", sagt Lang.

Professor Werner Lang leitet die Gefäßchirurgie am Erlanger Universitätsklinikum. 

Professor Werner Lang leitet die Gefäßchirurgie am Erlanger Universitätsklinikum.  © Harald Sippel

Welche Funktion hat die Halsschlagader? Und was passiert bei einem Schlaganfall?
Insgesamt führen vier Arterien zum Gehirn, zwei davon sind Halsschlagadern, zwei weitere sind Wirbel-Arterien, die direkt an der Halswirbelsäule entlangführen. Diese vier Arterien versorgen das Gehirn mit sauerstoffreichem Blut und sind an der Schädelbasis miteinander verbunden. Dadurch ist die Durchblutung des Gehirns immer gut abgesichert. "Das heißt, es spielt nicht mal eine so große Rolle, dass die verengte Schlagader weniger Blut liefert, weil das die anderen übernehmen können", sagt Lang.

Das Problem: Die Verengung einer Halsschlagader durch Substanzen wie Fette, Bindegewebszellen und Kalk – Ärzte sprechen von Arteriosklerose – führt zu einer Veränderung der Blut-Strömung. Aus dem üblicherweise gleichmäßigen Fluss wird ein turbulenter, es kommt zu Verwirbelungen und Strudelbildung. Dadurch wird die Gefäßwand rau und unregelmäßig. Die Turbulenzen und hoher Blutdruck können nun bewirken, dass die Innenschicht der Halsschlagader einreißt. Wenn das Blut dann mit diesen eingelagerten Substanzen in Kontakt kommt, bilden sich Blut-Gerinnsel. Diese und winzige Substanz-Teilchen können nun in die Hirnarterien gespült werden, sie verstopfen und einen Schlaganfall auslösen. Je ausgeprägter die Verengung der Halsschlagader, desto größer das Schlaganfallrisiko. Die Einengung wird als so genannter Stenosegrad in Prozent angegeben. "Wir operieren ab einem Stenosegrad von 70 Prozent", erklärt Lang.

Das Ranking der Kliniken in der Region.

Das Ranking der Kliniken in der Region. © Infografik

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Welche Menschen sind gefährdet?
Ein wichtiger Risikofaktor ist das Rauchen, da ist die Wahrscheinlichkeit, eine über 70-prozentige Engstelle zu bekommen, dreifach höher als bei Nichtrauchern. Weitere Risikofaktoren sind hoher Blutdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes mellitus und ein Alter ab 60 Jahren. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Jährlich erleiden in Deutschland rund 200 000 Menschen einen Schlaganfall wegen einer Durchblutungsstörung. Rund 30 000 davon entstehen durch eine Engstelle in der Halsschlagader.

Wie stellt der Arzt eine Verengung fest?
Das geht mit einer Ultraschalluntersuchung leicht und schonend für Patienten. Die typische Stelle liegt etwa in der Mitte des Halses. "Wir untersuchen, ob die Gefäßwand glatt ist, ob sie Veränderungen zeigt und ob es Kalk-Anteile gibt. Dann stellen wir den Grad der Einengung in Prozent fest", sagt Lang. Bei Patienten mit einer Engstelle, die noch nicht dramatisch ist, kann man per Ultraschall kontrollieren, ob die Verengung konstant bleibt oder zunimmt.


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Auflösen lassen sich die Ablagerungen nicht mehr. Ziel ist es zunächst, die Erkrankung mit Medikamenten zum Stillstand zu bringen. Diese Medikamente verhindern, dass sich weitere Substanzen ablagern. Sie hemmen die Blutplättchen, die an der Blutgerinnung beteiligt sind. Und sie senken das Cholesterin und optimieren den Blutdruck. Wenn eine Halsschlagader verengt ist, kann die andere auf der Gegenseite völlig normal sein oder nur leichte Ablagerungen haben. Bei manchen Patienten tritt die Verengung aber auch beidseitig auf.

Der Klinikcheck zeigt die Bewertungen der Kliniken in der Region und ihre Fallzahlen pro Jahr.

Der Klinikcheck zeigt die Bewertungen der Kliniken in der Region und ihre Fallzahlen pro Jahr. © Infografik

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Ein Qualitätsmerkmal für den NN/NZ-Klinikcheck ist die Auswahl der Patienten für einen chirurgischen Eingriff entsprechend der medizinischen Leitlinien. Welche Menschen profitieren von einer Operation der Halsschlagader, einer so genannten Karotis-Revaskularisation?
Alle, die eine hochgradige, also über 70-prozentige Einengung haben. Es werden aber in Einzelfällen auch Menschen mit einer geringeren Stenose operiert, wenn sie Symptome oder bereits einen Schlaganfall hatten. "Wir versuchen, die Patienten auch nach einem Schlaganfall möglichst frühzeitig zu operieren, weil wir wissen, dass bei ihnen ein erneuter, schwerer Schlaganfall droht", sagt Lang. Er und sein Team operieren nicht, wenn für Patienten ein hohes Operations-Risiko besteht, beispielsweise bei einer massiven Herzschwäche oder bei fortgeschrittenem Tumorleiden.
"Wenn das Risiko des Eingriffs zu hoch wird, profitiert der Patient nicht. Wir schauen bei der Auswahl weniger aufs Alter als auf den allgemeinen Gesundheitszustand", so Werner Lang. Die Gefäßchirurgen operieren nur, wenn eine einzige Stelle, am besten die Gabelung der Arterie, betroffen ist. Bei einer komplett verengten Halsschlagader ist das Risiko zu hoch.


Wie läuft eine Operation zur Wiederherstellung des Blutflusses ab?
Zunächst klemmt der Chirurg die Halsschlagader ab. "Viele Patienten fragen uns, ob das nicht gefährlich ist. Aber die anderen Gefäße übernehmen den Blutfluss, so dass das Gehirn ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird", sagt Lang. Der Gefäßchirurg kann während dieser Abklemm-Phase auch ein kleines, biegsames Kunststoffröhrchen als Umleitung einlegen, durch die das Blut dann fließt. Eine Operations-Möglichkeit ist, die Halsschlagader aufzuschneiden. Dann wird die innere und mittlere Schicht des Gefäßes, also da wo die Arteriosklerose vorliegt, ausgeschält. Die stabile äußere Gefäßwand bleibt erhalten. Beim Vernähen wird ein Kunststoffstreifen eingelegt, um Unebenheiten auszugleichen. Bei einer anderen Methode wird die Hirnschlagader abgeschnitten, wie ein Ärmel nach hinten umgestülpt, abgeschabt und wieder angenäht.

Wie gefährlich ist die Operation?
"Das ist ein standardisierter Eingriff in der Gefäßchirurgie. Die Patienten werden währenddessen sehr gut überwacht", sagt Lang. Das Risiko, während der Operation einen Schlaganfall zu erleiden, sei sehr gering und werde durch eine kontinuierliche Kontrolle der Durchblutung des Gehirns während des Eingriffs sowie eine radiologische Kontrolle des Operationsergebnisses noch im Operationssaal minimiert. Manchmal kommt es in den Stunden nach dem Eingriff zum Schlaganfall, wenn sich an frisch operierten Stellen Gerinnsel ansammeln. Aber auch dieses Risiko ist gering und liegt bei unter einem Prozent.



Wie geht es nach dem Eingriff weiter? Wann darf der Patient nach Hause?
Patienten können am Abend nach der OP aufstehen, essen und trinken. Am dritten Tag werden sie im Regelfall entlassen. "Sie können sich daheim selbst versorgen. Die Schmerzen sind gering", sagt Lang. Allen Patienten, die bereits einen Schlaganfall hatten, wird eine Reha empfohlen, weil sich neurologische Störungen wesentlich verbessern lassen. Alle anderen sollten halbjährlich zur Kontrolle gehen, nicht rauchen, sich gesund ernähren und viel bewegen.


Wie schafft es die Gefäßchirurgie in Erlangen, dass sie bei diesem Eingriff zum dritten Mal auf dem Spitzenplatz liegt?
"Die Karotis-Chirurgie hat bei uns in der Klinik eine lange Tradition", sagt Lang. "Da muss man im Team nicht mehr viel sagen, das läuft einfach." Die Auswahl der Patienten erfolge sehr sorgfältig gemeinsam mit niedergelassenen Kollegen, Neurologen und Radiologen, "sodass wir uns ganz sicher sind, dass ein über 70-prozentiger Grad der Einengung vorliegt." Jeder Patient, der an der Halsschlagader operiert wird, werde komplett durchgecheckt. "Karotis-Chirurgie ist eine Team-Arbeit und wir sind ein hervorragendes, seit vielen Jahren eingespieltes Team", sagt Lang, der weit mehr als 1500 Halsschlagader-Operationen durchgeführt hat. "Wir arbeiten fast am Gehirn. Und daraus resultiert eine extreme Verantwortung, der wir uns bewusst sind."

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