NN/NZ-Klinikcheck

Hier sind Frühchen in den besten Händen

Melanie Scheuering

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6.11.2021, 05:45 Uhr
Auf der Frühchenstation bekommt ein vier Wochen altes Mädchen, das in der 29. Schwangerschaftswoche mit 830 Gramm geboren wurde, einen Mini-Schnuller.

© Guido Kirchner, dpa Auf der Frühchenstation bekommt ein vier Wochen altes Mädchen, das in der 29. Schwangerschaftswoche mit 830 Gramm geboren wurde, einen Mini-Schnuller.

Spitzenreiter in der Früh- und Neugeborenenmedizin ist die Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen (UKE) – knapp vor der ebenfalls topplatzierten Cnopf'schen Kinderklinik in Nürnberg und dem Klinikum Bamberg. Der langjährige Erlanger Abteilungsleiter Dr. Patrick Morhart und Prof. Dr. Heiko Reutter, der im Juli eine neu geschaffene Professur als Chef der Neonatologie am UKE übernommen hat, sprachen mit uns über ein Thema, das niemanden kalt lässt.

Dr. Patrick Morhart (links) und Prof. Dr. Heiko Reutter

Dr. Patrick Morhart (links) und Prof. Dr. Heiko Reutter © Michael Matejka

Warum kommt es zu Frühgeburten?
Im Jahr 2020 wurden in der Neonatologie des UKE 796 Babys behandelt. Als "frühgeboren" gelten Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Die Risikofaktoren sind vielfältig. Seitens der Mutter sind das zum Beispiel eine Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie, ausgelöst durch zu hohen Blutdruck), Schwangerschaftsdiabetes, (Scheiden-)Infektionen, starker Stress, Nikotin- oder Alkoholkonsum. Seitens des Fötus zählen Chromosomenstörungen oder Fehlbildungen dazu. Zwillings- und Mehrlingsgeburten enden meist früher als nach der normalen Schwangerschaftsdauer von 40 Wochen.

Das Ranking der Kliniken in der Region.

Das Ranking der Kliniken in der Region. © Infografik


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Eine Frühgeburt kann auch vorkommen, ohne dass es erkennbare Anzeichen dafür gibt. "Diese unbekannten Faktoren werden wir vermutlich in den nächsten 20 Jahren identifizieren", sagt Reutter, der auf dem Gebiet der angeborenen Fehlbildungen forscht.

Manchmal wird die Geburt bewusst eingeleitet, wenn die Krankheit der Mutter lebensbedrohlich ist, oder wenn das Baby im Mutterleib nicht ausreichend versorgt wird.

Nicole Igel (36) kuschelt mit ihrem Baby auf der Neonatologie-Station des Uniklinikums Erlangen, betreut von einer Pflegerin. Der kleine Leo kam in Forchheim zur Welt, nicht als Frühchen, sondern mit einer lebensgefährlichen Komplikation. Daher wurde er direkt nach der Geburt nach Erlangen verlegt. Nach fünf Wochen durfte Papa Thomas Lebensgefährtin und Sohn mit nach Hause nehmen. "Leo hat sich gut erholt und entwickelt sich prächtig", berichtete die Vierfach-Mama unserer Zeitung.

Nicole Igel (36) kuschelt mit ihrem Baby auf der Neonatologie-Station des Uniklinikums Erlangen, betreut von einer Pflegerin. Der kleine Leo kam in Forchheim zur Welt, nicht als Frühchen, sondern mit einer lebensgefährlichen Komplikation. Daher wurde er direkt nach der Geburt nach Erlangen verlegt. Nach fünf Wochen durfte Papa Thomas Lebensgefährtin und Sohn mit nach Hause nehmen. "Leo hat sich gut erholt und entwickelt sich prächtig", berichtete die Vierfach-Mama unserer Zeitung. © Michael Matejka

Was können die Mediziner tun?
Ziel ist es immer, die Schwangerschaft so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Standard ist – auch in Erlangen – unter bestimmten Voraussetzungen die Gabe von Kortison zur Lungenreifung sowie von Wehenhemmern. "Die Kunst ist es, die Geburt hinauszuzögern und dabei das Wohl der Mutter und des Babys im Blick zu behalten", sagt Reutter. Morhart ergänzt: "Das ist oft Abwägungssache und hat viel mit Erfahrung und Einfühlungsvermögen zu tun." Ab 24 Wochen haben Babys eine reelle Chance zu überleben, ab 28 Wochen ist eine Frühgeburt heutzutage "hervorragend zu handeln", sagt Reutter. "Hundert Prozent Garantie gibt es aber nie", so Morhart.

Der Klinikcheck zeigt die Bewertungen der Kliniken in der Region und ihre Fallzahlen pro Jahr.

Der Klinikcheck zeigt die Bewertungen der Kliniken in der Region und ihre Fallzahlen pro Jahr. © Infografik


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Welche Probleme haben Frühchen?
"Die meisten Frühchen brauchen Atemunterstützung", sagt Morhart. Außerdem haben diese Babys oft Probleme mit den Nieren und dem Flüssigkeitshaushalt sowie dem Herz-Kreislauf-System. Sie neigen zu Hirnblutungen, wodurch geistige und körperliche Behinderungen drohen. Daher müssen sie rund um die Uhr überwacht werden. 14 "Brutkästen" mit modernster Technik werden auf der neonatologischen Intensivstation des UKE gewärmt vorgehalten, um eine Unterkühlung zu verhindern. Dazu gibt es transportable Geräte.

Ein zu früh geborenes Baby liegt in einem Inkubator. Dort wird es warmgehalten, bekommt Atemunterstützung und ist ständig überwacht.

Ein zu früh geborenes Baby liegt in einem Inkubator. Dort wird es warmgehalten, bekommt Atemunterstützung und ist ständig überwacht. © Britta Pedersen, dpa

Was brauchen diese Kinder noch?
Vor allem Nähe und Körperkontakt. Deshalb fördert das UKE das so genannte "Känguruen": Dabei dürfen Mama oder Papa mit ihrem Baby kuscheln. Indem es den Herzschlag der Eltern spürt, entspannt es sich messbar, es entwickelt sich besser, kann früher auf Atemhilfe verzichten, die Verdauung pendelt sich ein. "Studien zeigen sogar, dass Kinder, die viel mit den Eltern gekuschelt haben, intelligenter sind", sagt Morhart.

Eine wichtige Rolle bei der Qualitätsmessung des NN/NZ-Klinikchecks spielt die Förderung des Stillens. "Es gibt nichts Besseres für ein Baby als Muttermilch, das gilt auch und besonders für Frühgeborene", betont Morhart. "Wir ermutigen und unterstützen Frauen deshalb dabei."

Wie sieht die Betreuung der Eltern aus?
Wenn eine Frühgeburt droht, löst das bei werdenden Eltern Ängste aus. "In einem Pränatalgespräch signalisieren wir den Ernst der Lage, versuchen aber zugleich, Vertrauen zu schaffen", sagt Morhart. Die Ärzte klären auf und sprechen offen über Risiken und Möglichkeiten – auch der Tod wird nicht ausgeklammert.

"Wir Ärzte nehmen uns gern Zeit für Gespräche", sagt Reutter. "Entscheidend ist aber, dass Eltern auch auf Station bei den Pflegenden ein offenes Ohr für ihre Fragen und Sorgen haben." Bei Bedarf helfen Mitarbeitende mit Fremdsprachenkenntnissen oder der Klinikdolmetscher.

Prof. Dr. Joachim Wölfle, Direktor der Kinder- und Jugendklinik am Uniklinikum Erlangen, Dr. Patrick Morhart und Prof. Dr. Heiko Reutter (von links) schauen nach einem Frühchen im Inkubator.

Prof. Dr. Joachim Wölfle, Direktor der Kinder- und Jugendklinik am Uniklinikum Erlangen, Dr. Patrick Morhart und Prof. Dr. Heiko Reutter (von links) schauen nach einem Frühchen im Inkubator. © Michael Matejka

Und wenn es ein Baby nicht schafft?
Als Perinatalzentrum der Maximalversorgung kann das UKE meist die geeignete Behandlung anbieten. Wenn nicht, weil etwa eine Organtransplantation nötig ist, sind die Erlanger Neonatologen mit anderen deutschen Spezialkliniken vernetzt, sodass das Baby dort weiterbehandelt werden kann.

Weil ins UKE auch die besonders kritischen Fälle aus den umliegenden Krankenhäusern verlegt werden, kommt es vor, dass auf der pädiatrischen und neonatologischen Intensivstation im Schnitt alle zwei bis drei Wochen ein Kind stirbt. "Das ist eine starke emotionale Belastung. Aber es erdet und macht einem immer wieder klar, was wirklich wichtig ist im Leben", sagt Morhart, der selbst zwei Kinder hat. Den nötigen professionellen Abstand zu entwickeln, gelinge nicht immer, sagt der vierfache Vater Reutter. "Dankbarkeit für den Alltag", zieht er aus traurigen Erfahrungen, betont aber auch: "Schöne Momente gibt es jeden Tag."

Ausschlaggebend sei immer der Wille der Eltern, betont Reutter. Sie adäquat zu begleiten, sei eine wichtige, herausfordernde Aufgabe – auch wenn es darum geht, die Geräte abzuschalten und Abschied zu nehmen. "Oft bedanken sie sich später noch für die Unterstützung", sagt Morhart.

Mediziner mit Herz: Prof. Dr. Heiko Reutter (links) und Dr. Patrick Morhart auf einer ihrer Stationen am Uniklinikum Erlangen.

Mediziner mit Herz: Prof. Dr. Heiko Reutter (links) und Dr. Patrick Morhart auf einer ihrer Stationen am Uniklinikum Erlangen. © Michael Matejka

Wie wird Qualität in der Neonatologie gemessen?
Neben der Sterblichkeitsrate ist auch entscheidend, ob Folgeprobleme einer Frühgeburt auftreten, etwa Hirnblutungen, chronische Lungenerkrankungen oder Augenschäden, und wie diese behandelt werden. Großer Wert wird auf die Durchführung eines Hörtests gelegt. "Wir haben verstärkt darauf geachtet, dass bei uns kein Baby ohne Test entlassen wird", sagt Morhart. Das hat sich beim Ranking ausgezahlt.

Die intensive interne Vernetzung mit Abteilungen wie der Geburtshilfe – 2021 ebenfalls Sieger im NN/NZ-Klinikcheck –, Kinderchirurgie, Herz- und Neurochirurgie oder plastischen Chirurgie trägt zum hohen Standard bei. Auch die Kooperation mit dem Nürnberger Südklinikum, der Cnopf’schen Kinderklinik und dem Klinikum Fürth auf Ebene des Perinatalzentrums Mittelfranken stellt sicher, dass neueste wissenschaftliche Erkenntnisse umgesetzt werden.


Informationen zur Methodik des NN/NZ-Klinikchecks finden Sie hier. Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie hier.


Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Neonatologie konfrontiert?
"Wir haben ein tolles, engagiertes Team, bei uns arbeiten alle Hand in Hand", sagt Reutter. Dennoch leidet auch die Neonatologie des UKE an dem bundesweiten Personalmangel. "In Erlangen kann man sich von einem normalen Pflegergehalt keine Wohnung leisten", sagt Morhart, und Reutter betont: "Hier ist die Politik gefordert, Konzepte zu entwickeln."

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Nächste Woche zieht der NN/NZ-Klinikcheck Bilanz und bietet einen Ausblick aufs kommende Jahr. Haben Sie Fragen oder Anregungen? Mailen Sie uns: nnnz-klinikcheck@pressenetz.de

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