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Erlanger Kinderpsychologe: "Negerlein" bitte streichen!

Johannes Wilkes empfiehlt kritische Begriffe in der Jugendliteratur auszutauschen - 25.01.2013 15:18 Uhr

In Kinderbüchern sollten keine als heute rassistisch empfundenen Begriffe auftauchen, so Johannes Wilkes.

© dapd


Herr Wilkes, haben Sie früher selbst „Die kleine Hexe“ gelesen?

Wilkes: Ja, natürlich, die Bücher von Ottfried Preußler sind Klassiker. Aber auch andere Literatur, die gerade in der Diskussion ist, von Michael Ende oder Astrid Lindgren zum Beispiel, ist wunderbar und nach wie vor empfehlenswert.

Der Thienemann-Verlag will in „Die kleine Hexe“ das Wort „Negerlein“ austauschen. Weshalb regen sich so viele Menschen darüber auf?

Wilkes: Das sind Bücher, die uns ans Herz gewachsen sind. Wenn die verändert werden, ist das ganz schlimm für uns. Aber einem Kind ist das egal. Die Bedeutung, die den Begriffen zugemessen wird, verändert sich im Laufe der Zeit und man bewertet sie heute anders als früher. Das Wort „Neger“ heißt im ursprünglichen Sinn ja nichts anderes als „Schwarzer“ ohne negative Nebenbedeutungen. Ich habe immer wieder Patienten mit dunkler Hautfarbe und nicht wenige von ihnen mussten die Erfahrung machen, sich mit solchen Wörtern beleidigen zu lassen. Das ist für sie etwas Grausames. Wenn ein Wort zu einem Schimpfwort wird, finde ich es berechtigt, darüber nachzudenken, wie man diesen Begriff umgehen kann. Denn Bücher prägen ja auch das Weltbild eines Kindes.

Wird mein Kind ein Rassist, wenn ich es mit solchen Begriffen konfrontiere?

Wilkes: Nein, sicherlich nicht. Aber es werden Ressentiments in den Köpfen geweckt. Ein Ressentiment ist etwa, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht ganz auf unserer Stufe stehen, wir sie aber trotzdem mögen. Solche Begriffe befördern Wertungen und schüren eine frühe Einteilung von Menschen in unterschiedliche Kategorien. Deshalb müssen wir auf die Worte achten, die wir benutzen und darauf, was sie in den Kindern auslösen. Solange es hier in Deutschland so ist, dass Menschen mit anderer Hautfarbe diskriminiert werden, wir also noch keine Gesellschaft geschaffen haben, die frei ist von Voruteilen, muss man besonders vorsichtig sein. Ich würde mich freuen, wenn eines Tages ein Begriff wie Neger wieder völlig wertfrei verwendet werden könnte. Die Wörter sind ja unschuldig, es geht ja nur um das, was wir ihnen beimessen.

Johannes Wilkes unterstützt das Bestreben, kritische Begriffe aus Kinderbüchern zu entfernen.

© Luisa Degenhardt


Geht es in dieser Diskussion eher um „Political Correctness“ (aus dem Englischen: politische Korrektheit) oder darum, dass die Kinder die Begriffe heute nicht mehr verstehen?

Wilkes: Man muss schon aufpassen, dass man keine Kommission losschickt, die alle Kinderbücher überarbeitet. Aber wenn man sowieso vor der Neuauflage eines Buches steht finde ich es absolut in Ordnung, wenn man darüber nachdenkt, kritische Begriffe auszutauschen oder zu streichen. Es ist vielleicht auch eine Form von moralischer Korrektheit. Doch wir haben gegenüber unseren Kindern eine besondere Aufgabe, weil sie ihr Weltbild erst formen. Sie können das Gelesene nicht verarbeiten. Es wird alles eins zu eins geglaubt und dadurch wird die Einstellung geprägt. Gerade bei Kinderliteratur muss man deshalb vorsichtig sein. Ein Kind ist dem was es liest im positiven und negativen Sinn ausgeliefert. Solche Einstellungen formen sich sehr früh.

In welchem Alter formen sich Einstellungen bei Kindern?

Wilkes: Das passiert schon in den ersten Lebens- und Schuljahren. Eine eigene Meinung bildet sich erst mit Beginn der Pubertät, im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Dann fängt man an, zu hinterfragen, was man von den Erwachsenen beigebracht bekommt. Die Jugendlichen sind heute häufig schon früh sensibilisiert und deshalb oft politisch korrekter als die Erwachsenen. Jugendliche haben ein sehr feines Gespür für Ungerechtigkeit. Von den Einstellungen können wir Erwachsene noch lernen.

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Was halten Sie davon, dass kritische Begriffe direkt im Buch kommentiert werden sollen?

Wilkes: Es gibt nichts Grausameres, als wenn ein Buch Fußnoten verpasst bekommt. Dann bin ich eher dafür, dass man ganz auf andere Begriffe umsteigt. Es ist ja gerade die Illusion, die man erzeugen will und das macht den Reiz dieser Bücher aus. Und die wird durch Fußnoten behindert, weil man immer wieder unterbrechen muss. Wenn es Fragen gibt, ist das eine andere Geschichte. Ich halte es für das Einfachste, die Ausdrücke mit ein wenig Fantasie auszutauschen. 

Glauben Sie, dass wir aufgrund unserer Vergangenheit besonders sensibel mit diesem Thema umgehen?

Wilkes: Da ist zum einen unsere Vergangenheit und zum anderen, was Menschen mit dunkler Hautfarbe angetan wurde wie die Sklaverei. Abwertende Begriffe zu wählen für ein Volk, das es sowieso unheimlich schwer hatte, ist immer verwerflich.

 

Zum Kommentar "Literatur im Taka-Tuka-Land".

Interview: Luisa Degenhardt

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