Hatespeech: So geht ein Online-Redakteur mit Hass im Netz um

16.12.2019, 16:00 Uhr
Hatespeech: So geht ein Online-Redakteur mit Hass im Netz um

© Frank Rumpenhorst/dpa

Christian, um welche "Kanäle" kümmerst du dich bei nordbayern.de?

Hauptsächlich befasse ich mich mit den Facebook-Seiten von nordbayern.de, NN und NZ – da bin ich auch für das Posten zuständig. Die Kommentare auf unseren „kleineren“ Seiten wie Blaulicht Nürnberg, Nordbayern Sport und FCN-News landen aber ebenfalls bei mir, so dass ich auch die moderiere.

Wie viel deiner täglichen Arbeitszeit nimmt es in Anspruch, die Kommentare auf all diesen Seiten zu moderieren?

Das hängt davon ab, was es für ein Tag ist: An einem normalen Tag dürften es so 30 bis 40 Prozent sein. Wenn wir aber Artikel zu kontroversen Themen posten, können es auch locker mal 80 Prozent oder mehr werden.

Seit 2010 bei nordbayern.de: Online-Redakteur Christian Urban.

Seit 2010 bei nordbayern.de: Online-Redakteur Christian Urban. © Michael Matejka

Wann ist ein Hass-Kommentar ein Hass-Kommentar?

Das kann man pauschal kaum sagen, weil das auch immer im Auge des Betrachters liegt: Für manche Menschen ist es völlig normal, unter einen Artikel zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer etwas wie „einfach absaufen lassen“ zu schreiben. Für die ist das kein Hass, sondern einfach eine legitime Meinung. Für mich beginnt Hass aber schon wesentlich früher, beispielsweise bei der Verunglimpfung von Greta Thunberg als „Klima-Göre“ oder „Gretel Thunfisch“. Der Name wird veralbert und verharmlost so die perfide Form der Hetze, die damit betrieben wird.

Wie ist Eure Vorgehensweise bei Hass-Kommentaren?

Das kommt auf den Kommentar an. Bei leichten Fällen werden Kommentare nur verborgen, bei schwereren auch mal gelöscht. Wenn aber jemand etwas schreibt, was absolut nicht akzeptabel ist – wie das oben erwähnte „einfach absaufen lassen“ – fliegt der Nutzer direkt von der Seite.

+++ Der Forchheimer Stadtrat Albert Dorn über Hass und Hetze in der Politik +++

Habt ihr derartige Kommentare auch schon zur Anzeige gebracht?

Bisher kam das nicht vor, weil es schlicht nicht nötig war. Ein Hass-Kommentar ist nicht automatisch justiziabel, denn im Rahmen der Meinungsfreiheit ist es sogar problemlos möglich, etwas wie „Wird echt Zeit, dass mal wieder Züge nach Auschwitz rollen“ zu schreiben. Selbst bei so einer unfassbaren Aussage wären der Staatsanwaltschaft die Hände gebunden. Gerade vor diesem Hintergrund ist übrigens dieses ganze „Es gibt hierzulande ja keine Meinungsfreiheit mehr“-Gejammer gewisser Gruppierungen vollkommen absurd. Generell allerdings kooperieren wir seit kurzem mit der bayerischen Landeszentrale für Neue Medien und der Staatsanwaltschaft München, um strafrechtlich relevante Hasskommentare direkt weiterleiten zu können, falls es doch mal nötig ist.

Du bist seit 2010 in der Online-Redaktion. Haben sich Teile des Internets in dieser Zeit radikalisiert?

Ja, das Netz hat sich stark verändert. Insbesondere in den sozialen Netzwerken ist das Klima in den vergangenen zwei bis drei Jahren extrem hässlich geworden. Es gibt kaum noch Akzeptanz abweichender Meinungen. Man postet oder twittert etwas, das einer Gruppierung nicht passt, und schon hat man einen Shitstorm am Hals. Und wo man früher primär Katzenvideos oder lustige Bilder geteilt hat, werden nun gesellschaftliche Grabenkriege ausgefochten.

Bei welchen Themen rechnet ihr schon im Vorfeld damit, dass die Diskussion im Netz heftig wird?

Bei Flüchtlingen – besonders wenn sie im Zusammenhang mit Kriminalität auftauchen – wissen wir schon vorher, dass es übel wird. Aber dennoch muss ich absurderweise sagen: Absolut kein Thema ist schlimmer zu moderieren als Greta Thunberg oder die „Fridays for Future“-Bewegung. Was da an Kommentaren kommt, das Ausmaß der Beschimpfungen, dieser bodenlose Hass, das ist unbeschreiblich.

Stellt ihr deswegen bewusst manche Artikel nicht online?

Wir denken zumindest bei manchen Artikeln dreimal darüber nach, ob wir sie posten – und ganz besonders, wann wir das tun. Der Super-GAU wäre ein Thunberg-Posting kurz vor Feierabend. Würden wir das machen, würde sich über Nacht in den Kommentarspalten derart viel Hass ansammeln, dass die Frühschicht ziemlich verloren wäre.

"Die Geister, die ich rief...": Sind Medienhäuser nicht selber Schuld, wenn sie mit kontroversen Themen die Klickzahlen steigern wollen und dadurch die Stimmung anheizen?

Das kommt drauf an. Beim Boulevard würde ich ganz klar „Ja“ sagen, denn da gibt es Medienhäuser, die an einem Tag einen Artikel wie „So nutzen Flüchtlinge die Sozialsysteme aus“ posten und am nächsten ein pseudo-verzweifeltes „Woher kommt nur all der Hass?“-Rührstück hinterher schieben. Bedauerlicherweise fällt den meisten Lesern diese Schizophrenie gar nicht auf. Ansonsten muss man aber auch als seriöses Medium natürlich extrem aufpassen, was man wie postet. Wenn man den Titel eines an sich schon kontroversen Artikels noch mal extrem zuspitzt, um mehr Leser auf die eigene Seite zu locken, braucht man sich nicht zu wundern, wenn einem das Klima, das man dadurch schafft, irgendwann um die Ohren fliegt.

Wenn man sich den ganzen Tag mit den Untiefen des Netzes und seiner Kommentarspalten beschäftigen muss – zweifelst du da mitunter am gesunden Menschenverstand?

Der Zweifel am gesunden Menschenverstand ist ein elementarer Bestandteil jedes einzelnen meiner Arbeitstage.

Wurdest du bereits aufgrund deiner eigenen Artikel im Netz angegangen?

Ja. Wenn ich zum Beispiel ein kritisches Stück über Verschwörungstheorien schreibe, landen diese Artikel logischerweise nach relativ kurzer Zeit auf irgendwelchen Schwurbelseiten, wo die Menschen darüber natürlich nicht unbedingt erfreut sind. Häufiger kommt es aber vor, dass ich jemanden bei uns auf nordbayern.de oder auf Facebook sperre und derjenige dann mit der Sperre – zurückhaltend formuliert – nicht einverstanden ist. Da ist es schon passiert, dass ich danach persönliche Verunglimpfungen oder Beleidigungen auf Twitter, Facebook und Instagram gefunden habe.

Verfolgt dich deine Arbeit nach Feierabend?

Manchmal ja. Besonders nach Arbeitstagen, an denen ich mit vielen Kommentaren zu kontroversen Themen zu tun hatte, brauche ich eine Weile, um abzuschalten. Aber da helfen meine Frau, unser Kater und die Xbox. Oder manchmal auch einfach ein guter Whisky.

Interview: Philipp Rothenbacher

Sind Sie als Person des öffentlichen Lebens ebenfalls zur Zielscheibe von Hass im Netz oder im Alltag geworden? Hat Ihr Verein oder Ihre Gruppe mit regelmäßigen Anfeindungen zu kämpfen? Melden Sie sich bei uns, erzählen Sie von Ihren Erfahrungen: redaktion-forchheim@pressenetz.de oder Telefon (09191) 722020.

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