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Corona-Patientin: "Wir haben uns vergeblich um Hilfe bemüht"

Nach dem Südtirol-Urlaub dauerte es lange, bis ein Test gemacht wurde - 12.03.2020 20:00 Uhr

Der übliche Weg, auf Corona zu testen, ist ein Rachenabstrich. Die erste Infizierte aus dem Landkreis Fürth fand tagelang niemanden, der sie untersuchen wollte.

© Foto: Roberto Pfeil/dpa


Die Faschingsferien in der letzten Februarwoche verbrachte die erste von mittlerweile sieben bestätigten Corona-Infizierten im Landkreis mit ihrer Familie in Südtirol. Auf der Heimreise bekam die 38-Jährige in Bozen Schüttelfrost und Fieber. Noch während der Fahrt versuchte sie über die Telefonnummer 116 117 der kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und deren Bereitschaftsdienst, einen Test auf das Virus zu organisieren. Doch man verwies auf den Hausarzt. Der wiederum wollte die Erkrankte nicht in der Praxis empfangen. Man sei dafür nicht eingerichtet, es fehle an Schutzkleidung.



Zu Hause angekommen, bemühte sich die Frau aus dem Kreisnorden weiter. Doch auch andere Allgemeinmediziner im Umkreis lehnten es ab, sie aufzunehmen. Bei Telefonaten mit Praxen, Gesundheitsamt, vereinzelt auch mit dem Klinikum Fürth, verwiesen die Gesprächspartner auf die jeweils anderen. "Wir wollten nichts falsch machen, doch wir wurden belächelt und abgewimmelt. Man hat uns nicht ernst genommen", sagt die Frau rückblickend. Für ihren Ehemann ein Drama: "Wir wurden im Prinzip alleingelassen, obwohl wir aktiv Hilfe suchten."

Erst sechs Tage später, am vergangenen Samstag, kam es tatsächlich zum Test. Und der war positiv. Tags zuvor war Südtirol zum Risikogebiet erklärt worden. Dann ging es plötzlich ganz schnell: Unter Androhung "polizeilichen Zwangs" lud das Gesundheitsamt die Frau zum Mundabstrich vor.

Seit Montag liegt das positive Ergebnis vor. Seitdem steht die Familie zu Hause unter Quarantäne, obwohl der Vater zuvor vorübergehend wieder arbeiten war und die Kinder Kindergarten und Schule besuchten – in Absprache mit der Behörde.

Für die weitere Behandlung sei der Hausarzt zuständig, teilte das Gesundheitsamt mit. Doch der lehnt das nach wie vor ab. Die Mutter, immer noch verschnupft und schwach auf den Beinen, wurde bis heute nicht von einem Arzt untersucht: "Fürs Krankenhaus bin ich nicht krank genug, trotzdem hätte ich gern jemanden, der mich durchcheckt". Vor allem fragt sich die Familie, "wie geht es weiter, wann können wir wieder ins normale Leben zurückkehren?".

 

Vorerst 14 Tage isoliert

 

Zumindest diese Frage kann Christian Ell als Sprecher des Landratsamtes, an dem das Gesundheitsamt angesiedelt ist, beantworten: Die Quarantäne im privaten Umfeld ist vorerst auf zwei Wochen angesetzt. In dieser Zeit würden die Betroffenen regelmäßig angerufen. Nach 14 Tagen werde erneut getestet, läge keine Infektion mehr vor, werde die Isolierung aufgehoben.


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Doch generell betont Ell: "Erster Ansprechpartner im Verdachtsfall ist der Hausarzt oder die KVB". Er verweist zudem auf den seit Montag eingerichteten Fahrdienst der KVB, der Betroffene zu Hause aufsucht. Die Hilfskette Hausarzt und kassenärztliche Vereinigung nennt auch René Icgen, Pressesprecher des Klinikums Fürth, als erste Adresse: "Solange keine gravierenden Symptome, die eine stationäre Behandlung erforderlich machen, vorliegen, ist ein Betroffener dort besser aufgehoben."

Nur was tun, wenn der die Untersuchung ablehnt, wie im Fall der Frau aus dem Kreisnorden? Dr. Franz Jobst, Allgemeinmediziner und Sprecher des Ärztenetzes Fürth, weiß um die Problematik. Er kann aber ebenfalls nur an die KVB verweisen. Und er zeigt Verständnis für seine Kollegen. Nachdem das Gesundheitsamt die erste Praxis in Nürnberg nach dem Besuch eines Corona-Infizierten geschlossen hat, "schwebt diese Angst über allen niedergelassenen Ärzten.

Denn das bedeutet, dass ich alle anderen Patienten, die womöglich erheblich schwerer erkrankt sind als ein Corona-Infizierter, der ,nur‘ etwas Schnupfen und Fieber hat, nicht mehr versorgen kann." Wen ein Arzt behandle, liege in seinem Ermessen. "Wir müssen einfach schauen, wie wir mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten, so dass es für alle Beteiligten sinnvoll ist." Jobst ist dazu übergegangen, Corona-Tests "kontaktarm" durchzuführen. Patienten bekommen Röhrchen, in die sie Wasser oder Kochsalzlösung, mit der sie den Rachen gespült haben, geben. Diese Röhrchen gehen dann direkt ans Labor.

 

Rezeptfreie Medikamente

 

Wer keine stärkeren Beschwerden hat als bei einem grippalen Infekt, sollte, so Jobst, zu den dabei üblichen Medikamenten greifen. Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol sowie Hustenstiller bekäme man rezeptfrei in der Apotheke, der Hausarzt könne sie auch nach einem Telefonat verordnen. "Es gibt keine spezifische Therapie für Corona. Und ein leichter Infekt muss nicht ärztlich behandelt werden, auch wenn er Corona heißt." Notfalls könne man sich per Telefonat mit dem Hausarzt bis zu sieben Tage krankschreiben lassen, was die KVB seit Montag erlaubt.

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Allerdings merkt Probst an, "dass sich die Gesundheitsbehörden nun langsam doch überlegen müssten, anders vorzugehen". Das fordert auch das Ehepaar aus dem Kreisnorden. Stattdessen aber würde "hin- und her laviert, keiner will Verantwortung übernehmen und klare Regeln schaffen".

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