Raitersaich: "Das ICE-Werk passt hier nicht her"

15.5.2021, 16:00 Uhr
Nur die Bahngleise liegen zwischen dem Umspannwerk und den Wohnhäusern von Raitersaich. Auf der einen Seite ein Wald von Hochspannungsmasten, auf der anderen Seite nun auch noch ein ICE-Werk? Das lehnen Andrea Platzer, Bundestagsabgeordneter Carsten Träger und Bürgermeister Rainer Gegner (v.li.) ab.

Nur die Bahngleise liegen zwischen dem Umspannwerk und den Wohnhäusern von Raitersaich. Auf der einen Seite ein Wald von Hochspannungsmasten, auf der anderen Seite nun auch noch ein ICE-Werk? Das lehnen Andrea Platzer, Bundestagsabgeordneter Carsten Träger und Bürgermeister Rainer Gegner (v.li.) ab. © Foto: Günther Wilhelm

Strom kann man hören. Wer an sonnigen Tagen schon einmal an einem Solarpark vorbeigelaufen ist, kennt das sirrende Geräusch, das dann in der Luft liegt. Das gleiche Phänomen beobachtet Andrea Platzer, die Sprecherin der Bürgerinitiative "Stromtrassen-Widerstand"(BI), am Umspannwerk von Raitersaich. Es ist eines der größten Süddeutschlands und Startpunkt der künftigen Juraleitung P 53, mit der Tennet die Stromtrasse bis Altheim bei Landshut von 220 auf 380 Kilovolt Leistung aufrüstet.

Lediglich getrennt von der Bahnlinie Nürnberg-Ansbach liegt das Umspannwerk direkt neben dem Dorf. "Hier leben seit 50 Jahren Menschen im Dunstkreis dieses elektromagnetischen Feldes", so Platzer. Dass das nicht ohne ist, haben die Raitersaicher schon vor sechs Jahren bei einer nächtlichen Aktion demonstriert: Sie hielten Leuchtstoffröhren an den Wald der Strommasten. Die Lampen leuchteten – ganz ohne Stromanschluss.

Drei Areale nahe Raitersaich

"Raitersaich", sagt Bürgermeister Rainer Gegner, "hat schon sehr viel für das Gemeinwohl getan." Die unlängst bekannt gewordenen Pläne der Deutschen Bahn, den Ort nun auch noch als Standort für das geplante ICE-Instandhaltungswerk ins Auge zu fassen, lehnt er ab. Genauso wie zwei der acht weiteren, im Großraum ins Visier genommenen Areale, die in nächster Nachbarschaft, auf Heilsbronner Gemarkung hinter der Kreisgrenze liegen.


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In nicht-öffentlicher Sitzung haben DB-Vertreter dem Marktgemeinderat Roßtal jetzt das Projekt vorgestellt. Am Ende stand ein Positionspapier des Marktes gegen das ICE-Werk. Bei einem Ortstermin erläuterte Gegner mit Unterstützung von Parteikollegen, darunter Carsten Träger, Fürther Bundestagsabgeordneter und umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion, nun die Kritikpunkte. Mit dabei war auch Rohrs Bürgermeister Felix Fröhlich, seine Gemeinde wäre ebenfalls betroffen.

Gegner steht an der Ecke von Dorf- und Müncherlbacherstraße in Raitersaich, den Bahndamm im Rücken. Er deutet Richtung Buchschwabach: "Hier, die nächsten fünf Kilometer, bis zu 450 breit, das ist das Planungsgebiet für das ICE-Werk." Im Weg wären Vorrangflächen für Wind- und Solarenergie, der Erweiterungsstandort für eine Recycling-Anlage und ein großes Waldgebiet, "das ohne Not vernichtet würde", so Gegner.

Dazu die Verkehrsbelastung: 50 ICE-Fahrten täglich müssten im Fahrplan untergebracht werden, "dabei würden wir uns doch wünschen, dass der S-Bahn-Verkehr stärker ausgebaut wird". So schön die 450 Arbeitsplätze, die im Gespräch sind, wären: Es soll sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet werden. Diese Menschen brauchen Wasser, nicht nur für die Reinigung der Züge. Die Infrastruktur gebe das nicht her, ganz abgesehen vom Eingriff in die Natur und dem enormen Flächenverbrauch von bis zu 45 Hektar.


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Unverständlich ist Gegner diese Auswahl, was auch für die zwei Standorte auf Heilsbronner Grund gelte. "Es gibt geeignetere, die auch näher an Nürnberg liegen als wir hier draußen."

Mit der im Zuge der Juraleitung geplanten Verlegung des Umspannwerks um mindestens 400 Meter nach Westen zeichne sich zwar eine Erleichterung ab, denn damit rückt auch die komplette Trassierung vom Dorf ab. Trotzdem wäre Raitersaich umzingelt von Projekten, die überregionalen Interessen dienten, die Lebensqualität der Bürger vor Ort und die Planungshoheit der Kommune aber einschränkten.

Parteiübergreifende Allianz

Träger stellt sich voll hinter diese Kritik: "Bei aller Sympathie für Bahnprojekte, hier passt so eine große Anlage einfach nicht her." Er verspricht, sich auf die Suche nach einer parteiübergreifenden Allianz regionalen Abgeordneter zu machen - und bezieht das auch auf die Tennet-Pläne zur Juraleitung weiter in Richtung des südwestlichen Umlands von Nürnberg.


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Grundsätzlich sei er ein Befürworter des Netzausbaus. "Doch wir müssen vor Ort genau hinschauen." Für Träger ist die Akzeptanz entscheidend, nicht die Kosten. Er plädiert für Erdverkabelungen, wo der Stromkorridor zu nah an die Bürger rückt. "Wir sprechen jetzt über eine Trasse, deren Bau frühestens in fünf Jahren beginnt. Und eigentlich sollten wir morgen klimaneutral sein. Das dauert alles viel zu lange für die Energiewende."

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