Montag, 30.11.2020

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Stadttheater Fürth: Warum der Intendant gerade unlocker ist

Werner Müller fordert mutigere Schritte des Freistaats zugunsten der Kultur - 12.10.2020 05:58 Uhr

Neuerdings Meister im Verschieben und Termineverlegen: Werner Müller (62) und seiner Mannschaft haben die vergangenen Monate zugesetzt. Dennoch blickt er mit Vorfreude auf die Uraufführung des Musicals „Swing Street“. Dass die vor nur 200 Zuschauern über die Bühne gehen muss, lasse sich nicht schönreden. Doch so kann es nicht weiter gehen, sagt er, der Ende 2023 in den Ruhestand geht.

07.10.2020 © Foto: Thomas Scherer


Ende 2023 ist Schluss. Nach 33 Jahren an der Spitze des Stadttheaters Fürth geht Werner Müller in den Ruhestand. Von Vor-Ruhestand kann bei dem 62-jährigen Theaterleiter aktuell aber gar keine Rede sein. Die Pandemie hat auch das Fürther Haus im Griff. Müller sieht nun vor allem einen in der Pflicht. Und der hockt in München.

Sogar Intendanten gehen hin und wieder privat ins Theater oder ins Konzert. Welches Kulturerlebnis ging wegen Corona eigentlich für Sie in die Hose?

Werner Müller: Ich hatte schon vor der Pandemie beschlossen, in diesem Sommer nicht nach Bayreuth und Salzburg zu fahren. Auf Karten sitzen geblieben bin ich nicht, denn es fielen ja auch die Tanzfestivals aus, die ich gerne besuche. Langeweile hatte ich deshalb trotzdem nicht, in keiner einzigen Sekunde. Die Shutdown-Monate waren brutal, für mich die schlimmste Zeit überhaupt. Die Spielzeit 20/21 war ja fast fertig konzipiert. Und dann das.

Es gibt allerdings schlimmere Optionen als die, die Pandemie in Bayern überstehen zu müssen - ein Satz, den auch der Intendant eines bayerischen Theaters unterschreibt?

Müller: Grundsätzlich ja, zumal, wenn man an sehr viel höher belastete Länder denkt. Ambivalent ist mein Fazit dennoch. Ich bin der Meinung, dass die Theater gerade in Bayern mit der Einhaltung der Hygienekonzepte so gut aufgestellt sind, dass ich mir zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine weitere Lockerung wünsche.

Wie kann die aussehen?

Müller: Wir sind dankbar für jeden Zuschauer mehr. Und wir wissen auch, dass die freie Szene immer mehr an den Rand ihrer Existenz gebracht wird. Da frage ich mich schon, welchen Stellenwert Kultur hat. Und da muss ich sagen: Ich sehe Bemühungen, aber keine greifbaren Ergebnisse. Die Reduzierung des Abstands von 1,50m auf 1m halte ich jedenfalls für erwägenswert. Und ich sage das wirklich selten, aber: Da ist Österreich mal ein leuchtendes Beispiel.

Nur 200 Zuschauer

Siehe Salzburger Festspiele. Das war ein großes Wagnis.

Müller: Das aber geklappt hat. Und bei uns ist es nicht anders als dort: Leute, die ins Theater gehen, halten sich an die Regeln. In den Saal des Berliner Ensembles, der in seiner Größe mit unserem Haus (700 Plätze, FN) vergleichbar ist, dürfen etwa 400 Leute. Während der gesamten Vorstellung müssen sie eine Maske tragen. Ich weiß nicht, warum das nicht auch bei uns möglich sein sollte. Wir müssen weiterhin vor 200 Zuschauern spielen.

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Haben Sie das schon Ihrem Ministerpräsidenten mitgeteilt?

Müller: Es gibt die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen und den Landesverband des Deutschen Bühnenvereins. Auf diesen Wegen gibt es Kommunikation, und einzelne kleine Schritte sind ja auch schon gemacht worden. Trotzdem brauchen wir eine weitere Perspektive. Wie es jetzt ist, das ist zu wenig. Was ist denn, wenn künstlerisches Personal irgendwann nicht mehr zur Verfügung steht? Eine bedenkliche Perspektive, finde ich.

Wie darf man sich aktuell den Tagesablauf im Intendantenbüro vorstellen?

Müller: Es gibt eine deutliche Umkehrung unserer Planungsabläufe. Absagen und Verschiebungen gab es auch früher, im Schnitt vielleicht ein halbes Dutzend pro Saison. Jetzt aber stehen Sie in einem Berg aus Änderungsmitteilungen. Dieser permanente Verschiebebahnhof nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch. Eine enorme Herausforderung für unser Team, das seit dem Shutdown Großartiges leistet und das ohne Ausnahme gottseidank gesund geblieben ist.

Starke Spendensumme

Wie hält man unter solchen Umständen die Abonnenten?

Müller: Von den 6500 Abonnenten haben wir 5100 halten können. Das ist ein sehr gutes Signal für uns und unsere Arbeit. Der Theaterverein meldet sogar steigende Mitgliederzahlen. Über die Nichtinanspruchnahme von Erstattungen für ausgefallene Abende haben wir 175.000 Euro als Spende erhalten. Das ist ein großartiger Vertrauensbeweis unserer Abonnenten und ein sehr konkreter finanzieller Anschub. Zum Vergleich: Kassel bekam 26.000, Frankfurt 110.000 Euro. Und anstelle der Abo-Vorstellungen gibt es bei uns nun Gutscheine, die bis Ende 2022 für alle Vorstellungen einlösbar sind. Das halte ich für eine gute Gelegenheit, auch einmal ein anderes Genre auszuprobieren. Nicht zu ändern ist allerdings der Vorverkaufsbeginn vier Wochen vor der Vorstellung. Da müssen wir unser Publikum schlicht um Verständnis bitten. Weiter vorplanen können wir aktuell nicht.

Der erste große Brocken dieser Spielzeit, das Musical "Swing Street" von Ewald Arenz und Thilo Wolf, hat am 16. Oktober Uraufführung. Wie nehmen Sie die Probenstimmung wahr?

Müller: Alle sind gut drauf, niemand ist krank, jeder ist getestet worden und wird es in den nächsten Tagen nochmal. Thilos Band sitzt auf der Bühne hinter Plexiglas, und da auf zehn Bühnenquadratmeter eine Person kommen darf, haben wir 15 Solistinnen und Solisten.

Ein Musical vor 200 Zuschauern - hat ein bisschen was von einem Geisterspiel, oder?

Müller: Das kann und muss man nicht schönreden. So ist es nun mal.

Küssen und Umarmen: Soll ja öfter mal vorkommen in Musicals. Dürfte aber ebenfalls nicht gehen. Gibt es coronabedingt dramaturgische Eingriffe?

Müller: Natürlich müssen wir schauen, dass die Abläufe coronagerecht funktionieren. Die Tanzszenen kriegen in diesen Tagen den letzten Schliff.

Seit dem Sommer ist bekannt, dass Sie Ende 2023 in den Ruhestand gehen. Stichwort "Utopia": Was ist Ihre Utopie fürs Stadttheater 2024?

Müller: Dass es ein coronafreies Theater sein wird. Ich will mich ansonsten nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Die Frage ist, ob die Stadt als Rechtsträger unser in vielen Jahren entwickeltes Konzept aus Eigen- und Koproduktionen sowie Gastspielen strukturell und grundsätzlich fortsetzen will oder nicht. Damit muss sich auch die Findungskommission, die nächsten Sommer mit der Arbeit beginnen wird, befassen.

"Swing Street": Uraufführung am 16. Oktober, 19.30 Uhr. Weitere Termine: 17./18./20./21. Oktober (Jeweils 19.30 Uhr). Karten ausschließlich an der Theaterkasse und aktuell nicht in den NN-Geschäftsstellen.

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