NN/NZ-Klinikcheck

Geburtshilfe: Diese Klinik bietet einen optimalen Start ins Leben

Birgit Heinrich, magazin@vnp.de
Birgit Heinrich

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30.10.2021, 05:52 Uhr
Der Oberarzt Mathias Winkler hält ein Baby, das gerade per Kaiserschnitt geboren worden ist, in den Händen. Es kam im Kreißsaal der Geburtshilfe am Uniklinikum Erlangen zur Welt. 

Der Oberarzt Mathias Winkler hält ein Baby, das gerade per Kaiserschnitt geboren worden ist, in den Händen. Es kam im Kreißsaal der Geburtshilfe am Uniklinikum Erlangen zur Welt.  © Daniel Karmann/picture alliance / dpa, NNZ

Ebenfalls hervorragende Qualität bieten das Klinikum Fürth, das Klinikum Bamberg - Betriebsstätte am Bruderwald, die Klinik Hallerwiese - Cnopfsche Kinderklinik Nürnberg, das Klinikum Nürnberg Süd, das Klinikum Forchheim, das St. Theresien-Krankenhaus Nürnberg, die Klinik Neustadt an der Aisch und die Kreisklinik Roth.

Assistenzärztin Dr. Karina Becker (von links) und Professor Sven Kehl besuchen die junge Mutter Karolin Edinger und ihr Baby Ferdinand. Der Kleine kam einen Tag zuvor zur Welt. 

Assistenzärztin Dr. Karina Becker (von links) und Professor Sven Kehl besuchen die junge Mutter Karolin Edinger und ihr Baby Ferdinand. Der Kleine kam einen Tag zuvor zur Welt.  © Harald Sippel, NN

Wie wichtig ist es, dass eine Frau gut informiert über den Ablauf der Geburt in den Kreißsaal kommt?

"Überaus wichtig. Wenn Frauen wissen, was mit ihrem Körper passiert, macht es die Sache wesentlich einfacher", sagt Prof. Dr. Sven Kehl, Koordinator des Perinatalzentrums am Uniklinikum Erlangen. Wenn eine Gebärende nicht gut informiert ist, dann klären Hebammen und Ärzte sie auf. Ungünstig ist es, wenn Frauen einen bestimmten Geburtsablauf erwarten und sich darauf festgelegt haben. "Wie so oft im Leben kommt es nicht immer so, wie man es sich wünscht, und manche Frau ist enttäuscht, wenn es nicht so eintrifft." Die Gynäkologen müssen dann womöglich Wehen verstärken oder das Kind so schnell wie möglich herausholen – "also Dinge tun, die die Schwangere partout nicht wollte. Das ist eine ganz unglückliche Situation."

Professor Dr. Sven Kehl, Koordinator des Perinatalzentrums am Uniklinikum Erlangen. 

Professor Dr. Sven Kehl, Koordinator des Perinatalzentrums am Uniklinikum Erlangen.  © Harald Sippel, NN


Informationen zur Methodik finden Sie hier.


Was ist Frauen denn für ihre Entbindung besonders wichtig?

"Einerseits Selbstbestimmtheit, andererseits natürlich eine sichere Geburt", sagt Kehl. Der Anspruch der Geburtshilfe sei es, diesen Wünschen gerecht zu werden. Werdende Mütter seien natürlich keine Profis, hätten aber unter anderem auch durch soziale Medien viele Informationen gesammelt. "Und da müssen wir an der ein oder anderen Stelle manches ein bisschen geraderücken", sagt der Oberarzt. Schließlich ist jede Geburt anders. Und was für die eine Frau richtig sein mag, könnte für eine andere nicht ganz so optimal sein.


Das Ranking der Kliniken in der Region.

Das Ranking der Kliniken in der Region. © FAU Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Redaktionsservice VNP

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Ein Qualitätskriterium ist, wie unkompliziert Kaiserschnitte ablaufen. Wie viel Prozent der Geburten machen diese aus, und was sind die häufigsten Gründe dafür?

In der Erlanger Geburtshilfe ist die Kaiserschnittrate mit 27 Prozent sehr niedrig für eine Uniklinik, die sehr viele Risikoschwangerschaften betreut. Aber dabei handelt es sich um den Durchschnittswert. Bei Frauen, die schon Kinder geboren haben, liegt die Kaiserschnittrate bei zwei Prozent, bei Frauen, die zum ersten Mal entbinden, bei elf Prozent, bei Frauen, die stark übergewichtig sind und bei denen die Geburt eingeleitet werden muss, bei 57 Prozent. Die häufigsten Gründe: "Die Frau hatte bereits einen Kaiserschnitt und möchte wieder einen – wobei nach einem ersten Kaiserschnitt auch eine normale Geburt möglich ist", sagt Kehl. Weitere Gründe sind Erkrankungen der Mutter oder Fehlbildungen beim Kind sowie eine Beckenendlage.


Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie hier.


Gewährt die Geburtshilfe in Erlangen Wunschkaiserschnitte?

"Wir sind sehr vorsichtig mit diesem Begriff, denn es ist ja nicht so, dass Frauen sagen, sie könnten sich nichts Schöneres vorstellen", so Kehl. Die Frauen, die nach einem Kaiserschnitt verlangen, haben aus unterschiedlichen Gründen meist große Ängste vor einer normalen Geburt, manchmal auch, weil sie eine Behinderung des Kindes befürchten. "Da versuchen wir natürlich, Ängste zu nehmen und aufzuklären, dass es während der Geburt jederzeit möglich ist, einen Kaiserschnitt durchzuführen", sagt der Oberarzt. Wenn eine Frau auch nach dieser Aufklärung unbedingt einen Kaiserschnitt wünscht, dann bekommt sie ihn auch. "Aber das ist kein Eingriff auf Bestellung, sondern bergründet in Ängsten, die wir ernst nehmen."

Hier kommen Frauen an, deren Entbindung bevorsteht: Der Eingang zum Kreißsaal der Geburtshilfe am Uniklinikum Erlangen. 

Hier kommen Frauen an, deren Entbindung bevorsteht: Der Eingang zum Kreißsaal der Geburtshilfe am Uniklinikum Erlangen.  © Harald Sippel, NN

Welche sanften Methoden bietet die Geburtshilfe an?

Die wirksamste Form der Schmerzlinderung ist die Periduralanästhesie (PDA). Dabei wird über einen Katheter ein Schmerzmittel in den Periduralraum der unteren Wirbelsäule gespritzt, der das Rückenmark umgibt, und so die Schmerzweiterleitung von dort aus ins Gehirn blockiert. Die PDA wird im Sitzen oder Liegen gelegt. Über den Katheter können bei Bedarf kontinuierlich Betäubungsmittel gegeben werden. "Eine PDA ist nicht schädlich fürs Kind und kann dabei helfen, die Geburt in besserer Erinnerung zu behalten", sagt Kehl. Die Geburtshilfe Erlangen hat eigene Anästhesisten, die die PDA rund um die Uhr gewährleisten können.

Es gibt neuerdings auch die so genannte Single-Shot-Technik, bei der einmalig ein Betäubungsmittel in den Spinalkanal injiziert wird. Sie eignet sich vor allem zum Ende des Geburtsvorgangs und für Frauen, bei denen eine PDA technisch schwer durchführbar ist. Aber auch Schmerzmedikamente, homöopathische Mittel oder Lachgas, das die Frau über eine Maske einatmet, können helfen. "Ganz wichtig bei der Geburt ist eine optimale Betreuung", sagt Kehl. Am Uniklinikum Erlangen begleitet eine Hebamme durchschnittlich ein bis zwei Frauen. Zusätzlich wird sie von Hebammen-Schülerinnen und -Studentinnen unterstützt, die den Gebärenden zur Seite stehen.


Die Grafik zeigt die Detailergebnisse der Krankenhäuser.

Die Grafik zeigt die Detailergebnisse der Krankenhäuser. © FAU Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Redaktionsservice VNP

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Bei der Bewertung der Kliniken spielt auch eine Rolle, ob bei einer Frühgeburt ein Kinderarzt anwesend ist und wie lange die Zeit zwischen dem Entschluss für einen Kaiserschnitt und der Durchführung ist. Sie darf höchstens 20 Minuten betragen. Welche Standards gelten hier?

Das Uniklinikum Erlangen gehört gemeinsam mit dem Klinikum Nürnberg Süd, dem Klinikum Fürth und der Klinik Hallerwiese/Cnopfsche Kinderklinik Nürnberg zum Perinatalzentrum Mittelfranken. Alle beteiligten Kliniken sind so genannte Level-1-Zentren, die im Gegensatz zu anderen Kliniken auch Frühchen unter 1500 Gramm entbinden dürfen. "Bei uns geht alles schnell. Wir haben rund um die Uhr einen Kinderarzt und einen Narkosearzt vor Ort und einen eigenen OP im Kreißsaal", sagt Kehl. In der Regel vergehen zwischen Entschluss und Durchführung eines Kaiserschnitts weniger als zehn Minuten.

Wie sieht die psychologische Hilfe für Frauen aus, die eine Totgeburt haben oder ein Kind mit Fehlbildungen zur Welt bringen?

Am Uniklinikum Erlangen gibt es ein psychosoziales Team mit speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen, die sich um betroffene Frauen und deren Männer kümmern. "Die machen das wirklich mit großem Engagement. Für sie ist ihr Beruf eher eine Berufung", sagt der Oberarzt. Oft betreuen diese Mitarbeiterinnen ihre Patientinnen weit über Schwangerschaft und Geburt hinaus über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. Werden die Frauen erneut schwanger, nehmen sie den Kontakt zum psychosozialen Team meist wieder auf.

In welchem Ausmaß mischen die Ärzte bei einer Geburt mit?

So wenig wie möglich. Wenn eine Entbindung unkompliziert ist, bleiben sie im Hintergrund, und die Hebamme kümmert sich um die Gebärende. Sobald es Auffälligkeiten gibt, können Gynäkologen beraten und eingreifen.

In welchen Fällen betreut die Geburtshilfe am Uniklinikum die Frauen schon während der Schwangerschaft?

Bei Risikoschwangerschaften, beispielsweise dann, wenn eine Frau unter Schwangerschafts-Diabetes leidet. Die niedergelassenen Gynäkologen übernehmen die normalen Schwangerschaftskontrollen. Die Ärzte am Klinikum bieten zusätzlich spezielle Untersuchungen an für jene Frauen, die nicht gut diätetisch eingestellt sind und bei denen die Gefahr besteht, dass das Kind zu groß wird. Außerdem bietet die Geburtshilfe spezielle Pränatal- und Risiko-Sprechstunden an und hat auch eine Notfallambulanz. "Ein Riesenvorteil, den wir als Uniklinikum haben, ist, dass wir aus allen Fachkliniken beispielsweise Nieren-, Leber- oder Herzspezialisten dazuholen können", sagt Kehl.

Welche Rolle spielt Covid-19 derzeit in der Geburtshilfe?

Jede Frau, die zur Entbindung kommt, wird getestet. Für positiv Getestete steht ein eigener Gebärsaal und ein eigenes Zimmer auf Station zur Verfügung. Auch infizierte Frauen dürfen stillen. "Das ist sogar gut fürs Kind", so Oberarzt Kehl. Das Uniklinikum Erlangen empfiehlt das Impfen gegen Covid-19 sowohl in der Schwangerschaft als auch im Wochenbett. Väter können mit in den Kreißsaal und auf Station. Geschwisterkinder unter 14 Jahren dürfen nicht hinein. Allerdings gehen acht bis zehn Prozent der Mütter zwölf Stunden nach der Geburt nach Hause. Alle anderen Frauen kehren durchschnittlich nach 2,6 Tagen zu ihren Familien zurück.

Obwohl der Anteil der Risikoschwangerschaften am Uniklinikum sehr hoch ist, liegt die Geburtshilfe zum sechsten Mal in Folge auf Platz eins im Klinik-Ranking. Wie erreicht man dauerhaft diese Qualität?

"Wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir uns auf unseren Erfolgen nicht ausruhen, dass alles standardisiert ist und wir diese Standards immer wieder überarbeiten", sagt Sven Kehl. Auch in der Rubrik Patientenzufriedenheit verzeichnet die Geburtshilfe hervorragende Werte. "Wir haben wie alle anderen auch Frauen, die unzufrieden sind. Aber, wir nehmen ihre Unzufriedenheit ernst", ergänzt Prof. Dr. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik, zu der die Geburtshilfe gehört. Jeder Beschwerdebrief werde noch am selben Tag beantwortet. "Für persönliche Gespräche stehen wir selbstverständlich auch zur Verfügung", so Beckmann. "Wir können keine Wunder bewirken. Aber wenn wir es geschafft haben, dass Mutter und Kind gesund und zufrieden nach Hause gehen, dann haben wir gute Qualität geliefert."

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Die nächste Folge des NN/NZ-Klinikchecks am 6. November 2021 befasst sich mit Neonatologie, also mit der Behandlung von Früh- und Neugeborenen. Fragen oder Anregungen? Mailen Sie uns: nnnz-klinikcheck@pressenetz.de

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