"Land schafft Verbindung" in der Krise

Grabenkämpfe und rechte Symbole: Neue Bauernbewegung demontiert sich selbst

André Ammer

Region und Bayern

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5.7.2021, 05:51 Uhr
Rund 2500 Traktoren standen im Januar 2020 bei einer Kundgebung von LSV auf dem Nürnberger Volksfestgelände. Inzwischen demontiert sich die Bewegung aber selbst.

© Stefan Hippel Rund 2500 Traktoren standen im Januar 2020 bei einer Kundgebung von LSV auf dem Nürnberger Volksfestgelände. Inzwischen demontiert sich die Bewegung aber selbst.

Einige Kämpfer der ersten Stunde haben inzwischen hingeworfen. Zum Beispiel Sebastian Dickow, der frühere Sprecher des bayerischen LSV-Ablegers, der sich schon vor über einem Jahr aus allen Funktionen zurückgezogen und bei seinem Rücktritt nicht mit klaren Worten gegeizt hatte.

Er habe gehofft, dass die Zeit des Spaltens und des Gegeneinanderarbeitens vorbei sei, sagte Dickow in einem Abschiedsvideo, in dem er auch von "Schreihälsen und Hetzern" sprach. Der niederbayerische Landwirt hatte die nötige Unterstützung in seiner Landesgruppe vermisst und war nach eigenen Worten monatelang persönlichkeitsverletzenden Anfeindungen von Gruppenmitgliedern ausgesetzt gewesen.


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Dickow war in Chats beispielsweise als "Verräter" bezeichnet worden, der "erschossen gehöre, wenn wir Kriegsrecht hätten". Unter anderem war dem früheren LSV-Funktionär unterstellt worden, er nutze sein Engagement in der neuen Protestbewegung als Sprungbrett für eine Karriere beim Bauernverband.

Streit in immer neuen WhatsApp-Gruppen

Der Umgang mit Dickow zeigt, wie die größte ursprüngliche Stärke von "Land schafft Verbindung", die schnelle Kommunikation über soziale Netzwerke, der Gruppierung nun auf die Füße fällt. Mithilfe neuer Medien wie WhatsApp können die Aktiven blitzschnell für spontane Aktionen wie Demonstrationen vor Molkereien oder Zentrallagern von Handelskonzernen zusammengetrommelt werden. Auf der anderen Seite beharken sich viele Mitglieder in immer neuen Whatsapp-Gruppen gegenseitig oder organisieren Demos, die die junge Bewegung in ein schlechtes Licht rücken.

Etwa eine Kundgebung gegen den mittelfränkischen CSU-Abgeordneten Artur Auernhammer, der sich von fragwürdigen Symbolen bei LSV-Demos distanziert hatte. Ausgerechnet am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, waren bei einer Aktion in Berlin auch einige Traktoren am Holocaust-Mahnmal vorbeigerollt, an denen zu Beginn der Kundgebung die umstrittene Landvolkflagge hing.

Dieses Logo aus der Weimarer Zeit, ein weißer Pflug mit rotem Schwert auf schwarzem Grund, steht für eine Bewegung, die aus der rechten Ecke stammt und während der NS-Zeit völkisch und antisemitisch agierte. "An der Seite dieser Demonstranten stehe ich nicht", hatte Auernhammer in einer Rede im Bundestag betont und einige Wochen später die Quittung für diese "Diffamierung gegen die Bauern und die bäuerlichen Gruppierungen" bekommen.

Stimmung wurde immer aggressiver

So wurde es in einem Demo-Aufruf von "Landwirtschaft verbindet Bayern", der neuen Unterorganisation der LSV-Bewegung, formuliert, und mehr als 100 Landwirte demonstrierten daraufhin am Rande einer CSU-Veranstaltung in Bechhofen (Kreis Ansbach), bei der Auernhammer für die Bundestagswahl nominiert worden war. Der agrarpolitische Sprecher der CSU im Bundestag wollte mit den Demonstranten diskutieren, brach dann aber ab, als die Stimmung immer aggressiver wurde.

"Gerade jetzt wäre es so wichtig, dass die Landwirte geschlossen auftreten, aber nun werden die bisherigen Erfolge dieser Bewegung wieder kaputtgemacht", kritisiert Auernhammer, der von der Grundidee von "Land schafft Verbindung" eigentlich sehr angetan ist. "Beeindruckt und bewegt" sei er gewesen, als im November 2019 über 8000 Traktoren durch Berlin rollten und die Landwirte für eine grundlegende Agrarwende, angemessene Preise für landwirtschaftliche Produkte und mehr gesellschaftliche Akzeptanz für ihren Berufsstand demonstrierten.


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Die "jungen Wilden" in der Bauernschaft, die sich mit diesen Protesten auch ein Stück weit von den etablierten Landwirtschaftsverbänden abgrenzen wollen, wurden denn auch sehr schnell gehört in der Politik. Unter anderem waren LSV-Vertreter zum Agrargipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeladen worden.

Schon zu dieser Zeit wurde die Bewegung allerdings von ersten internen Machtkämpfen durchgeschüttelt. So hatte sich die niedersächsische Landwirtin Maike Schulz-Broers, die 2019 auf Facebook den Stein ins Rollen gebracht hatte, mit einigen ihrer Mitstreiter überworfen und konzentriert sich inzwischen auf ihre Facebook-Seite "Land schafft Verbindung", die nun den Zusatz "Das Original" trägt.

Vereinnahmung durch die AfD

Auch wegen des Streits um die Namensrechte und das LSV-Logo haben sich die bayerischen Vertreter der Bewegung dafür entschieden, einen eigenen Verein zu gründen, der "Landwirtschaft verbindet Bayern" heißt. Doch auch nach dem Rücktritt von Vorstandsmitglied Sebastian Dickow ist dort nicht wirklich Ruhe eingekehrt. Dem neuen Vorsitzenden Rainer Seidl wird unter anderem vorgeworfen, dass er nicht entschieden genug gegen die Vereinnahmung der Bewegung durch rechte Gruppierungen und Parteien wie die AfD einschreite. Und auf Bundesebene haben vor Kurzem die LSV-Landesverbände Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern dem Dachverband den Rücken zugekehrt, weil man sich nicht in allen Bundesländern klar von "zweifelhaften politischen Symbolen" abgrenzt.

"In Kleinkriegen auseinanderdividiert"

Dickow wiederum hatte sich unter anderem bei einer großen Kundgebung in Nürnberg im Januar 2020 dagegen gewehrt, dass die AfD dort als Trittbrettfahrer agiert. "Diese Bagage hat auf unserer Bühne nichts zu suchen", betonte er damals.

Seidl wiederum hat sich nach eigener Aussage an Stephan Protschka, den agrarpolitischen Sprecher der AfD im Bundestag, gewandt und gefordert, dass dessen Partei die LSV-Demos nicht für ihre Zwecke instrumentalisiert.
Doch wenn einzelne Demonstranten zum Beispiel die Landvolkflagge schwenken, könne er nicht viel ausrichten. "Ich appelliere an die Vernunft, aber ich kann denen ja noch nicht einmal einen Platzverweis erteilen", erklärt der niederbayerische Landwirt. Die Bauernschaft sei eben eine sehr bunte Szene mit vielen unterschiedlichen Strömungen.

Artur Auernhammer formuliert es schärfer: "Viele Aktive von LSV haben sich in Kleinkriegen auseinanderdividiert und die Bewegung geschwächt", sagt der CSU-Politiker. Das sei sehr schade, denn eigentlich brauche die Landwirtschaft diese neue Stimme.

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