Psychologe: Polizeipräsenz kann traumatisieren

Großeinsätze wegen Waffen an fränkischen Schulen: Polizei steht vor Alarmismus-Dilemma

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

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13.11.2021, 06:06 Uhr
Ende Juli rückte das SEK an die Dr.-Theo-Schöller-Schule nach Nürnberg aus. Passanten sahen dort Jugendliche mit einer Waffe. Wie oft in solchen Fällen handelte es sich um eine täuschend echt aussehende Attrappe. 

Ende Juli rückte das SEK an die Dr.-Theo-Schöller-Schule nach Nürnberg aus. Passanten sahen dort Jugendliche mit einer Waffe. Wie oft in solchen Fällen handelte es sich um eine täuschend echt aussehende Attrappe.  © NEWS5 / Grundmann, NEWS5

(Platzhalter))Es waren martialische Bilder. Sechs schwerbewaffnete Kräfte der Spezialeinheiten patrouillierten im Juli vor einer Nürnberger Schule. Weitere Polizisten bewachten Eingänge, Klassenzimmer wurden durchkämmt.

Tauchen Polizisten mit Maschinenpistolen vor einer Schule auf, löst das Ängste aus - bei den Kindern, die im Inneren ausharren, bei den Eltern, die teils tränenüberströmt davor stehen, nicht zuletzt auch bei den Lehrern. Gleich drei Mal kam es in den vergangenen Monaten zu Großeinsätzen an Schulen in Mittelfranken, zuletzt Anfang der Woche an der Pestalozzi-Schule in Oberasbach im Landkreis Fürth, wo ein anonymer Anrufer einen Jugendlichen mit einer Waffe gesehen haben will.

Dann, wenn es um mögliche Bedrohungslagen an Schulen geht, beginnt für die Polizei ein schmaler Grat. Klaus Wild vom Polizeipräsidium Mittelfranken ist selbst häufig an solchen Einsätze beteiligt. "Das ist keine Lappalie und kann sehr schnell gefährlich werden." Doch besonders dann, wenn Spezialeinheiten anrücken, wird es schwierig. Polizisten in Kampfmontur, mit Maschinenpistolen und Sturmhauben können vor allem junge Schüler schnell verunsichern, sie sogar traumatisieren. "Als wir gehört haben, dass es in Oberasbach um eine Grund- und Mittelschule geht, haben wir uns gegen das SEK entschieden", erklärt Wild. "Da richten wir mehr Schaden an, als es hilft."

Polizei trainiert regelmäßig an Schulen

Gerade in den ersten Minuten ist die Situation unübersichtlich. Gibt es einen Schützen und eine tatsächliche Amoklage? Oder war es ein Fehlalarm? Das Vorgehen an den Schulen ist durchkoordiniert. So gut wie immer gibt es Notfallpläne für Bedrohungsszenarien. Die Schüler verbarrikadieren sich in ihren Klassenzimmern, Türen werden mit Tischen und Stühlen blockiert. "Wenn wir wirklich einen Täter hätten, der sich frei in der Schule bewegt, können wir keine Vermischung gebrauchen", sagt Wild. Auch strikte Handyverbote helfen. "Wenn Schüler aus dem Inneren mit ihren Eltern kommunizieren, entstehen schnell wilde Gerüchte."

Die Polizei ist auf den Ernstfall vorbereitet, auch bei dem Vorfall in Oberasbach. "Wir sind für alle Eventualitäten gerüstet und trainieren dafür auch an Schulen", erklärt Wild. Im ersten Schritt wird nach der Alarmierung eine sogenannte Kräftesammelstelle in einiger Entfernung zum Tatort eingerichtet. "Damit wir schnell intervenieren können." Parallel dazu durchkämmen erste Polizisten Gänge, Klassenzimmer, Toiletten. "Das wird alles sauber und gezielt geplant."

Für einige Schüler ist ein solcher Einsatz traumatisierend. "Durch die Corona-Pandemie ist die Situation an den Schulen noch immer von Unsicherheit und Ängsten geprägt", sagt Klaus Seifried. Der ehemalige Lehrer ist heute Schulpsychologe. "Wenn Gewaltvorfälle stattfinden, ist das vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Belastung."

Gefühlscocktail bei Schülern und Eltern

Es ist ein Dilemma zwischen dem Schutz der Schüler und Lehrer vor einem Amoklauf und einem möglicherweise völlig überzogenem Einsatz, der Angst schürt. "Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf dem Sofa und plötzlich stürmt das Sondereinsatzkommando in voller Montur in Ihr Wohnzimmer." Panik, Verwirrung, Chaos - gerade junge Menschen könnten mit einem solchen Gefühlscocktail nur schwer umgehen. "Es ist noch wichtiger als im Alltag, dass Schulleitungen mit Ruhe reagieren."

"Prävention ist dabei wichtiger als jede Intervention", sagt Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen.  © Markus Wächter

Doch was treibt einen Schüler an, mit einer Waffe Angst und Schrecken zu verbreiten? "Wenn einer mit einer Schreckschusspistole in die Schule kommt, will er sich inszenieren", sagt Psychologe Seifried. Anders als ein Amokläufer, dessen Absicht es ist, zu töten. "Vermutlich fehlt beiden Anerkennung in der Familie und in der Schule."

Dagegen, sagt Seifried, helfe nur Prävention. "Wenn wir Kindern und Jugendlichen über Jahre Misserfolge vermitteln, bedeutet das, dass sich das zu einer Negativhaltung aufbaut. Das treibt sie zu Verzweiflungstaten." Stattdessen müssen Schulen ein Klima schaffen, in dem auch scheinbar Abgehängte Anerkennung bekommen können. "Das bedeutet, dass ich als Schüler mit einer Lese-Rechtschreibschwäche oder Lernbehinderung ähnliche Erfolge haben kann wie ein anderer."

Besonders im Nachgang potenzieller Bedrohungslagen, also dann, wenn etwa das SEK anrückte, sind Psychologen gefordert. "Sie beraten die Schulleitung, führen Gespräche zur Bewältigung von traumatischen Erfahrungen", erklärt Seifried. Das kann helfen, Ängste abzubauen und neues Selbstvertrauen zu schaffen.

Doch die Betreuungssituation ist nicht so, wie sie sein sollte. "Der internationale Standard ist, dass an jeder größeren Schule ein Psychologe sein sollte", sagt Seifried. Die Realität sieht anders aus. In Dänemark und den USA etwa kommen 1000 Schüler auf einen Psychologen - Deutschland strebt eine Relation von 1:5000 an, erreicht das aber nicht ansatzweise. In Bayern kommt immerhin auf 6000 Schüler ein Psychologe. Das ist aber noch immer zu wenig, warnen Experten.

Im Oberasbacher Fall droht dem Schüler jede Menge Ärger. Nach einer Hausdurchsuchung fand die Polizei eine Schreckschusswaffe und ein verbotenes Messer. Den Einsatz, sagt Wild vom Präsidium Mittelfranken, muss er zwar nicht zahlen. Das wäre, als würde man dem Bankräuber die Fahndung in Rechnung stellen. Konsequenzen hat die Aktion aber dennoch. Neben einem Verfahren wegen Verstößen gegen das Waffengesetz wurde der 17-Jährige vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen. Schulpsychologe Seifried warnt davor, den Täter zu vergessen. "Diese Jugendlichen sind nach wie vor da, sie brauchen eine Lebensperspektive, einen Schulabschluss oder eine Ausbildung", sagt er. "Sonst rutschen sie noch tiefer in eine Krise.

Der Weg in die Kriminalität ist kurz - und der nächste Polizeieinsatz, den der Jugendliche provoziert, nicht weit entfernt. In Oberasbach hat es exakt vier Tage gedauert, bis der 17-Jährige wieder auffällig wurde. Trotz eines Verbotes ging er an die Pestalozzi-Schule, bedrohte Mitschüler, die vermeintlich belastende Aussagen gegen ihn gemacht haben. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft.