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Herzschäden und Depression: Selbst Corona-Infizierte ohne Symptome leiden unter Langzeitfolgen

Mehrere Studien zeigen gravierende Ergebnisse - 24.02.2021 17:12 Uhr

Selbst nach der eigentlichen Infektion, kann Corona gravierende Langzeitfolgen haben, wie zahlreiche Studien zeigen.

23.02.2021 © Yasin Akgul, NN


Husten, Fieber, Geschmackstörungen bis hin zu akuter Atemnot - viele Corona-Erkrankte leiden schwer unter der Infektion. Doch damit ist die Krankheit oft nicht überstanden.

Corona-Langzeitfolgen treffen längst nicht nur alte und vorerkrankte Menschen

Denn mehrere Studien zeigen: Selbst nach der vermeintlichen Genesung drohen Betroffenen schwere Folgeschäden - und das sogar bei Menschen, die während der eigentlichen Erkrankung gar keine Symptome gespürt haben.

Eines vorweg: Natürlich sind die Folgeschäden von Corona noch nicht abschließend untersucht. Um die Auswirkungen nach vielen Monaten oder Jahren zu zeigen, gibt es das Virus schlichtweg noch nicht lange genug. Klar ist aber bereits jetzt: Es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, hauptsächlich alte und vorerkrankte Menschen würden an Langzeitfolgen der Erkrankung leiden.

Studie zu Langzeitschäden: 78 Prozent haben Auffälligkeiten am Herzen

Dennoch arbeiten aktuell zahlreiche Forscherteams in Universitäten und Laboren daran, die Folgen einer Infektion festzustellen - mit erschreckenden ersten Erkenntnissen.

So hat etwa Valentina Puntmann, Kardiologin an der Universität Frankfurt, zusammen mit ihren Kollegen 100 Menschen untersucht, die eine Ansteckung mit Covid-19 überstanden hatten. Die Infektionen lagen zum Untersuchungszeitpunkt bereits 64 bis 92 Tage zurück.


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Dabei scannten sie unter anderem die Herzen der Probanden mithilfe eines MRT, wie die Frankfurter Rundschau berichtet. Das Ergebnis: Bei 78 der 100 stellten die Forscher Auffälligkeiten am Herzen fest. Bei 60 Prozent lag sogar eine Herzmuskelentzündung vor, die im schlimmsten Fall zu einer bleibenden Herzrhythmusstörung führen kann.

Corona: Herzprobleme treten auch bei Menschen ohne Symptomen auf

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die Herzprobleme traten unabhängig von der Schwere des Krankheitsverlaufes auf. So verlief die Corona-Infektion bei 67 Beobachteten nur moderat, 18 hatten sogar gar keine Symptome.

Deutlich größer war die Gruppe an Patienten, die Forscher der Universität Leicester und der britischen Statistikbehörde ONS untersucht haben. Für die Studie wurden 47.780 Patienten, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. August 2020 mit der Hauptdiagnose Covid-19 in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, untersucht.

Das Ergebnis: Fast jeder Dritte als geheilt entlassene Covid-19-Patient wurde innerhalb von fünf Monaten wieder eingeliefert, häufig mit Organ-Problemen. Fast jeder Achte von ihnen starb an den Folgen.

Long Covid verursacht Probleme bei Organen, Atemwegen, Muskeln und dem Nervensystem

Das Phänomen, dass Menschen selbst nach einer überstandenen Infektion noch an Spätfolgen leiden, nennen Forscher im Allgemeinen "Long Covid". Und das kann nicht nur Probleme mit dem Herzen, sondern betrifft auch Atemwege, Muskeln, Nervensystem und auch den Stoffwechsel.


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"Wir erleben es immer wieder, dass sich Patienten besonders nach der stationären Entlassung nicht wieder so gesund fühlen wie vor der Covid-19-Erkrankung", so Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Jena, gegenüber der Zeitschrift Ökotest. Ein einheitliches Krankheitsbild sei nicht zu erkennen.

Long Covid: Auch Schlafstörungen und Depressionen möglich

"Manche klagen über Lungen-, Herz- oder auch Darmbeschwerden, berichtet wird uns aber auch von Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit oder Depressionen. Viele Menschen fühlen sich allgemein krank, teils auch ohne klare Symptome", erklärt der Mediziner.


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So litten etwa laut einer Studie des St. James's Hospital in Dublin 52 Prozent der Befragten auch zehn Wochen nach ihrer Genesung noch unter anhaltender Müdigkeit und Konzentrationsschwäche - ebenfalls unabhängig von der Schwere ihrer Symptome.

"Wir nehmen an, dass Covid-19 das Immunsystem nachhaltig verändert", erklärt Professor Marius Hoeper, Leitender Oberarzt der Klinik für Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover gegenüber Ökotest.

Corona-Infektion kann Schlaganfall auslösen

Ein Zeichen also, dass auch Schäden am Nervensystem eine Folge von Covid-19 sein können. Das bestätigt unter anderem auch eine Studie aus Regensburg um Sven Wellmann, Chefarzt für Neonatologie der Kuno Klinik St. Hedwig.

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Ein Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien kam zu dem Ergebnis, dass es eine Covid-19-Infektion mit mildem Verlauf offenbar in verschiedenen Verlaufsformen gibt. Bei der Untersuchung von 200 Erkrankten im Rahmen der Studie konnten insgesamt sieben Gruppen mit unterschiedlichen Erkrankungsformen ermittelt werden. Lesen Sie in unserer Bildergalerie, welche Symptomgruppen ermittelt wurden.


Um die Schäden am Gehirn festzustellen, ging Markus Glatzel, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, noch einen Schritt weiter. Er und sein Team untersuchten die Gehirne von an oder mit Corona verstorbenen Personen - mit erstaunlichem Ergebnis.

"Neben Komplikationen in Lunge, Herz und Nieren kann es bei Covid-19 auch zu neurologischen Symptomen kommen. Diese weisen ein breites Spektrum auf und reichen von diffusen Beschwerden milder Ausprägung bis hin zu schweren Schlaganfällen", sagt er gegenüber der Hamburger Morgenpost.

Corona-Infektion: Immunsystem kann eigenem Körper schaden

Das Virus selbst sei dafür aber vermutlich nicht direkt verantwortlich, sondern vielmehr das körpereigene Immunsystem: "Bislang war aber noch unklar, ob und wie der Erreger ins Gehirn gelangt und sich dort auch vermehren kann", so Glatzel. "Wir konnten nun zeigen, dass nicht das neuartige Corona-Virus selbst das Gehirn schädigt, sondern die neurologischen Symptome vermutlich eine indirekte Folge der Virusinfektion sind."


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Neben körperlichen Beeinträchtigungen könnte sich eine Covid-19-Infektion auch auf die Psyche der Betroffenen auswirken. Laut einer britischen Studie, die im Fachmagazin Lancet Psychiatry veröffentlicht wurde, leiden rund ein Drittel der Patienten an psychischen Problemen wie Psychosen oder depressiven Störungen. Unklar ist bislang, ob es sich dabei um bleibende Schäden handelt und ob diese überhaupt direkt von der Corona-Infektion ausgelöst wurden.

Post-Covid-Ambulanzen für Patienten eingerichtet

Offen bleibt in der Forschung bislang die Frage, wie viele Corona-Infizierte tatsächlich mit Langzeitfolgen zu kämpfen haben - und wie lange die Schäden bleiben. Um das zu klären, müssen Mediziner und Wissenschaftler weiter Patienten begleiten und untersuchen.

Dabei wollen sie auch klären, wieso manche Menschen an schweren Langzeitfolgen leiden, andere wiederum nicht - und wie sich diese Schäden behandeln lassen.

Für Menschen, die sich auch nach der Infektion nicht wohl fühlen, gibt es deshalb mittlerweile eigene Anlaufstellen. So haben etwa die Medizinische Hochschule Hannover und das Universitätsklinikum Jena jeweils eigene Post-Covid-Ambulanzen eingerichtet, in denen Patienten von einem Team aus Fachärzten wie Neurologen, Kardiologen oder Psychiatern betreut werden.

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Kilian Trabert Online-Redaktion E-Mail

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