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Im Dezember: Fast doppelt so viele Tote in Nürnberg wie vor einem Jahr

In der Stadt sind 837 Menschen gestorben, 2019 waren es 425 - 22.01.2021 15:40 Uhr

Im Dezember 2020 sind in Nürnberg fast doppelt so viele Menschen gestorben wie im selben Monat des Vorjahres.

29.12.2020 © Ute Grabowsky/imago/photothek


Die Zahlen sind dramatisch: Im Dezember 2020 sind laut Standesamt in Nürnberg 837 Menschen gestorben. Im Jahr zuvor waren es im selben Monat noch 425, im Jahr 2018 summierten sich die Todesfälle im Dezember auf 454. Die Zahl der Toten hat sich im Vergleich zum Vorjahr also fast verdoppelt.

Allein in der dritten Dezemberwoche starben 206 Menschen, in der fünften Woche waren es noch einmal 201. Im Januar 2021 wurden bis zum 19. Januar schon wieder 504 Tote gemeldet. Das ist weitab der normalen Schwankungsbreite. Im gesamten Jahr 2020 gab es in Nürnberg 6952 Sterbefälle, im Jahr zuvor stehen 6682 in der Statistik, im Jahr 2018 sind 6566 Menschen gestorben.


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Beachten sollte man allerdings: Dazu gezählt werden auch alle Auswärtigen, die in Nürnberg gestorben sind. Da auch die Zahlen aus den vergangenen Jahren die Nicht-Nürnberger enthalten, sind sie aber vergleichbar und zeigen eine deutliche Entwicklung. Wie viele Nürnberger Bürger gestorben sind, kann das Amt für Statistik noch nicht sagen.

Im Klinikum Nürnberg sind seit dem 27. März 2020 insgesamt 299 Covid-19-Patienten gestorben, davon 127 auf den Intensivstationen, am Klinikum Fürth waren es 120 (29 auf Intensiv), davon 48 in der ersten und bislang 72 in der zweiten Welle (Stand 19. Januar).

"Viele hätten sonst noch jahrzehntelang gelebt"

"In meiner Klinik sterben aktuell täglich Patienten an Covid-19. Dabei geht es nicht um Patienten, die ‚mit Covid-19‘ sterben, sondern um Patienten, die tatsächlich an Covid-19 sterben. Viele Patienten mit schwerem und tödlichem Krankheitsverlauf haben Risikofaktoren. Aber damit hätten die meisten noch viele Jahre und Jahrzehnte leben können", betont Prof. Dr. Joachim Ficker, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3 am Klinikum Nürnberg.

Seiner Ansicht nach wäre die Übersterblichkeit ohne AHA-Regeln noch viel größer. Denn andere Infektionskrankheiten hätten im Vergleich zu früheren Jahren deutlich abgenommen. In diesem Jahr musste bislang noch kein einziger Influenza-Patient am Klinikum Nürnberg stationär behandelt werden. "Auch normale Lungenentzündungen oder die sogenannten Exazerbationen bei COPD oder Asthma sind in der Klinik sehr viel seltener", betont Ficker. Viele Todesfälle, die in anderen Jahren auftreten, gab es während der Pandemie also gar nicht.

Auch in Erlangen sind laut dortigem Standesamt zuletzt deutlich mehr Menschen gestorben als sonst. 267 waren es im vergangenen Dezember, im Jahr zuvor stehen 174 in der Statistik, 2018 gar nur 168. Aufs ganze Jahr gesehen sind die Unterschiede aber nicht so groß wie in Nürnberg. 2350 Sterbefälle gab es 2020 in Erlangen, 2274 waren es im Jahr zuvor, 2333 im Jahr 2018.

Übersterblichkeit im Hotspot Schwabach

Deutlich erhöht waren die Zahlen auch in Schwabach, das ja lange Corona-Hotspot war. Im vergangenen Dezember sind dort 64 Menschen gestorben, im Jahr zuvor waren es 33. Noch dramatischer wird wohl der Januar. Allein bis zum 18. des Monats sind in der Goldschlägerstadt 60 Sterbefälle beurkundet worden. Im gesamten Jahr 2020 sind in Schwabach 447 Menschen gestorben, im Jahr zuvor waren es 422.

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In Fürth gab es hingegen keine Übersterblichkeit. Im vergangenen Jahr gab es dort 1612 Verstorbene. Im Jahr zuvor waren es noch 1656, im Jahr 2018 sogar 1672. "Auffällig war, dass 2020 in den Sommermonaten ein starker Rückgang der Sterbefälle zu verzeichnen war, ab Herbst aber wieder vermehrt Sterbefälle aufgetreten sind", teilt Ralf Meyer, Leiter des Fürther Standesamtes, mit.

"Mitte Herbst hatten wir eher eine Untersterblichkeit. Im Dezember haben wir dann aber richtig viel zu tun bekommen. Die Älteren unter uns sagen, dass es so etwas schon sehr lange nicht mehr gab", sagt Jörg Freudensprung, Geschäftsstellenleiter des Bestatterverbandes Bayern – auch wenn es bei schlechtem Wetter und Grippewellen schon mal deutliche Steigerungsraten gibt.

Bestatter warten lange auf Papiere

Trotzdem habe es auf Seiten der Bestatter kaum Engpässe gegeben. Wenn sich punktuell die Leichen gestaut hätten, habe das eher an Verwaltungen im Notbetrieb gelegen. "Die kommen teilweise mit den Papieren nicht hinterher. Die Bestatter warten manchmal zwei Wochen auf Papiere, die sonst in einem Tag da sind", erklärt Freudensprung.

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Zu Anfang der Pandemie habe noch große Unsicherheit bei den Bestattern wegen der möglichen Infektionsgefahr geherrscht. "Die Wahrscheinlichkeit, sich bei einem Verstorbenen anzustecken, ist aber gering. Wir gehen mit ihnen um, wie wenn jemand mit Hepatitis A, B oder C gestorben ist. Viel gefährlicher sind da die Angehörigen", betont Freudensprung.

Überall in den Krankenhäusern in der Region ist zu beobachten, wie die Sterbezahlen im Dezember nach oben gingen. Im Klinikum Neumarkt etwa starben Ende vergangenen Jahres 73 Patienten, im Jahr zuvor waren es noch 57. Im gesamten Jahr 2020 starben dort mit 728 Menschen allerdings nicht mehr als im Vorjahr mit 729.

An den ANregiomed-Kliniken in Ansbach, Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber waren rund zehn Prozent aller seit März 2020 verstorbenen Patienten mit dem Coronavirus infiziert, das entspricht etwa 90 Todesfällen.

Fast 30 Prozent mehr Tote

Der Trend zur Übersterblichkeit in besonders von Corona-Infektionen betroffenen Regionen deckt sich mit den Auswertungen des Landesamtes für Statistik. Dieses hatte festgestellt, dass von März bis Mai 2020 in den zu dieser Zeit besonders betroffenen Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Wunsiedel, Tirschenreuth und Neustadt an der Waldnaab im Vergleich zum Vorjahr fast 30 Prozent mehr Menschen gestorben waren.

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Nicht immer liegen erhöhte Todeszahlen aber nur an Corona. Am Klinikum Altmühlfranken mit den beiden Häusern in Gunzenhausen und Weißenburg sind im vergangenen Dezember 72 Menschen gestorben, deutlich mehr als die 32 und 30 in den beiden Vorjahren. Doch unter diesen 72 waren nur 19 Covid-19-Fälle. Die Sterbefälle hatten hier also auch aus anderen Gründen einen deutlichen Ausschlag nach oben. Im gesamten Jahr 2020 stehen 421 Todesfälle in der Statistik, im Jahr zuvor waren es 391.

Die Interpretation der Daten ist nicht nur dadurch erschwert, dass es derzeit weniger Tote durch andere Infektionskrankheiten oder Verkehrsunfälle gibt und dass die Hygienemaßnahmen viele weitere Todesfälle verhindern, sondern auch dadurch, dass die Pandemie zu einer Übersterblichkeit führt, die sich erst später zeigt.

Mehr tödliche Lungenkrebs-Fälle

Prof. Dr. Joachim Ficker vom Klinikum Nürnberg etwa fällt das beim Lungenkarzinom auf. Anfangs bemerken Betroffene nur, dass sich die Art ihres Hustens etwas verändert hat. Normalerweise gehen die meisten dann zum Arzt, seit Beginn der Pandemie jedoch nur noch sehr selten. Und selbst wenn: Die Schwelle zur Einweisung in eine Klinik ist dann sehr hoch.


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Die Folge: Menschen mit Lungenkarzinomen kommen nun meist erst in späten Stadien in die Klinik, wenn eine Heilung durch Operation nicht mehr möglich ist. "Hier werden zwangsläufig mehr Todesfälle auftreten. Diese treten aber erst in den nächsten Monaten bis Jahren auf und werden dann kaum noch mit der Corona-Pandemie in Verbindung gebracht werden", meint Ficker.

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