Kampf gegen Corona: Bayerns Gesundheitsämter nutzen Software aus Afrika

16.2.2021, 06:00 Uhr
Das IT-System Sormas hat sich in den vergangenen Jahren schon bei mehreren Epidemien in westafrikanischen Ländern bewährt. Erstmals wurde die Software, die vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung mitentwickelt wurde, vor sieben Jahren beim Kampf gegen Ebola eingesetzt. Dieses Archivbild zeigt den Einsatz von Sormas im Nigeria Centre for Disease Control in der Hauptstadt Abuja.

Das IT-System Sormas hat sich in den vergangenen Jahren schon bei mehreren Epidemien in westafrikanischen Ländern bewährt. Erstmals wurde die Software, die vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung mitentwickelt wurde, vor sieben Jahren beim Kampf gegen Ebola eingesetzt. Dieses Archivbild zeigt den Einsatz von Sormas im Nigeria Centre for Disease Control in der Hauptstadt Abuja. © Helmholtz-Institut

Und zwar in Form eines IT-Systems namens Sormas, das sich bei Ausbrüchen von gefährlichen Infektionskrankheiten wie Cholera, Denguefieber oder Affenpocken in verschiedenen afrikanischen Staaten schon vielfach bewährt. Die Software, deren Name das Kürzel für "Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System" ist (auf Deutsch: Überwachungs-, Ausbruchsreaktionsmanagements- und Analysesystem), wurde erstmals 2014 bei einem Ausbruch von Ebola in Nigeria eingesetzt, um alle relevanten Daten und Beteiligten einer Epidemie in Echtzeit miteinander zu vernetzen.


Gesundheitsamt Nürnberg informiert jetzt auch per SMS


Sormas wurde entwickelt von einem Konsortium aus dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, dem afrikanischen Netzwerk für Feldepidemiologie und dem Nigerianischen Zentrum für Krankheitskontrolle und soll bis Ende Februar deutschlandweit in allen Gesundheitsämtern installiert werden. Der Bund unterstützt die Länder dabei durch eine gemeinsame Initiative, bei der auch Studierende auf dieses für Deutschland um ein Covid-19-Modul erweiterte System geschult werden. In den Semesterferien bis Mitte April sollen das Personal bei der Kontaktnachverfolgung in den Ämtern unterstützen.

Alle Akteure sind direkt miteinander vernetzt

Sormas gebe der Zusammenarbeit eine Struktur, sagt Sabine Ablefoni von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. "Fälle werden erkannt, dann sind es erst mal Verdachtsfälle. Proben werden untersucht, ein Labor gibt Entwarnung oder der Fall wird als positiv bestätigt. Dann ermöglicht das System auch das weitere Zusammenspiel zwischen den einzelnen Akteuren", erklärt die Spezialistin für das öffentliche Gesundheitswesen.

Labormediziner und Ärzte, das Personal in den Gesundheitsämtern und in übergeordneten Behörden wie dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen - die mittlerweile auch weltweit im Kampf gegen Covid-19 eingesetzte IT-Lösung bietet Schnittstellen für alle Beteiligten, und inzwischen wird Sormas in 54 der 76 Gesundheitsämter in Bayern eingesetzt. Ob in den restlichen Behörden bis zu dem vom Bund geforderten Stichtag Ende Februar alle dafür nötigen Software-Schnittstellen funktionieren, ist allerdings noch nicht ganz sicher.


Bericht: Bundesregierung geht ab März von Zulassung für Schnelltests aus


Laut eines Sprechers des bayerischen Gesundheitsministeriums kommt im Freistaat eine erweiterte Version namens Sormas-X (Sormas eXchange) zum Einsatz, die an die Meldesysteme des Bundes angeschlossen ist. "Sormas-X nutzt entsprechende Datenschnittstellen, durch die Doppeleingaben verhindert werden können", erklärt der Sprecher. Auch dadurch soll das Personal in den Gesundheitsämtern entlastet werden.

Das System Demis läuft seit dem Jahreswechsel

Zusätzlich zu dieser IT-Lösung, bei der Europa von Afrika lernt, soll nun Demis (Deutsches elektronisches Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz) die Verarbeitung und Weiterleitung der gewaltigen Datenmengen im Zusammenhang mit den inzwischen über 400.000 Corona-Infektionsfällen in Bayern optimieren. Dieses System, das unter anderem die Zusammenarbeit zwischen Laboren und Behörden effektiver macht, läuft seit dem Jahreswechsel flächendeckend in den bayerischen Gesundheitsämtern.

Durch Sormas und Demis wurde auch das System BaySIM abgelöst, das Bayerns ehemalige Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) im Mai vergangenen Jahres vorgestellt hatte. Diese IT-Plattform sollte die Fallverwaltung von Infizierten und deren Kontaktpersonen optimieren und vereinheitlichen, doch sie wurde auch Monate nach der Einführung nur von einem Teil der Ämter eingesetzt.

Ein Grund dafür: BaySIM war nicht mit allen Systemen kompatibel, die bis dahin in den Gesundheitsämtern verwendet wurden. Deshalb hätte der Import und Export der bisherigen Daten in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie teilweise händisch erfolgen müssen, und dafür hatten die Behörden zu diesem Zeitpunkt einfach nicht die personellen Kapazitäten.

Keine Labormeldungen per Fax mehr

Inzwischen sind diese Probleme laut dem bayerischen Gesundheitsministerium jedoch ausgeräumt. Die IT-Produkte, die nun im Einsatz sind, verfügen über entsprechende Demis-Schnittstellen. Labormeldungen per Fax sind nun in den allermeisten Fällen hinfällig, und auch bei der Kontaktpersonennachverfolgung wurden einige alte Zöpfe abgeschnitten.

So verbessert Sormas X unter anderem die Kommunikation der Gesundheitsämter untereinander, die nun ohne großen Aufwand und datenschutz-konform verschlüsselte Daten an andere Ämter weitergeben können. Damit ist auch die Erkennung sogenannter Infektions-Cluster über Landkreisgrenzen hinaus besser möglich.

Auch hier konnte Bayern von den in Afrika gesammelten Erfahrungen profitieren, denn eines haben die Experten in dem von zahlreichen tückischen Infektionskrankheiten gebeutelten Kontinent gelernt: Viren machen nicht an Grenzen halt und können mit kleinstaaterischen Lösungen deshalb nur unzureichend bekämpft werden.