Digitale Schule

Kulturwandel: Digitaler Unterricht ist mehr als der Ersatz der Tafel durch das Tablet

NN-Redakteurin Kathrin Walther
Kathrin Walther

Ressort Kinder, Familie und Bildung

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2.8.2021, 13:55 Uhr

© Illustration: macrovector via Freepik

Es geht einfach nicht ohne Corona. Schon gar nicht beim Thema „Digitaler Unterricht“. Die Pandemie wirkte wie eine Zäsur, wie ein Digitalisierungs-Booster, der gezündet wurde, um Bildung irgendwie weiter möglich zu machen: Die Kinder konnten nicht mehr in die Schule – also kam die Schule zu den Kindern. Es gab Unterricht vor und während der Pandemie. Die große Frage ist nun: Wie wird Schule danach aussehen?

© Stiftung Bildungspakt Bayern

Christa Gmeiner: „Der Eindruck, das Schuljahr sei verloren, ist falsch.“

Vor Corona war das Zeitalter des analogen Unterrichts: Rund 25 unterschiedlichste Menschlein lauschten an einem Ort einem Erwachsenen, der in einem für alle gleichen Tempo einen Inhalt vermittelte. Es ist sehr pauschal, aber wahr: Den Hauptteil der Schulzeit prägte wie vor 100 Jahren der Frontalunterricht.

Durch Corona öffnete sich alles: die Schule, die Lernräume, die Kommunikationsformen. Der Anfang war holprig, es musste und muss an der Grundausstattung gearbeitet werden, nämlich der technischen Infrastruktur. Doch der Booster erzeugte tiefe Risse in der Mauer alter Denkmuster. Als die ersten Berührungsängste mit Videokonferenzen, Mebis, MS Teams einer Routine gewichen waren, dämmerte immer mehr Lehrerinnen und Lehrern: Da stecken ja ganz neue Chance des Lehrens drin!


Medienkompetenz in der Schule: Unser digitales Projekt Klasse21


„Die Lehrkräfte haben in den vergangenen Monaten unglaublich viel gelernt“, sagt Christa Gmeiner vom Referat Medienpädagogik der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) in Dillingen. Seit 2019 bietet die ALP im Rahmen einer digitalen Fortbildungsoffensive Selbstlernkurse an, die aus fünf Modulen bestehen; von den insgesamt 120.000 Lehrkräften im Bayern haben fast 90.000 die drei Basismodule und 30.000 den gesamten Kurs abgeschlossen.

An den seit September stattfindenden e-Sessions tauschten sich bislang knapp 150.000 Teilnehmende unter anderem über Best-Practice-Beispiele aus. Ein Netzwerk aus 170 Beratern für digitale Bildung steht den Schulen zur Seite.

Auf lokaler Ebene bietet etwa das Institut für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg (IPSN) ebenfalls im Rahmen eines Baukastensystems digitale Fortbildungen an, 8000 waren es im vergangenen Jahr. Seit Neuestem steht der „Tool-Tuesday“ auf dem Programm, initiiert und durchgeführt von der Bertolt-Brecht-Realschullehrerin Carina Reitlinger. Hier werden Learning-Apps vorgestellt inklusive ihrem sinnvollen Einsatz im Unterricht.

„Jeder greift sich zu dem Zeitpunkt den Inhalt heraus, den er gerade braucht“, sagt IPSN-Leiter Christian Büttner. Flexibilität und individueller Zugriff – das sind zwei Vorteile digitaler Technik für Lehrkräfte und selbstredend für ihre Schülerinnen und Schüler.

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Markus Bölling: "Digitalisierung ist ein Beschleuniger und Ermöglicher von besserem Unterricht.“

„Wenn Lehrkräfte Medienkompetenz vermitteln sollen, dann brauchen sie diese Kompetenz zuerst“, sagt Dr. Michael Sailer, Mitarbeiter des Lehrstuhls für empirische Pädagogik und pädagogische Psychologie an der LMU München. Denn Kinder und Jugendliche gehen heute zwar selbstverständlich mit der Technik um – Stichwort Digital Natives. Aber wie digital sind sie wirklich? Wie bringe ich sie, wie Lehrerin Carina Reitlinger es formuliert, „vom Daddeln zum Gestalten“?

„Entscheidend ist nicht: Wie häufig werden digitale Medien eingesetzt? Sondern: Wie werden sie eingesetzt“, sagt Michael Sailer. Er ist Mitautor der Studie „Digitale Bildung an bayerischen Schulen“, die für die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) erstellt und im März veröffentlicht wurde. Die Studie zeigt unter anderem: „In digitalen Medien steckt ein besonders hohes Potenzial, die Königsdisziplin des Lernens zu fördern, also die Kombination aus Kompetenzerwerb und angewandtem Wissen.“ Die Voraussetzung, um dieses Potenzial auszuschöpfen, ist selbständiges, selbstorganisiertes Arbeiten.

"Vom Daddeln zum Gestalten"

Wie plane ich meinen Schultag und organisiere mich selbst? Wie verschicke ich meine Aufgaben? Wie erstelle ich eine pdf-Datei, eine Powerpoint-Präsentation, ein Video? Wie formuliere ich eine Frage an meinen Lehrer? Wie arbeite ich digital an einem Gruppenprojekt? Wo finde ich Anleitungen und Hilfe? Schülerinnen und Schüler, die sich diese Basiskompetenzen in den vergangenen Monaten selbst erarbeitet haben, kamen besser durch den Distanzunterricht. Auch das ist ein Ergebnis der vbw-Studie.

Diese Basiskompetenzen sind für die Tabletklassen der Realschule am Europakanal in Erlangen seit zehn Jahren selbstverständlich. Deshalb gehört die Schule zum Modellprojekt Digitale Schule 2020, das dieses Jahr fortgeführt wird. Träger ist die Stiftung Bildungspakt Bayern.

Wie der digitale Unterricht dort aussieht zeigt ein Beispiel aus dem Fach Biologie. Auf dem Stundenplan steht die Funktionsweise des Herzens. Alle Materialien dazu sind auf der Lernplattform Mebis hinterlegt und damit für alle abrufbar – was im Übrigen für die Unterlagen aller Fächer der Realschule gilt. „Das ist eine Möglichkeit, die jede Schule umsetzen kann“, sagt Schulleiter Markus Bölling. „Damit ist zum Beispiel das Ausfallen einer Lehrkraft kein Problem mehr.“


Digitalisierung - war da was? Landesschülersprecher übt Kritik


Lehrer Frank Lohrke hat mit der H5P-Technik – einer Software zur Erstellung von interaktiven Lehr- und Lerninhalten – eine Anleitung in Form eines Videos produziert, in dem er zeigt, wie ein Schweineherz seziert wird. Das Video ist auch auf dem YouTube-Kanal der Schule hinterlegt. Es ist interaktiv, das heißt, der Film hält an, auf dem Bildschirm erscheinen Informationen, Aufgaben müssen erledigt werden und immer wieder kommt die Frage „Hast du es verstanden?“ Nein? Dann springt der Film um eine Sequenz zurück.

Der Praxisteil findet im Klassenzimmer statt: Die Jugendlichen sezieren in Gruppen ein Schweineherz. Der Lehrer geht herum, erklärt, beantwortet Fragen. Das ist das so genannte „flipped classroom“-Prinzip: Der Unterricht wird umgedreht. Die Lehrkraft vermittelt passiv mittels vorbereitetem Material die Theorie, damit bleibt mehr Zeit für Übungen, Anwendungen und individuelle Fragen.

Um nachzuvollziehen, ob der Stoff verstanden wurde, gibt es Lernzielkontrollen wie sie zum Beispiel lerningappps.org bietet. Über interaktive Multiple-Choice-Tests oder Zuordnungsübungen können Schülerinnen und Schüler in ihrem eigenen Tempo arbeiten. „Dieser Unterricht hat den Vorteil, dass einzelne nicht mehr abgehängt werden, weil sie nicht schnell genug von der Tafel abgeschrieben haben. Außerdem werden die Schülerinnen und Schüler mehr zum aktiven Teilnehmen aufgefordert“, sagt Schulleiter Bölling.

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Michael Sailer: „Es muss nicht mehr jede Lehrkraft ihre eigene Suppe kochen. Dieses Potenzial digitaler Medien bleibt noch viel zu oft ungenutzt.“

Wie ein Klassenzimmer der Zukunft aussehen könnte? Die ALP Dillingen hat einen digitalen Experimentierraum eingerichtet: lernraumzukunft.alp.dillingen.de. Doch erfolgreicher digitaler Unterricht setzt vor allem auch ein neues Rollenverständnis der Lehrkraft voraus. Sie ist nicht mehr nur Wissensvermittler, auch nicht bloß Lernbegleiter. Sie muss multifunktional und interdisziplinär auf methodisch-didaktischem Niveau arbeiten.

Das beinhaltet eine veränderte Haltung, „weg vom Richtig-und-Falsch-Denken, hin zum lösungsorientierten Arbeiten“, sagt Christa Gmeiner. Das bedeutet aber auch: Ausschließlich digital ist ebenso falsch wie ausschließlich analog. „Wir müssen lernen, aus beiden Welten pädagogisch das Beste zu nehmen“, sagt Christian Büttner. Und es bedeutet, vom Lehrenden wieder zum Lernenden zu werden. „Die Bereitschaft, mit den neuen technischen Möglichkeiten zu arbeiten, ist keine Generationenfrage“, sagt Markus Bölling. „Es ist eine Frage der Offenheit unter der Voraussetzung, ein Leben lang lernen zu wollen.“


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Kennen sich Jugendliche besser mit digitaler Technik aus? Natürlich tun sie das – warum sich also nicht von ihnen unterstützen lassen? Muss immer alles klappen? Nein. „Ganz selten funktioniert mein digitales Unterrichtskonzept so, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt Carina Reitlinger. Deshalb lautet ihre Maxime: „Scheiter heiter.“

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Lernen, Probieren, Verwerfen und wieder von vorne beginnen kostet viel Kraft und erfordert Engagement von Lehrkräften. Doch genau hier bietet sich ein weiterer Vorteil der Digitalisierung: Wissen ist teilbar. Von einmal gewonnenen Erkenntnissen können viele profitieren, etwa über das Portal „teachShare“ auf Mebis.

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis der Realschule am Europakanal: Rund 2000 Pädagogen haben sich digital das DIBIS-Konzept („Digitale Bildung in der Seminarausbildung“) erklären lassen, dass die Erlanger Schule im Rahmen des Modellprojekts erstellt hat. „So viele Teilnehmer hätten wir analog nie erreicht“, sagt Schulleiter Markus Bölling. DIBIS wiederum stellt für Realschulen digitale Unterrichtseinheiten, Maps zum Einsatz digitaler Tools, Podcasts, Downloads und vieles mehr zur Verfügung.

Christian Büttner, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg

Christian Büttner, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg © Stadt Nürnberg, NNZ

Christian Büttner: „Meine Wahrnehmung ist: Niemand, weder Eltern noch Lehrkräfte noch Schülerinnen und Schüler, wollen in Vor-Corona-Zeiten zurück.“

Lernapps, das „flipped classroom“-Prinzip, mit Gamification den Lerneffekt des Spieltriebs nutzen, der didaktische Einsatz von 3-D-Animationen (Augmented Reality) oder von Künstlicher Intelligenz, um zum Beispiel lernschwache Schüler besser unterstützen zu können – das didaktische Experimentierfeld mit digitalen Medien ist riesig. Corona hat dem angestaubten Bildungssystem einen Tritt verpasst. Das Weiterlaufen hängt jetzt von den Rahmenbedingungen ab.

Und das ist ein Teil der Aufgaben, die Politik, Universitäten, Schulen und jede Lehrkraft auf der Agenda haben sollten:

  • Das Internet muss stabil und die technische Ausstattung gesichert sein.
  • Es müssen mehr Lehrkräfte eingestellt werden. „Solange Pädagoginnen und Pädagogen kämpfen, mit dem Ist-Stand klarzukommen, ist es schwierig, über digitale Innovationen und interaktiv-kollaborativen Unterricht zu sprechen“, sagt etwa Michael Sailer. Auch das Netz an digitalen Beratern muss verstärkt werden, soll sich der Prozess nicht nur punktuell, sondern flächendeckend durchsetzen.
  • Die Lehrerausbildung muss reformiert werden mit einer engeren Verzahnung zwischen den Ebenen Studium-Referendariat-Fortbildung und einer digitalen Verankerung in der Prüfungsordnung.
  • Medienkompetenz muss stärker in den Lehrplan einfließen; die neu erworbenen Kompetenzen - Stichwort Selbstregulation und selbständiges Arbeiten - müssen in einem Curriculum aufgenommen werden. Außerdem muss jede Schule ihren individuellen Voraussetzungen gerecht werden (können): Der Förderbedarf der Lehrkräfte ist so heterogen wie die technischen und sozialen Gegebenheiten jeder einzelnen Einrichtung vor Ort.

Kolumne: Nachsitzen in den Sommerferien


  • Und last but not least: das dicke Brett Datenschutz muss gebohrt werden. Auch auf diesem Gebiet hat die Realschule am Europakanal Vorreiterfunktion: Anstelle der Software des datenkritischen Riesen Microsoft nutzt die Schule die Datenschutz-konforme Software Nextcloud eines deutschen Anbieters sowie die rechtssichere Chat-Software Element mit End-zu-End-Verschlüsselung ebenfalls über einen deutschen Server. Es gibt sie also, die Alternativen.

Wird es nach Corona einen Rückfall in klassische Unterrichtsformen geben? Lehrerin Carina Reitlinger meint: „Der Samen für eine Digitalisierung des Unterrichts ist gelegt.“ IPSN-Leiter Christian Büttner kontert: „Aber wir wissen noch nicht, auf welchen Boden er fällt.“ Michael Sailer dagegen sagt: „Ich bin zuversichtlich.“

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