Mücken-Saison

Milliarden Mücken: Experte sieht Plage auf Franken zukommen

12.6.2021, 17:32 Uhr
Im „Insektarium“, einem Sicherheitslabor, nimmt der Wissenschaftler Helge Kampen auch gefährliche Mückenarten genauer ins Visier. Der Biologe leitet das Friedrich-Loeffler-Institut mit Sitz in Greifswald.

Im „Insektarium“, einem Sicherheitslabor, nimmt der Wissenschaftler Helge Kampen auch gefährliche Mückenarten genauer ins Visier. Der Biologe leitet das Friedrich-Loeffler-Institut mit Sitz in Greifswald. © Foto: Stefan Sauer/dpa

Zu den Insekten hat er ein ambivalentes Verhältnis. Er erforscht die Tiere bis ins kleinste Detail und freut sich sehr, wenn er seltene Arten entdeckt. Doch wenn sie ihm in seiner Freizeit begegnen – dann reagiert er wie andere Menschen auch und schlägt zu. Im Interview verrät der Experte, wie man die Plagegeister im eigenen Umfeld mit wenigen Handgriffen eindämmen und wie jeder mithelfen kann, mehr über das Leben der Mücken herauszubekommen.

Herr Kampen, eine Prognose, ob es ein starkes Mückenjahr geben wird, ist reines Rätselraten: Können Sie trotzdem sagen, welche Bedingungen wie lange vorherrschen müssen, dass die Mücken ideal gedeihen?

Kampen: Im Moment sieht es für die Mücken sehr gut aus. Das Frühjahr war zwar sehr kalt, aber mit den warmen Temperaturen und hohen Niederschlägen seit Monatsbeginn scheint es jetzt loszugehen. Wenn die erste Population an Mücken unterwegs ist, dann dauert es nicht lange, bis die nächste Generation schlüpft: Bei warmen Temperaturen und hohen Niederschlägen mit vielen stehenden Wasserpfützen oder überschwemmten Wiesen entwickeln sie sich innerhalb von zwei bis drei Wochen. Die sogenannten Überschwemmungsmücken, die ihre Eier in Wiesen in der Nähe von Flüssen ablegen, werden dann regelrecht zur Plage. Dann schlüpfen die Mücken zu Milliarden gleichzeitig.

Dann ist man ja fein raus, wenn man nicht an einem Fluss wohnt, oder?

Kampen: Nein, nicht ganz. Überall verbreitet ist die gemeine Hausmücke. Sie überwintert als Mückenweibchen, kommt im Frühjahr raus, saugt Blut und legt Gelege von 200 bis 300 Eiern. Da baut sich die Population langsam im Laufe des Jahres auf. Und dann gibt es auch noch die Waldmücken, die ebenfalls sehr lästig sein können. Auch sie schlüpfen in großen Mengen gleichzeitig, wenn das Wetter passt. Und das tut es im Moment.


Experte: "Fürth wird die Tigermücke nicht mehr los werden"


Wie gefährlich sind Mücken für die Menschen?

Kampen: Unsere heimischen Mücken wie die Haus-, Wald- oder Überschwemmungsmücke sind normalerweise nur sehr lästig, aber nicht gefährlich, wenngleich sich das mit dem kürzlichen Auftreten des Westnil-Virus in Deutschland ändern könnte. Anders sieht es mit eingewanderten Arten wie der Asiatischen Tigermücke aus, die als effizienter Überträger vieler Krankheitserreger gilt. Die Wahrscheinlichkeit, einen Erreger durch die Tigermücke zu bekommen, ist aktuell noch sehr gering. Sie ist ja nicht per se infiziert mit dem Erreger, sondern sie muss zunächst jemanden stechen, der den Erreger in sich trägt. Meistens sind die Populationsdichten auch relativ gering, weil die Tigermücke eigentlich wärmeres Klima mag. Und wir haben in Deutschland kaum Infektionsquellen. Das könnten Reiserückkehrer sein, die bestimmte Viren in sich tragen. Das Problem steigt mit der Populationsgröße der Mücken und dem Massentourismus.

In Fürth grassiert die Tigermücke: Wieso breitet sie sich nicht weiter aus, zum Beispiel nach Nürnberg?

Kampen: Tigermücken sind eigentlich sehr standorttreue und flugfaule Insekten. Wenn sie sich wo eingelebt haben, bleiben sie auch dort. Deswegen wird die Tigermücke nicht aktiv nach Nürnberg fliegen. Aber früher oder später wird sie möglicherweise mitgeschleppt in die Nachbarstadt. Oder die Eier werden mitgeschleppt, denn sie kleben an Blumenvasen oder Gärtnereizubehör. Wenn sich zum Beispiel zwei Kleingärtner aus den Nachbarstädten besuchen und der Fürther dem Nürnberger ein paar Töpfe mitbringt, an denen die Eier der Tigermücke kleben, wird es nicht lange dauern, bis auch in dieser Nürnberger Kleingartenkolonie Populationen heranwachsen. Für die Stadt Fürth prognostiziere ich: Sie wird die Tigermücke nicht mehr los werden und sich dauerhaft mit der Mücke beschäftigen müssen - noch über Jahre hinweg.


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Was kann man tun, um eine Mückenplage auf dem eigenen Balkon oder der Terrasse zu verhindern?

Kampen: Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie sich Mücken entwickeln und züchten dann ihre Mücken selbst. Und dann wundern sie sich, wieso sie nicht mehr in Ruhe draußen auf der Terrasse sitzen können.

Generell sind Friedhöfe, Privatgärten und Kleingartenanlagen besonders beliebte Plätze für Mücken, weil sehr viele Wassergefäße herumstehen. Das lieben Tiger- und auch Hausmücken. Es reicht schon eine kleine Unterschale von einer Pflanze, in der dauerhaft Wasser steht, oder eine Vogeltränke oder eine Pfütze in einer Plastikplane aus, damit die Mücken dort Eier legen und sich zu Hunderten entwickeln. Wenn man all diese kleinen Pfützen regelmäßig trocken legt, hat man die Plage zumindest in seinem Garten unter Kontrolle. Damit man aber auch im Sommer ungestört auf der Terrasse sitzen kann, müssen das die Nachbarn ebenfalls machen. Ansonsten kommen die Mücken halt dann vom Nachbarn herübergeflogen.


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Und was macht man mit Wasserbottichen und Teichen?

Kampen: Sobald man Fische oder Amphibien im Teich oder im Bottich hat, hat man kein Problem mehr mit Mücken. Im Baumarkt gibt es auch das Mittel BTI. Das kann man in den Bottich geben, wenn sonst keine anderen Tiere dort drin sind. BTI verhindert, dass sich die Mückenlarven entwickeln. Dann hat man für drei bis vier Wochen Ruhe. Auch sehr engmaschige Netze über der Öffnung können verhindern, dass die Mücken dort ihre Eier ablegen können. Es wird diskutiert, ob BTI schädlich ist für andere Wasserinsekten. Bei Einsatz in künstlichen Wassergefäßen im eigenen Garten stellt sich diese Frage aber nicht, da sich dort keine natürliche Insektenfauna befindet.

Sie haben den Mückenatlas ins Leben gerufen. Alle Bürger sind aufgerufen, Ihnen tote, gut erhaltene Exemplare zuzuschicken. Wie wertvoll sind die Meldungen der Bürger für Sie?

Kampen: Die Einsendungen der Bevölkerung sind superwichtig für uns. 99 Prozent der eingeschickten Mückenarten sind heimische Arten. Aber mittlerweile gibt es auch fünf eingewanderte Mückenarten. Die Tigermücke ist die bekannteste und relevanteste. Nur, weil uns 2019 ein Fürther ein Exemplar der Tigermücke zugeschickt hat, sind wir überhaupt darauf aufmerksam geworden, dass sich dort eine Population angesiedelt hat. Wer uns ein Exemplar zuschickt, bekommt übrigens unmittelbar Rückmeldung von uns. Und Kinder bekommen sogar eine Mückenjäger-Urkunde.

Ihr Leben sind die Mücken: Mögen Sie die Insekten auch in Ihrer Freizeit oder sind sie Ihnen lieber unter dem Mikroskop?

Kampen: Tatsächlich lieber unter dem Mikroskop. Aber auch in der Natur kann es interessant sein, Mücken zu beobachten, sogar wenn sie auf der Haut sitzen, stechen und ihr Leib mit dem eigenen Blut anschwillt. Meistens aber reagiere ich wie andere Menschen auch.

mGut erhaltene, tote Exemplare von Mücken können Sie an folgende Adresse schicken:

Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V., AG Biodiversität aquatischer und semiaquatischer Landschaftselemente, Eberswalder Straße 84m, 15374 Müncheberg.
Ein Einsendeformular kann von der Seite www.mueckenatlas.com geladen werden.

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