Verunsicherte Eltern

Nachwuchs impfen lassen oder nicht? Das sagen Frankens Kinderärzte

11.6.2021, 05:50 Uhr
Eigentlich sollen Kinder unter zwölf Jahren gar nicht gegen Corona geimpft werden, doch manche Eltern fragen dennoch in den Kinder- und Jugendarztpraxen nach Impfterminen für ihre Kleinkinder. In vielen Familien ist die Verunsicherung groß, was das Beste für den Nachwuchs ist.

Eigentlich sollen Kinder unter zwölf Jahren gar nicht gegen Corona geimpft werden, doch manche Eltern fragen dennoch in den Kinder- und Jugendarztpraxen nach Impfterminen für ihre Kleinkinder. In vielen Familien ist die Verunsicherung groß, was das Beste für den Nachwuchs ist. © Sven Simon/imago images

Wer in diesen Tagen in Kinder- und Jugendarztpraxen anrufen will, muss manchmal sehr viel Geduld aufbringen. Unter Umständen hört er über Stunden hinweg das Besetzt-Zeichen oder bekommt von einer computergenerierten Ansage zu hören, dass noch so und so viele Anrufer vor ihm in der Warteschleife sind. Ein Großteil der Mediziner wird geradezu überrollt von Anfragen ratsuchender Eltern.

In der Gemeinschaftspraxis von Stefanie Batz und Michael Hubmann in Zirndorf zum Beispiel hängen zurzeit drei Mitarbeiterinnen nahezu ständig am Telefon, um die Flut der Anfragen zu bewältigen. „Eigentlich haben wir für viele dieser Fragen extra eine App zur Verfügung gestellt, aber die wird leider viel zu selten genutzt“, bedauert Batz.

Seit Ende vergangenen Jahres hat die Kinderärztin zahlreiche Menschen unter 18 Jahren gegen Corona geimpft – darunter viele Jugendliche mit chronischen Erkrankungen oder mit schwerkranken Menschen im direkten familiären oder sozialen Umfeld. „Dabei gab es keine Probleme, abgesehen von klassischen Impfreaktionen wie leichtem Fieber, Mattigkeit oder Kopf- und Gliederschmerzen“, betont die Medizinerin, die auch zeitweise im Impfzentrum Fürth mitarbeitet.

Impfreaktionen oft heftiger als bei Erwachsenen

Diese kurzzeitigen Impfreaktionen können bei Jugendlichen naturgemäß heftiger ausfallen als bei Erwachsenen, denn in jungen Jahren ist die Immunabwehr des Körpers in aller Regel stärker ausgeprägt. Bedrohliche Folgen wie einen anaphylaktischen Schock, eine extreme Akutreaktion des Immunsystems mit Folgen wie Atemnot oder einem Kreislaufstillstand, hat Batz aber noch nicht erlebt, auch wenn solche Reaktionen bei Jugendlichen laut den bisherigen Studien häufiger vorkommen können als bei Erwachsenen.

Auch deshalb hat die Ständige Impfkommission (Stiko) keine generelle Empfehlung zum Impfen von Kindern und Jugendlichen gegen Corona ausgesprochen – obwohl sich alle ab zwölf Jahren theoretisch seit Montag immunisieren lassen können. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVK) hingegen hatte sich schon vor Wochen für die Impfungen von Zwölf- bis 16-Jährigen ausgesprochen.

„Wir Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte stehen bereit und wollen die Jugendlichen in unseren Praxen sobald wie möglich impfen. Gleiches gilt zur gegebenen Zeit für die Kinder“, erklärte BVK-Präsident Thomas Fischbach bereits Mitte Mai. Sobald es eine Empfehlung der Stiko dafür gebe, können Jugendliche laut Fischbach großflächig geimpft werden.

Für die Herdenimmunität wichtig

Das Impfangebot solle selbstverständlich auf freiwilliger Basis erfolgen. Nach Beratung und Aufklärung sei es an den Eltern, eine Entscheidung für oder gegen eine Impfung ihres Kindes zu treffen. Doch auch diese Altersgruppe – und hier vor allem chronisch kranke Kinder – sollen vor Covid-19 und seinen Folgen, etwa Long Covid, geschützt werden, fordert der BVK-Präsident.

Ähnlich sieht es Stefanie Batz: „Wir sollten die Pandemie flächendeckend bekämpfen, und für die Herstellung der Herdenimmunität muss sich auch ein Teil der Jugendlichen impfen lassen“, erklärt die Kinderärztin aus dem Landkreis Fürth.


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Eher skeptisch sieht Dominik Fürsich den Vorstoß, dass auch Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen geimpft werden sollen. „Selbstverständlich teile ich die Bedenken der Stiko. Für eine generelle Impfempfehlung muss ein klares Impfziel formuliert werden und es müssen große Mengen an Daten vorliegen. Beides sehe ich nicht“, sagt der in Altdorf praktizierende Kinderarzt.

"Wir fühlen mit den Eltern und Familien mit"

Trotzdem sei die Impfung gewiss bei vielen Patienten sinnvoll und wichtig, und deshalb sei eine Impfung ab zwölf Jahren in der Praxis möglich, die Fürsich zusammen mit mehreren Kolleginnen betreibt. „Wir haben zahlreiche Anfragen.“

Auch Thuy-Mi Le-Weimer und ihre Kollegen einer Nürnberger Gemeinschaftspraxis sind seit Wochen durch zusätzlichen Organisations- und Beratungsaufwand für Corona-Impfungen belastet. „Wir fühlen mit den Eltern und Familien mit: Die Stresssituation während der Lockdowns war deutlich zu spüren, und selbstverständlich sind die meisten verunsichert“, sagt die Kinderärztin.

Unter anderem stelle sich die Frage, ob bei ihren jungen Patienten wegen Vorerkrankungen wie Herzerkrankungen oder schweren chronischen Lungenerkrankungen eine Impfung sinnvoll sei, um Komplikationen zu vermeiden. „Oder ist mein Kind gesund und braucht keine Impfung, weil die Verläufe in der Regel sehr gut sind und die Studienlage noch keine große Patientenzahl für die Zwölf- bis 15-jährigen bietet?“, gibt Le-Weimer zu bedenken.

Dominik Ewald ist ebenfalls der Ansicht, dass „verlässliche Langzeitstudien“ nötig sind – so wie sie gerade in den USA laufen. „Bei Kindern und Jugendlichen ohne Vorerkrankungen müssen wir nichts übereilen, weil der Impfstoff zurzeit ja sowieso knapp ist“, meint der bayerische Landesvorsitzendes des BVK. Junge Patienten mit Vorerkrankungen wie Rheuma, Asthma oder Mukoviszidose hat er dagegen schon einige geimpft in seiner Praxis. „Bisher gab es da keine Komplikationen.“


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