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Naturschutz: 80.000 neue Obstbäume für Franken

Landschaftspflegeverband hat die Region enorm geprägt - 31.10.2020 06:03 Uhr

Der Landschaftspflegeverband Mittelfranken hat auch die Regionalsaftinitiativen "Hesselberger" und "Einheimischer" unterstützt und auf den Weg gebracht.

02.01.2020 © Anja Kummerow


Als Gerda Schönleben Anfang der 1990er nach langem Ringen mit sich selbst drei Hektar Landwirtschaftsfläche in Biotope verwandelte, war sie noch eine echte Pionierin. Natürlich bekam die Landwirtin aus Tuchenbach (Landkreis Fürth) dafür eine Nutzungsentschädigung, doch nur wenige andere Bauern wählten damals diesen Weg. Schönleben pflanzte auf der Fläche eineinhalb Kilometer Vogelhecke, 70 Apfel- und Birnbäume wachsen heute dort. "Nur alte Sorten", wie Schönleben betont.


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"Damals war das Verhältnis zwischen Naturschützern und Agrarvertretern sehr vergiftet. In den Zeitungen gab es wahre Leserbrief-Schlachten. Es hagelte gegenseitige Vorwürfe", erzählt Josef Göppel, langjähriger CSU-Bundestagsgeordneter und als "grünes Gewissen" gefürchtet in der eigenen Partei.

Deutschlandweites Erfolgsmodell

"Es hat sich vieles geändert, die Zeit hat für uns gearbeitet. Die Bauern sind heute anders eingestellt", meint Schönleben heute. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Landschaftspflegeverband (LPV) Mittelfranken, dessen stellvertretende Vorsitzende sie seit langem ist.

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Dieser wurde 1986 mit einer außergewöhnlichen, auf Ausgleich bedachten Struktur gegründet: Der Vorstand ist zu gleichen Teilen mit Vertreten aus Naturschutz, Landwirtschaft und Politik besetzt. Ein Erfolgsmodell, das deutschlandweit oft kopiert wurde. Heute gibt es im Land 178 Landschaftspflegeverbände mit genau dieser Struktur.

"Wo es Landschaftspflegeverbände gibt, verlaufen Konflikte produktiver. Die Leute sitzen zusammen an einem Tisch und sprechen über konkrete Flächen. In der Regel kann man sich da am Schluss einigen", verdeutlicht Göppel, Vorsitzender des LPV Mittelfranken und seit dessen Gründung im Jahr 1993 auch des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege.

Plötzlich Biotope in Gemeindehand

Göppel, damals Bezirksrat, hatte sich 1986 mit dem damaligen Landtagsabgeordneten Georg Rosenbauer (später Landrat im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) zusammengesetzt und den LPV auf den Weg gebracht. Zum einen, um Naturschutz und Bauern zu versöhnen, zum anderen aber auch um ein aktuelles Problem der Gemeinden zu lösen.

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Beinahe wie die Jungfrau zum Kind kamen Bayerns Kommunen nämlich Anfang der 1980er zu großen Biotopflächen. Diese wurden bei den damaligen Flurbereinigungsverfahren ausgewiesen und meist den Gemeinden übertragen.

"Wir hatten plötzlich rund 50 Hektar zu betreuen. Für unseren Bauhof wäre das zusätzlich unmöglich zu machen gewesen", erinnert sich Werner Herzog (CSU), von 1972 bis 2002 Bürgermeister von Herrieden (Landkreis Ansbach).

"Ein Segen für die Kommunen"

Wichtigste Aufgabe zu Beginn des LPV war es, die Pflege dieser kommunalen Biotopflächen durch lokale Landwirte zu organisieren. "Das war ein Segen für die Kommunen, eine sehr erfolgreiche Sache für uns", erinnert sich Herriedens Ex-Bürgermeister Werner Herzog.

Das Spektrum hat sich seit 1986 freilich enorm erweitert: Es reicht von 80.000 neu gepflanzten Obstbäumen und der Unterstützung regionaler Vermarktungsinitiativen wie den "Hesselberger"- und "Einheimischer"-Säften über den Einsatz von Przewalski-Urwildpferden als Landschaftspfleger auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz im Tennenloher Forst bis hin zur Freilegung Dutzender Quellen.


Auch "Hesselberger" wurde nicht von der Pandemie verschont


Die Entwicklung hin zu immer umfassenderen Projekten lässt sich beispielhaft im Altmühltal sehen. "Im ersten Jahr haben wir unter anderem die Pflege einzelner Storchengräben bei Herrieden organisiert. Fünf Jahre später kam die Betreuung des rund 1000 Hektar großen Wiesenbrütergebietes "Wiesmet" hinzu. Und in diesem Jahr startet das Bundesprojekt chance-natur, das den Erhalt des artenreichen Grünlandes und der Wiesenbrüter im gesamt Altmühltal zum Ziel hat", sagt Sibylle Tschunko. Sie gibt nach fast 34 Jahren die LPV-Geschäftsführung an Klaus Fackler ab.

"Bezirksgelder sind das Erfolgsgeheimnis"

"Ohne das Engagement wären die Wiesenbrüter heute wohl schon ganz verschwunden", meint Göppel, der das Thema sehr emotional sieht. "Wer einmal den flehenden Lockruf des Brachvogels gehört hat, dem geht dieser richtig in die Seele", sagt er.

Der finanzielle Grundstock des Verbandes mit seinen 25 Mitarbeitern ist ein jährlicher Sockelbetrag des Bezirks Mittelfranken, der derzeit bei 265.000 Euro liegt. "Darin liegt das Erfolgsgeheimnis. Dieses Geld ermöglicht uns, Projekte zu beginnen und vorzufinanzieren, bevor die staatlichen Fördergelder kommen", verdeutlicht Göppel. Durch die Fördermittel konnten in den vergangenen Jahren jeweils rund 2,9 Millionen Euro in 130 bis 140 Gemeinden investiert werden.

Der neue Geschäftsführer Klaus Fackler hofft nun, dass die Projekte auch in Pandemie-Zeiten fortgeführt und ausgebaut werden können. Besonders die weitere Versöhnung von Naturschutz und Landwirtschaft liegt ihm am Herzen – damit künftig möglichst viele den Weg gehen, den Gerda Schönleben als eine der ersten gegangen ist.

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