Cybermobbing

Phänomen Drachenlord: Ein Medienethiker erklärt, wie es so weit kommen konnte

28.10.2021, 16:20 Uhr
Der Drachenlord und seine Geschichte ist eine Chronologie von Cyber-Mobbing und unrühmlicher Reality-Show.

Der Drachenlord und seine Geschichte ist eine Chronologie von Cyber-Mobbing und unrühmlicher Reality-Show. © Collage: NB

Hass im Netz ist keine Seltenheit - doch das Drachenlord-Phänomen ist unvergleichlich. Wir haben einen Experten dazu befragt, was den Drachenlord von anderen YouTubern unterscheidet, wer den Hass vorangetrieben hat und wer nun die Verantwortung trägt.

Vergangene Woche sprach das Gericht sein Urteil über den "Drachenlord" - die Freiheitsstrafe über zwei Jahre wird von beiden Seiten angefochten. Um den YouTuber Rainer Winkler, der mit harmlosen Metalvideos anfing, hat sich mittlerweile eine unvergleichliche Hater-Gemeinde gebildet.

Wir haben den Medienethiker, Pädagogen und Social-Media-Experten Christian Gürtler von der Universität Erlangen-Nürnberg zu dem Phänomen "Drachenlord" befragt.

Doppelmoral, Shitstorm, Hass im Netz, all das ist leider alltäglich. Was hebt den Drachenlord von anderen YouTubern ab?

Christian Gürtler: Ich würde primär sagen die Dauer, die Intensität und dieses Überschwemmen in die Offline-Welt. Auch der Hype um diesen extremen Hass ist sehr selten - noch dazu, dass er bereits so lange anhält. Nicht nur im Internet, sondern eben auch bei ihm zu Hause, in seinem Dorf.

Wer sind die Hauptakteure im "Drachengame" und welche Funktionen haben sie?

Gürtler: Das kommt auf die Zeit an. Anfangs wurde es stark getrieben von bestimmten anderen Influencern. Es gibt Leute im Internet, die ihre Präsenz auf anderen Menschen aufbauen. Das ist in der YouTube-Welt generell so, aber beim Drachenlord hat sich das extrem verstärkt, dass sich andere YouTuber durch Beef-Content, unter anderem über ihn, aufgebaut haben. Zum Drachengame gehören selbstverständlich auch die Haterinnen und Hater. Also diejenigen, die nach Altschauerberg gefahren sind und immer noch fahren und alle Leute, die ständig Videos mit Hass fluten.

Inwieweit befeuert YouTube selbst den Hass-Strudel?

Gürtler: Früher hat YouTube Hass wenig erschwert: Es war leichter, sich einen Kanal auf anderen Persönlichkeiten aufzubauen und dabei Streit und Hass zu säen. Mittlerweile wurden Filter eingebaut, die verhindern, dass bei ungefragter Verwendung anderer YouTube-Videos und kinderunfreundlichen Contents Werbung von YouTube geschaltet wird. Es ist schwieriger geworden, Geld von der Plattform zu bekommen. Allerdings ist es vereinzelt auch noch möglich, Geld durch Product-Placement zu erhalten. Beef-Content gab es schon immer auf der Plattform und der sorgte auch da schon für hohe Klickzahlen. Neu beim Drachenlord-Phänomen ist, dass sich viele auf seine Videos gestürzt haben, obwohl er anfangs mit Tanz-Videos gestartet hat und nicht mit Hass-Content wie andere. Der Drachenlord ist dann aber voll darauf eingestiegen.

Medienethiker, Pädagoge und Social-Media-Experte Christian Gürtler.

Medienethiker, Pädagoge und Social-Media-Experte Christian Gürtler. © privat

Die Hater-Community sieht sich selbst als "Aufklärer" darüber, dass der Drachenlord schlechten Content mache und rechtfertig damit zum Teil auch das Mobbing. Ist es trotzdem Mobbing?

Gürtler: Unter dem Stichwort #Lügenlord haben sie unter anderem "aufgedeckt", dass Rainer Winkler doch keine Freundin hatte, entgegen seinen Behauptungen. Mit investigativem Anprangern hat das gar nichts zu tun und es rechtfertigt auch nicht das Mobbing zu Beginn seiner YouTube-Karriere. Im Gegensatz zu anderen YouTubern gab es da keinen Fall anzuprangern, der einen derartigen Hass gerechtfertigt hätte. Auch hier gibt es beim Phänomen Drachenlord eine große Besonderheit: Er hat nicht aufgehört Videos zu produzieren, wegen des Hasses, der auf ihn eingeprasselt ist. Sonst hätte sich dieses Phänomen nicht in solch einer Intensität ausgeprägt. Rainer Winkler hat auf den Hass reagiert und ab da kann man irgendwann nicht mehr von Mobbing sprechen. Durch den Aufruf an seine Hater, bei ihm vorbeizukommen, sexistische und rassistische Äußerungen, sowie die vielen Aktionen, die dann folgten, hat sich die Sache verselbstständigt: Der Drache hat ein negatives Branding bekommen. Selbst wenn er aus Altschauerberg wegzöge und seine YouTube-Karriere beendete, kämen vermutlich noch immer Leute zur "Drachenschanze" und errichteten womöglich einen Schrein für den Drachen.

Würden Sie sagen, dass es ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Drachenlord und seinen Haterinnen und Hatern gibt?

Gürtler: Ja, definitiv. Ohne die Gemeinde an Leuten, die Spaß daran haben, sich über seine Videos lustig zu machen, wären sie durch die große Konkurrenz untergegangen. So kann Rainer Winkler damit seinen Lebensunterhalt bestreiten, ansonsten hat er nach eigenen Angaben kein Einkommen. Der Hass generiert Aufmerksamkeit und diese generiert wiederum Einkommen und Geschenke seiner Fans. Gleichzeitig haben die Haterinnen und Hater einen enormen Dopaminausstoß - ähnlich wie bei Likes auf ein Foto - wenn der Drache auf ihre Aktionen eingeht.

Beim Drachenlord-Phänomen tragen auch die Medien Verantwortung. Wie sähe Ihrer Meinung nach eine ethischere und konfliktverringernde Berichterstattung aus?

Gürtler: Das fängt im Kleinen an: Man sollte nicht mehr Erwähnen, wo er wohnt, auch wenn die Adresse einfach herauszubekommen wäre. Zusätzliches Bekanntmachen gibt da das falsche Signal. Die Journalisten hätten Medienethiker nach Beratung und einer Handlungsempfehlung fragen können. Stattdessen wurde sich sehr stark auf den "Täter" Rainer Winkler gestürzt. Eine Möglichkeit wäre ein historischer Abriss und die Frage danach, wie es so weit kommen konnte. Dabei sollten möglichst viele Fachleute zu Wort kommen, damit der Sachverhalt eingeordnet wird. Es gibt auch schon genug Analysen darüber, warum Schaulustige zu Katastrophen fahren, die würden auch in diesem Fall greifen. So könnte man der Bevölkerung auch erklären, warum es nicht richtig ist, nach Altschauerberg zu fahren und direkt dazu aufrufen, es von nun an sein zu lassen. Statt Rainer Winkler zu psycho-pathologisieren und ihn als nicht zurechnungsfähig darzustellen, sein Leben zu bestreiten, wäre eine umfassende Reportage zu Hass im Netz mit Experten und Betroffenen wichtig. So könnte man sich ein Urteil zum Drachenlord-Phänomen bilden. Tatsächlich wäre auch weniger Berichterstattung eine Möglichkeit, das Konfliktpotential zu verringern.

Rainer Winkler drohen jetzt zwei Jahre Gefängnisstrafe.

Gürtler: Ich bin kein Rechts-Experte, nur als Privatperson denke ich, dass Rainer Winkler natürlich zur Rechenschaft gezogen werden muss. Aber es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, ihn unter Hausarrest zu stellen und gleichzeitig bei einem Umzug zu unterstützen. Im Sinne der Resozialisierung finde ich sowohl eine psychologische Beratung nach Jahren des Hasses und Mobbings ratsam, als auch die Lenkung in eine andere berufliche Zukunft.

Der Ort Altschauerberg wird jeden Tag von Schaulustigen besucht, die durch ihre Fake-Bestellungen bereits eine Pizzeria in den Bankrott getrieben haben. Die Polizei rückt regelmäßig aus. Wurde das Internet-Phänomen zu lange unterschätzt?

Gürtler: YouTube hat sich lange der Verantwortung entzogen, gegen so etwas vorzugehen. Das ist massenmedial bekannt. Sie haben viel zu wenig Filtersysteme eingebaut. Ich denke, der richtige Ansatz wäre, den User und die Userin zu stärken. Von staatlicher Seite aus ist es so, dass generell Mobbing lange klein geredet wurde. Mittlerweile ist es an Schulen und im Strafsystem mehr im Blickfeld. Das Problem dabei ist, dass es vor allem online sehr schwer ist, dagegen vorzugehen. Die Polizei geht dem zwar nach, allerdings kommen derart viele Beschwerden, dass sie überfordert ist. Auf YouTube war das Drachenlord-Phänomen eher im Untergrund und wenig präsent. Als es dann massenmedial verstärkt Aufmerksamkeit bekam, war es eigentlich schon zu spät, dagegen vorzugehen. Dennoch muss Verantwortung übernommen werden, und zwar von den Hatern, dem Staat und - wie schon angesprochen - den Medien.

Welche Lehre würden Sie aus dem Drachengame ziehen?

Gürtler: Es ist jetzt an der Zeit, etwas zu unternehmen: Schularten- und jahrgangsübergreifende Medienpädagogik, aber auch Lehrer- und Erwachsenenbildung. Ich sehe ganz klar die Institutionen in der Verantwortung. Wie funktioniert das Internet kulturell und gesellschaftlich? Was gibt's da für Phänomene? Bin ich selbst oft Opfer von Manipulation im Internet? Da braucht es Schulungen, um das zu reflektieren und dann auch sein Verhalten anzupassen. Ich glaube, wenn die Leute geschult gewesen wären, wäre das alles anders verlaufen.