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Anteil der Mutationen steigt: Wann kommt die dritte Welle?

Experten rechnen auch mit steigenden Infektionszahlen - 24.02.2021 14:05 Uhr

Ein Labor-Mitarbeiter bereitet einen PCR-Test für die Analyse auf Mutationen des Coronavirus vor.

15.02.2021 © Sebastian Gollnow, dpa


Jeder fünfte Coronafall in Nürnberg ist inzwischen auf eine mutierte Virus-Variante zurückzuführen. Deutschlandweit ist die Lage die gleiche. Die zuerst in Großbritannien beschriebene Mutation B.1.1.7 lässt sich bereits in etwa 22 Prozent der positiv getesteten Proben nachweisen. Anfang Februar waren es erst sechs Prozent.

In Mutations-Hotspots wie etwa Flensburg liegt der Wert inzwischen sogar bei über 50 Prozent. Die Stadt hat strenge Ausgangssperren beschlossen. Außerhalb des eigenen Haushalts sind keine Kontakte mehr erlaubt.

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Zeitgleich haben am Montag vielerorts die Schulen und Kitas wieder geöffnet. Dabei warnen Experten bereits vor dem Beginn einer dritten Welle – ausgelöst durch die neuen Mutationen.

Erster Fall in Nürnberg

Ende Januar ist der erste Fall einer Virusvariante in Nürnberg bekannt geworden Seitdem ist "die Tendenz steigend", teilt das Gesundheitsamt der Stadt mit. "Die betroffenen Personen und Einrichtungen sind unter strengen Quarantänemaßnahmen isoliert und stehen unter Kontrolle durch das Gesundheitsamt, es erfolgt eine intensive Nachverfolgung und Testung aller Kontaktpersonen."

Das mutierte Virus verbreitet sich schneller als die ursprüngliche Form. Symptome und Krankheitsverläufe unterscheiden sich nach bisherigen Erkenntnissen zwar nicht, aber die neuen Varianten sind ansteckender.


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Zu diesem Schluss kommt auch das Robert-Koch-Institut, das in einem aktuellen Bericht die Ergebnisse aus vier verschiedenen Meldeverfahren zusammenfasst: "Der Anteil der Virusvarianten ist nach den bisher vorliegenden Daten in den letzten Wochen weiter deutlich gestiegen."

Die Experten empfehlen deshalb, die Zahl der Analysen des genauen Viruserbguts weiter zu steigern und die Daten der Labore an die Gesundheitsämter verpflichtend zu übermitteln. Nur so könne ein repräsentatives Bild der Virusvarianten und einzelner Mutationen entstehen, um regionale Ausbreitungen früh zu erkennen.

"Sicher gibt es zurzeit noch eine Verzerrung in Richtung von großen Ausbrüchen", sagt Roman Wölfel. "Dort, wo viele Menschen infiziert und Hinweise auf die Variante gefunden werden, werden überproportional viele Analysen durchgeführt." Den Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München überrascht der steigende Anteil der britischen Mutation nicht.

"Eine Zunahme war zu erwarten, da die neue Variante um einen gewissen Wert ansteckender ist als ihre Vorgänger", sagt Wölfel. "Sie wird früher oder später die Vorherrschaft in den Infektionen übernehmen und sich zum Normalfall entwickeln."


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Was das für Deutschland bedeutet, ist ungewiss. Experten versuchen deshalb, verschiedene Szenarien zu berechnen. In Dänemark etwa wird das Erbgut von Sars-CoV-2 schon länger systematisch ausgewertet.

Die Zahl der Infektionen durch B.1.1.7 ist dort in den vergangenen Wochen um zehn Prozent gewachsen, die anderen Fallzahlen sinken. Würde das so weitergehen, würde auch die Gesamtinzidenz des Landes bis April weiter sinken.

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Inzidenz würde sich verzehnfachen

In Deutschland sind die Fallzahlen zuletzt um 20 Prozent pro Woche zurückgegangen. Doch der Anteil der B.1.1.7-Variante wächst schneller als in Dänemark – wie schnell werden erst die nächsten Tage und Wochen zeigen. Bisherige Genanalysen zeigen eine Wachstumsrate von 40 Prozent. Setzt sich der Trend fort, würde die Inzidenz nach aktuellen Schätzungen von Februar bis April auf das Doppelte ansteigen.

Bei einer Wachstumsrate von 70 Prozent – wie sie die ausgewerteten PCR-Tests gerade nahelegen – würde sich die Gesamtinzidenz im kommenden Monat sogar verzehnfachen.

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"Dass Länder wie das Vereinigte Königreich oder Dänemark aktuell keinen Anstieg in den täglichen Fallzahlen feststellen, obwohl die Variante dort schon einen Großteil der Infektionen ausmacht, liegt wahrscheinlich am Verhalten der Bevölkerung vor Ort", sagt Wölfel. "Die Menschen dort werden sich der Lage bewusst sein und sich verstärkt an die umfangreichen Maßnahmen zur Eindämmung halten."


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Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie der Uniklinik Köln geht für Deutschland von einem erneuten Anstieg aus: "Wenn man den aktuellen Stand als Ausgangspunkt annimmt, werden wir Ende März deutlich höhere Fallzahlen sehen – abhängig von unserem Verhalten und der Wirksamkeit, Infektionsketten zu unterbrechen."

Die dritte Welle verhindern

Gegen die Virusvarianten hilft dasselbe Verhalten wie bislang: Abstand, Hygiene, Masken und Lüften. "Das Argument, dass wir noch zu wenig über die genaue Verbreitungsdynamik der einzelnen Varianten wüssten, kann ich nur bedingt gelten lassen", sagt Klein. "Natürlich ist es notwendig, weitere Erkenntnisse zu gewinnen, aber wir wissen genug, um zu sagen, dass wir ein großes Problem bekommen können."

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Alexander Mellmann, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, warnt mit Blick auf die neuen Daten. "Die Modellierungen legen nahe, dass sich im Hintergrund langsam eine dritte Welle aufbaut – das ist realistisch", sagt der Professor.

"Aus diesem Grund sollte jetzt klar kommuniziert werden, dass nur die Fortführung der Maßnahmen diese dritte Welle verhindern oder zumindest abmildern kann." Das Entscheidende sei nicht, die Maßnahmen zu verschärfen oder weitere einzuleiten, sondern konsequent die alten zu befolgen.

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