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Coronavirus: Franken berichten über Alltag in China

Leere Straßen und geschlossene Restaurants und Universitäten in Shanghai - 28.02.2020 12:26 Uhr

Das tägliche Kleidungsstück in Shanghai: der Mundschutz. Schon vor dem Ausbruch des Corona-Virus trugen viele Stadtbewohner einen Mundschutz wegen der schlechten Luft. © HECTOR RETAMAL, AFP


Vor einem halben Jahr hat Peter Müller (Name geändert) am Nürnberger Konfuzius-Institut Chinesisch gepaukt, um mit seinen künftigen Mitarbeitern in Shanghai ein paar Worte in ihrer Landessprache wechseln zu können. Seinen richtigen Namen und den seiner Firma will er lieber nicht in den Medien lesen.

Müller plant einen fünfjährigen Aufenthalt im "Reich der Mitte". Die Arbeit läuft gut an, die Kinder besuchen die deutsche Schule. Beim Schulfest am 23. Januar herrscht noch ausgelassene Stimmung, Kinder und Eltern drängen sich im Saal.

Wegen Coronavirus: Straßen sind menschenleer

Tags drauf: Die sonst so überfüllten Straßen und U-Bahnen der chinesischen Metropole mit 24 Millionen Einwohnern sind menschenleer. Die Regierung macht klare Ansagen: kein Aufenthalt an öffentlichen Plätzen, die Menschen sollen ihre Wohnungen möglichst nicht verlassen, immer auf Hygiene achten und Schutzmasken tragen.

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Der 42-jährige Müller bleibt mit der Familie in seiner abgeschirmten Ausländer-Siedlung. Die Einfahrt zur Wohnanlage gegenüber wird mit zwei Polizeibussen blockiert: Niemand soll mehr das Areal verlassen. Der Franke teilt seinen Mitarbeitern mit, dass die Firma — wie die meisten anderen Unternehmen auch — geschlossen bleibt und alle per home office arbeiten. Untereinander bleiben sie mit Handy und Notebook in Kontakt.


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Deutsche in China: Kein Ausflug mehr ins "Paulaner"

Da auch die Schulen geschlossen sind, sitzt Familie Müller zuhause und wartet ab. Die Stunden vertreibt man sich mit Monopoly, Mikado und Memory, ausnahmsweise unternehmen sie mal einen kurzen Spaziergang. Ansonsten gehen sie nur zum Einkauf von Lebensmitteln noch nach draußen. Auch die Ausflüge ins Shanghaier Restaurant "Paulaner" unterbleiben, das bei deutschen Stadtbewohnern beliebt sind.

Dichtes Gedränge in der deutschen Schule von Shanghai am 23. Januar: Schüler, Eltern und Lehrer feierten mit dem chinesischen Drachen den Beginn der Ferien. Tags darauf kam die Corona-Meldung. © privat


Die Firmen sollen eigentlich am 3. Februar wieder öffnen, doch die Behörden drängen zur Verlängerung der Betriebsruhe. Wer unbedingt öffnen will, hat strenge Auflagen zu erfüllen: Am Eingang muss bei allen Beschäftigten Temperatur gemessen werden, sie darf nicht höher als 37,6 Grad Celsius sein. Außerdem müssen die Räume in engen Zeitabständen desinfiziert werden und ausreichend Gesichtsmasken vorhanden sein.

Stimmung angespannt und unruhig

Müllers Wohnsiedlung leert sich zunehmend: Immer mehr ausländische Nachbarn reisen nach Europa zurück. Die Übrigbleibenden verlieren ihre anfängliche Lockerheit, die Stimmung wird angespannter und unruhiger. Als die Behörden verkünden, dass die Schulen vier weitere Wochen geschlossen bleiben, entscheidet sich Familie Müller zur Rückkehr nach Nürnberg.


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Doch Flugtickets zu bekommen, erweist sich als schwierig, da die meisten Linien ihre Flüge eingestellt haben: "China Eastern verlangte bis zu 6000 Euro für ein Ticket, für uns fünf ist das zu teuer", meint der 42-Jährige. Glücklicherweise kann er bei Aeroflot buchen. Die Familie landet zunächst in Moskau. "Dort sind Mitarbeiter in Astronauten-Anzügen eingestiegen und haben die Passagiere untersucht, ob sie krank sind."

Keine Coronavirus-Kontrolle in München

Nur zum Einkaufen sind die Bewohner von Shanghai unterwegs. Viele Läden und Einkaufszentren sind allerdings als Vorsichtsmaßnahme geschlossen. © HECTOR RETAMAL, AFP


Dann flog die Maschine weiter nach München, wo die Ankommenden überhaupt nicht auf ihre Gesundheit hin kontrolliert wurden. "Das hat uns sehr überrascht", meint der Geschäftsführer. Er wartet nun in Franken ab, wie sich die Situation in China weiter entwickelt.

Dort hält Darren Guo, Managing Director der NürnbergMesse China, die Stellung. Auch seine Mitarbeiter in Shanghai arbeiten momentan von zuhause aus.

Aufgrund der digitalen Infrastruktur Chinas sei dies kein Problem. "Das Wichtigste ist: Allen Beschäftigten und ihren Familien geht es gesundheitlich gut", betont Darren Guo .


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Die Straßen sind deutlich leerer, viele Restaurants und Geschäftszentren sind geschlossen, beobachtet die Führungskraft der NürnbergMesse China. Doch das stelle die Menschen der Großstadt nicht vor größere Probleme: Man sei gewohnt, Essensbestellungen, Einkäufe und andere Dienstleistungen komplett online abzuwickeln. Wer vor die Tür muss, trägt Mundschutz.

Unterricht an der Uni läuft ausschließlich online

Deutsch-Dozentin Heidrun Hörner unterrichtet an der chinesischen Universität von Xiamen. Die Insel gegenüber von Taiwan hat etwa 3,5 Millionen Bewohner. Ihre Semesterferien im Januar verbringt die Wissenschaftlerin gerade in Franken, als sich die Berichte über den Corona-Virus in China überschlagen.

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In Zeiten von Corona: Ein Blick in die Isolierstation im Klinikum Nord

Zutritt nur mit Schutzkleidung: Normalerweise liegen auf der Isolierstation 16 II in Nürnberger Klinikum Nord Patienten mit Tuberkulose oder schwerer Influenza. In den vergangenen Wochen kamen Verdachtsfälle auf Corona-Virus dazu. Alle Mitarbeiter der Isolierstation — ein Oberarzt, drei Assistenzärzte und 25 Schwestern und Pfleger — müssen sich penibel an die hygienischen Vorschriften halten. Ein Einblick.


Die Universität von Xiamen ist nun bis auf weiteres geschlossen. Den Unterricht mit ihren 18 Schülerinnen und Schülern organisiert Hörner online. Allerdings ist dies für die Dozentin wie für ihre Schüler nicht einfach: Sämtliche Lehrmittel liegen in der Hochschule, die Studenten sind wegen der Ferien zuhause und nicht auf dem Campus. Improvisieren ist angesagt.

"Abwarten und Tee trinken"

"Die Studierenden langweilen sich, weil sie wenig zu tun haben", sagt die Hochschullehrerin, "manche gehen mit Mundschutz nach draußen, andere bleiben zuhause. Das kommt jeweils auf die Stadt an, in der sie wohnen und wie stark dort die Kontrollen sind."

Hörner selbst kann erst wieder von Nürnberg aus nach China aufbrechen, wenn sowohl die Universität wie auch der Deutsche Akademische Austauschdienst ihre Zustimmung geben. "Bis dahin heißt es: Abwarten und Tee trinken. Es hilft ja nichts", meint sie.

Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus lesen Sie in unserem News-Blog:

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