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Es raucht und tickert schon lange nicht mehr

Ein Rückblick auf die Redaktionsjahre mit Schreibmaschine und Fettstift - 30.01.2018 15:28 Uhr

Im Fernschreiberraum: Kilometerlange Ausdrucke, Tag für Tag. © Michael Matejka


Vielleicht kennen Sie die Apparate auf unserem Foto noch aus Filmen, in denen es um rasende Reporter geht und um ihre Büros. Es sind Fernschreiber, auch Ticker genannt – und zwar deshalb, weil sie rund um die Uhr tickerten. Lautstark Nachrichten ausspuckten.

Auf den Geräten, die in einem eigenen, großen Raum standen, liefen die Meldungen aus aller Welt ein, eingesammelt und zusammengetragen von den Nachrichtenagenturen wie etwa der dpa (Deutsche Presse-Agentur), die wir als Medienhaus zur Grundversorgung mit Nachrichten abonniert haben wie Sie Ihre Tageszeitung. Es gab eine eigene Fernschreibraum-Besatzung, im Schichtdienst. Dieses Team sichtete die Meldungen, schnitt sie passgenau ab, sortierte sie in Fächer für die jeweiligen Redaktionen und trug die gesammelten News dann in regelmäßigen Abständen in die Ressorts.

Als ich 1990 in der Politik-Redaktion der Nürnberger Nachrichten anfing, da kamen die Fernschreib-Boten am frühen Nachmittag, nach der Redaktionskonferenz, ins Büro und fragten die Kolleginnen und Kollegen, welche Themen sie denn heute bearbeiteten. Eine mögliche Antwort: "DDR und Innen Rest" . Die DDR gab es damals ja wirklich noch, es waren die aufregenden Monate zwischen dem Mauerfall und der offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. "Innen Rest", das war das, was es sonst noch an innenpolitischen Meldungen gab.

Und dann landete im Halbstunden-takt ein Stapel von Papieren zum jeweiligen Themenbündel auf jedem Schreibtisch. Warum wurde das denn, bitte schön, ausgedruckt, fragen sich jüngere Leser. Schlicht und einfach deshalb: Weil andere Verbreitungsmöglichkeiten noch nicht existierten. Weil die Meldungen eben nicht auf dem Computer-Bildschirm einliefen – weil es noch keine alltagstauglichen Computer gab.

Texte tippen in die Schreibmaschine, Telefon-Recherche mit qualmender Zigarette: So sah es 1980 in der Redaktion aus. © Rudolf Contino


Auch Push-Meldungen, die auf dem Smartphone aufploppen, gab es natürlich nicht. Dafür aber Redaktionsboten, die schon mal angerannt kamen, wenn eine "Eilmeldung" einlief über den Ticker. Die Agenturen gaben ihren News Wichtigkeitsgrade: Am unwichtigsten waren Meldungen mit sechs oder fünf, die es heute kaum mehr gibt. Normal sind solche mit vier oder drei, alarmiert war man bei einer Zwei. Und die Eins war (und ist) eine Eil-, also Top-Meldung, heute "breaking news" genannt und per Banner eingeblendet im Fernseher. Wenn so etwas kam, dann sprintete der Bote vom Fernschreibraum los. Und wir mussten die Zeitung in der Regel umplanen.

Das waren Ausnahmen. Im Alltag sichteten wir also das Material, unterstrichen uns Wichtiges, verglichen die verschiedenen Fassungen der Nachrichtenagenturen – und bastelten dann eigene Meldungen. Basteln traf es teils wortwörtlich: Mit der Schere schnitt man von der Agentur x eine Passage aus, die den Stand der Dinge gut traf, hängte dann einen Abschnitt von der Agentur y dran, klebte das auf Manuskriptpapier – und ergänzte das Ganze durch eigene Anmerkungen oder einen besonders prägnanten Einstieg in die Nachricht. Dann warf man dieses Konvolut in einen Schacht im Gang – und einen Stock tiefer machten sich Texterfasser daran, die zusammengebauten Artikel ins Redaktionssystem zu schreiben.

Manche Kollegen diktierten, sprachen also Nachrichten, sogar Kommentare. Dazu gab es die "Aufnahme", ein Büro mit Damen, die Steno konnten und politisch sehr gut auf dem Laufenden waren. Sie notierten auf dem Block, was ihnen der Kollege diktierte. Das hatte den Vorteil, dass Sätze knapper, Aussagen präziser wurden – aber es kostete natürlich auch Zeit, bis der Text dann von den Damen erfasst war und im Redaktionssystem landete.

Als Fotos noch auf Papier ausgewählt wurden: Martin Held, Karin Winkler und Hans-Peter Reitzner (v. l.) 2003 in der Redaktion. © Archivfoto: Karl-Heinz Daut


Und dann war da natürlich jenes oft etliche Kilo schwere Monstrum namens Schreibmaschine. Dahinein hackten wir unsere eigenen Berichte und Kommentare. Auf Formulare, die anzeigten, wann eine Zeitungszeile voll war. Und für welches Ressort der Text denn gedacht ist – die waren mit Farben gekennzeichnet. Wir schrieben oft noch mit Durchschlag, also mit Kohlepapier, damit der so einmal kopierte Text noch da war, sollte er unterwegs im Verlagshaus auf dem Weg zu den Texterfassern einen Stock weiter unten doch verloren gehen . . .

Auch die Büro-Atmosphäre war spür- und vor allem riechbar anders damals. Denn es wurde noch geraucht bei der Arbeit. Von vielen Kollegen, auch von einigen Kolleginnen. Wenn hinter einer Dunstwolke heftig und lautstark getippt wurde - dann war auch der Politik-Chef zufrieden: Geht voran, die Zeitung wird rechtzeitig fertig!

Dafür braucht es natürlich auch Bilder. Wie die ins Blatt kamen? Auf höchst umständlichen Wegen, die für Facebook-Nutzer, die Fotos sekundenschnell per Mausklick weltweit online stellen, aussehen wie Steinzeit.

Die sah so aus: Als freier Mitarbeiter etwa in Fürth, wo ich während der Schulzeit und parallel zum Studium bei den Fürther Nachrichten arbeitete, schaffte man sich eine Spiegelreflexkamera an, idealerweise dazu noch einen leistungsstarken, schweren Stabblitz jener Firma, die mit dem fränkelnden "Meecherd ich aaaa" für sich warb. Mit dieser einige Kilo schweren Ausrüstung war man dann unterwegs, bei Faschingsprinzenpaarinthronisationen und Vereinsfeiern, bei C-Klassen-Fußballspielen und diamantenen Hochzeiten und und und . . .

Natürlich waren die Fotos lange nur: schwarz-weiß. Und zwar so lange, als es allmählich schon schwierig wurde, noch Schwarz-Weiß-Filme zu kriegen, mit Lichtempfindlichkeit DIN 27/ASA 400. Denn farbig wurde die Zeitung erst vor 15 Jahren, als 2003 das neue Druckhaus in Nürnberg entstand. Vorher waren die Bilder schwarz-weiß. Wir gaben unsere Filme ab im Labor, wo Helfer sie in der Dunkelkammer belichteten und uns ein paar kleine Kontaktabzüge machten. Auswählen, was passt – dann wurden größere Fotos entwickelt.

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Was heute mit einem Wisch auf dem Smartphone geht, das war damals eine langwierige Handarbeit: Welchen Ausschnitt des Fotos wählen wir? Mit rotem Fettstift und Lineal markierte man das, was man in der Zeitung sehen wollte. Rechnete dann aus, wie groß das Bild im Blatt stehen soll, notierte diese Maße auf einem kleinen Aufklebe-Zettel auf der Rückseite des Fotos – und ab ging die Hauspost von den Außenredaktionen (wie etwa Fürth) in die Zentrale nach Nürnberg.

Aufwendig war das, zeitraubend und oft auch anstrengend. Nicht erst heute geht das alles viel schneller, direkter, ohne Bindeglieder und Abteilungen, die es in der Form längst nicht mehr gibt, weil die Digitalisierung sie überflüssig gemacht hat. Dennoch ist es auch damals immer – oder sagen wir: meistens – gelungen, jeden Tag eine ordentliche Zeitung zu machen. Das geht heute viel leichter, schneller, komfortabler.

Doch der Reiz ist immer noch der gleiche wie damals: Tagtäglich Neues, Interessantes, Überraschendes zu liefern. In der gedruckten Zeitung. Und rund um die Uhr im Netz, das keinen Sendeschluss kennt und keinen Druckschluss. Möglichst schnell, dabei aber auch möglichst gründlich informieren: Das bleibt unser Job, ob 1981 oder 2018. Ein schöner, spannender, abwechslungsreicher Job. Ach was: der schönste, spannendste, abwechslungsreichste Job!

Alexander Jungkunz E-Mail

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