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Sonntag, 06.12.2020

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Geheimnis über Herkunft der Skelettfunde an Südwesttangente gelüftet

Bagger hatte über 300 menschliche Überreste unter Lärmschutzwalls freigelegt - 30.07.2020 09:54 Uhr

Stadtarchäologe John Zeitler präsentiert den Schädel eines Verstorbenen, der bei Erdarbeiten am Lärmschutzwall entlang der Südwesttangente zum Vorschein kam - genau wie die am Tisch aufgereihten menschlichen Knochen.

27.07.2020 © Hartmut Voigt


Die Südwesttangente hat an der Siedlung Gartenstadt eine weitere Fahrspur dazu bekommen. Bei den Erdarbeiten am Lärmschutzwall stieß ein Baggerfahrer auf Reste menschlicher Skelette. Ein Mitarbeiter der Mordkommission klopfte bei dem Stadtarchäologen John Zeitler an, um seine Einschätzung zu hören.

Im Zusammenhang mit dem Knochenfund erhielt eine alte Geschichte wieder Aktualität: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte eine Gruppe von Juden den Massenmord der Nationalsozialisten an sechs Millionen Juden rächen wollen. Sie fasste den Plan, Mitglieder der SS und Nazi-Schergen, die im Internierungslager in Langwasser untergebracht waren, zu töten.

Brot mit Arsen vergiftet

Die Aktivisten der "Nakam"-Gruppe wollten 1946 die Gefangenen mit Arsen bestrichenen Broten vergiften. Der Plan schlug fehl, viele Lagerinsassen erkrankten zwar, aber überlebten. So die offizielle Version. Doch es tauchten gelegentlich Gerüchte auf, dass mehrere hundert Männer gestorben seien und in einem Massengrab am Moorenbrunnfeld beigesetzt wurden.

An der A73 in Höhe der Siedlung Gartenstadt ist eine weitere Fahrspur im Bau. Plötzlich entdeckte ein Baggerfahrer beim Erdaushub in seiner Schaufel Skelettreste.

27.07.2020 © Stefan Hippel


Als die Firma Siemens ihre Niederlassung auf diesem Areal errichtete, musste dort der Erdaushub beseitigt werden. Es kam die Vermutung auf, dass ein Teil zum Bau des Lärmschutzwalls an der Südwesttangente verwendet worden sein könnte. Die Betonung liegt auf "könnte", denn einen eindeutigen Beleg dafür gibt es nicht. Rasch kam es zu der Spekulation, dass die gefundenen Knochen sterbliche Überreste der Lagerinsassen von 1946 sein könnten – mögliche Opfer des Arsenanschlags.

US-Labor widerlegt Gerüchte

Doch diese Vermutung ist seit wenigen Tagen widerlegt. Proben der Knochen waren nämlich zur Untersuchung in die USA geschickt worden. Ein Labor in Miami notiert in seinem jetzt eingetroffenen Bericht, dass die Relikte zwischen 559 und 600 Jahre alt sind.

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Für den Stadtarchäologen Zeitler ist das Ergebnis keine Überraschung: Er hatte ohnehin nicht an das Gerücht der mit Arsen getöteten Lagerinsassen geglaubt. Der Wissenschaftler verfolgte eine andere Spur, die durch den jetzigen Laborbefund als gesichert gilt: In einer Aktennotiz des Landesamts für Denkmalschutz aus dem Jahr 1981 ist von einer Baustelle am Hans-Sachs-Platz die Rede. Damals wurde das Areal neben dem Heilig-Geist-Spital für eine Tiefgarage ausgeschachtet.

Knochen vom Friedhof des Heilig-Geist-Spitals

Bei den Arbeiten kamen Skelettreste zum Vorschein. Sie stammten vom einstigen Friedhof des Heilig-Geist-Spitals. In der Stiftung des schwerreichen Bürger Konrad Groß aus dem 14. Jahrhundert – bis heute die bedeutendste Stiftung der Stadt Nürnberg – wurden Alte und Kranke gepflegt. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf dem Friedhof, der bis 1525 belegt werden durfte. Danach mussten die Leichname außerhalb der Stadtmauern beerdigt werden.


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In der Aktennotiz steht weiter, dass die menschlichen Knochen vor dem Betonieren der Bodenplatte unter deren Niveau "wiederbestattet" wurden und dass der Erdaushub teilweise zur Aufschüttung des Lärmschutzwalls an der Gartenstadt im Stadtsüden verwendet wurde.

Deutsche Labors brauchen zu lange

Für Zeitler ist damit das Geheimnis der Knochen aus dem Lärmschutzwall gelüftet: Es sind letzte Reste von Menschen, die vor einem halben Jahrtausend im Hospital verstorben sind. Warum ein amerikanisches Labor die Knochen-Untersuchungen vorgenommen hat? Der alte Teilchenbeschleuniger der Universität Erlangen wurde mangels Ersatzteilen vor etwa drei Jahren außer Betrieb genommen. Die nächstgelegenen Labore in Hannover, Köln und Mannheim brauchen mit ihren Analysen wegen der großen Nachfrage lange. "Bis zu einem Jahr muss ich warten", so Zeitler, "daher schicke ich das Material in die USA. In wenigen Wochen erhalte ich die Ergebnisse."

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