Interview mit dem Leiter der Stabsstelle

Gerüchteküche brodelt: So geht es mit dem Reichsparteitagsgelände weiter

15.8.2021, 09:28 Uhr
Prägendes Areal: die Kongresshalle der Nationalsozialsten. Über ihre künftige Nutzung wird heftig debattiert.

Prägendes Areal: die Kongresshalle der Nationalsozialsten. Über ihre künftige Nutzung wird heftig debattiert. © imago images/imagebroker, ARC

Herr Professor Wagner, Sie tragen als Leiter der Stabsstelle Reichsparteitagsgelände Verantwortung für einen der größten Täter-Orte der Republik. Wie geht es Ihnen damit?

Hans-Joachim Wagner: Das ist in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung, und ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht, ob ich eine solche Tätigkeit übernehmen möchte. Es ist ein Areal, das nicht allein eine Bedeutung für Nürnberg besitzt, sondern für Europa, für die Welt. Und auf dieses Gelände schauen ganz unterschiedliche Interessensgruppen mit den unterschiedlichsten Erwartungen.

Leitet die neue Stabsstelle Reichsparteitagsgelände: Hans-Joachim Wagner.

Leitet die neue Stabsstelle Reichsparteitagsgelände: Hans-Joachim Wagner. © Günter Distler

Sie kennen das Gelände schon aus Ihrer Tätigkeit als Kulturhauptstadt-Büroleiter

Hans-Joachim Wagner: ...ja, und die neue Tätigkeit als Leiter der Stabsstelle bietet mir die Möglichkeit, zentrale Aspekte der Kulturhauptstadt-Bewerbung umzusetzen.

Enge Kooperation mit Flossenbürg

Während der Bewerbung wurde die Idee geäußert, dass Nürnberg mit Flossenbürg, also einem Ort der Nazi-Opfer, eine enge Kooperation eingehen solle. Steht das auf Ihrer Agenda?

Hans-Joachim Wagner: Auf jeden Fall. Die historischen Verbindungen zwischen Flossenbürg und Nürnberg sind sehr eng. Es besteht eine Verantwortung von Nürnberg gegenüber Flossenbürg, und wir haben mit Professor Skribeleit in Flossenbürg einen wirklich brillanten Kulturwissenschaftler und Historiker, der viele gute Ideen hat.

Blicken wir auf das Reichsparteitagsgelände: Ein Teil davon, die Zeppelintribüne und das Zeppelinfeld, wird Instand gehalten. Die Mittel fließen vom Bund, vom Land und zu einem kleinen Teil von der Stadt. Sind Sie zufrieden damit?

Hans-Joachim Wagner: Wenn ich intern draufschaue, bin ich sehr zufrieden mit dem Stand. Wenn ich nach draußen blicke, muss ich feststellen: Wir müssen nach wie vor eine intensive Aufklärungsarbeit betreiben! Das Vorhaben Zeppelintribüne ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für die Menschen hier in Nürnberg.

Zu sehr auf die Steine fixiert

Es braucht Aufklärungsarbeit, insbesondere mit Blick auf das eigentliche Ziel. Die Diskussionen in der Vergangenheit waren mir persönlich zu sehr auf die Steine fixiert. Wir brauchen jetzt eine Diskussion darüber: Was wollen wir mit diesem Gelände überhaupt bewirken? Welche Relevanz hat dieses Gelände für eine Stadtgesellschaft, in der 46 Prozent der Menschen eine internationale Geschichte besitzen?

Derzeit wird mehr darüber gesprochen, dass die Tribüne für knapp 100 Millionen Euro aufwendig saniert werden soll...

Hans-Joachim Wagner: Es kursieren nach wie vor ominöse Theorien darüber, was die Stadt vorhat. Es würde um eine Rekonstruktion gehen, behaupten manche.

Die Gerüchteküche ist schon nachvollziehbar, jegliche Art von Intervention ist anscheinend unerwünscht, wie der Umgang mit dem Regenbogen-Präludium uns vor Augen geführt hat...

Hans-Joachim Wagner: Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass dieses Präludium länger hätte wirken dürfen. Denn es war eine besondere Form des Umgangs mit dem NS-Erbe. Rachel Salamander hat – bezogen auf die Kongresshalle – gesagt, dass dieser Torso eine Provokation ist. Das ganze Gelände ist und bleibt eine Provokation, die man nicht aus der Welt schaffen kann. Wie finden wir Formen des Umgangs und des Zugangs, ist die zentrale Frage.

Auseinandersetzungen mit den Mitteln von Kunst und Kultur

Ich bin mir sehr sicher, dass die Künste und die Kulturen in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung haben, also auch durchaus in Form von Aktionen. Solche Auseinandersetzungen mit den Mitteln von Kunst und Kultur wünsche ich mir für die Zukunft auf dem Gelände sehr viel intensiver, als das bislang geschehen ist.

Warum tut sich Nürnberg so schwer im Umgang mit dem Areal?

Hans-Joachim Wagner: Da muss man nur kurz in die Geschichte der Stadt Nürnberg schauen. Es gibt die Leitlinien für den Umgang mit dem Gelände aus dem Jahr 2004. Diese Leitlinien bedürfen einer grundsätzlichen Überarbeitung. Die sind mittlerweile fast 20 Jahre alt. Heute, fast 20 Jahre später, muss man anders auf das ehemalige Reichsparteitagsgelände schauen. Insbesondere angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Stadt.

Woran reiben Sie sich konkret?

Hans-Joachim Wagner: In den Leitlinien steht, es brauche den Umgang mit dem Gelände mit den Mitteln von Kunst. Punkt. Das klingt sehr diffus. Hier müssen wir ansetzen. Außerdem heißt es, es darf keine dauerhafte Veränderung stattfinden. Das ist ein Satz, der alles verhindert.

Auch möglicherweise notwendige bauliche Veränderungen an und in der Kongresshalle. Die steht neuerdings im Mittelpunkt der Debatte. Zunächst sollen dort Ateliers für Künstler entstehen. Was halten Sie davon?

Hans-Joachim Wagner: Es hat sich im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung in diversen Foren herausgestellt, dass die Künstlerinnen und Künstler in Nürnberg Räume benötigen; die Nutzung der Kongresshalle im Horizont dieses Desiderats ist in meinen Augen gut und richtig. Aber die Diskussion war bisher verengt auf die visuellen Künste. Es braucht aber auch die Räume für die Musik, die Literatur, für die performativen Künste und für die Schnittstellen hin zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Es braucht insofern eine inhaltliche und ästhetische Öffnung. Dieses Thema will ich in den nächsten Monaten verstärkt in den Fokus rücken.

"Das liegt nicht in meinem Verantwortungsbereich"

Und wie sieht es mit der Kongresshalle als Standort für das Opernhausinterim aus?

Hans-Joachim Wagner: Das Interim liegt nicht in meinem Verantwortungsbereich. Allerdings habe ich eine dezidierte Meinung. Das Opernhaus braucht die Entscheidung über den Standort des Interims in diesem Herbst. Fällt diese Entscheidung nicht, wird es ab Sommer 2025 in Nürnberg kein Musiktheater mehr geben. Das ist Fakt. Und ein mögliches Interim im Innenhof der Kongresshalle böte die Möglichkeit, diesen Ort noch einmal ganz neu und ganz anders zu denken.

Inwiefern?

Hans-Joachim Wagner: Weil Synergien zwischen einer Institution, dem Theater, und Künstlerinnen und Künstlern, die in unterschiedlichsten Bereichen tätig sind, möglich werden. Von diesen Synergien verspreche ich mir wahnsinnig viel.

Kritiker fürchten den gegenteiligen Effekt. Ein gedeihliches Miteinander zwischen der freien Szene und der Institution Staatstheater sei nicht möglich...

Hans-Joachim Wagner: Ich erhoffe mir den gegenteiligen Effekt, zumal ich mit den Verantwortlichen im Staatstheater entsprechende Gespräche geführt habe und dort auf offene Ohren gestoßen bin.

Wie sieht es denn baulich aus? Eine Interimsspielstätte kann ja nicht wie ein Ufo im Innenhof der Kongresshalle landen...

Hans-Joachim Wagner: Klar. Es braucht Garderoben, Toiletten, Proberäume. Das müsste alles in den Rundbau integriert werden. Ich bin aber nicht so puristisch, dass ich sagen würde, diese Veränderungen dürfen nicht vorgenommen werden. Denn die Nazis haben uns einen Rohbau hinterlassen. Und was spricht dagegen, diesen Rohbau einer anderen Funktion zuzuführen, als er ursprünglich gedacht und geplant war?

"Mit der Bahn über den Bahnhof Märzfeld sprechen"

Welche Vision haben Sie denn für einen Schandfleck am Rande des Geländes, den Bahnhof Märzfeld? Dort könnte Geschichte trefflich vermittelt werden.

Hans-Joachim Wagner: Das stimmt. Generell bin ich überzeugt, dass die zu errichtende Universität und der Stadtteil Lichtenreuth dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände eine neue Funktion zuweisen. Die Öffnung nach Süden führt dazu, dass das Areal ein Durchgangsraum wird. Insofern bekommt auch der Bahnhof Märzfeld einen komplett neuen Fokus. Darüber gilt es mit der Bahn als Eigentümer zu sprechen.

Wenn man Sie so reden hört, klingt das weniger nach Verwalten denn nach Gestalten: Wollen Sie Impulse in Richtung Kommunalpolitik setzen?

Hans-Joachim Wagner: Ja, es braucht vor allem eine Intensivierung von Kommunikation zu den unterschiedlichsten Personengruppen in der Stadt und auch darüber hinaus. Die Stadtverwaltung war an dieser Stelle in der Vergangenheit ein wenig zu zögerlich. Es ist aber notwendig, eine Offensive zu starten, in proaktive Kommunikationsformen einzusteigen.

Was kann uns dieses Gelände denn im Jahr 2021 überhaupt für eine Geschichte erzählen?

Hans-Joachim Wagner: Das Gelände muss Aufklärungsarbeit betreiben in einer Zeit des erstarkenden Nationalismus, des Rechtsradikalismus, des Antisemitismus. Das Gelände hat eine globale historische Dimension. Die gilt es immer wieder neu zu vermitteln – und zwar nicht allein in ihrer Historizität, sondern in ihrer Relevanz für uns heute und für die Zukunft.