Juraleitung: Gegner haben Angst vor einer "elektromagnetischen Hölle"

3.4.2021, 05:45 Uhr
So läuft die Bestandstrasse zum Beispiel bei Wolkersdorf: teils durch Wald und nahe an der Bebauung. Der Ersatzbau der Juraleitung ist deshalb heftig umstritten.

So läuft die Bestandstrasse zum Beispiel bei Wolkersdorf: teils durch Wald und nahe an der Bebauung. Der Ersatzbau der Juraleitung ist deshalb heftig umstritten. © Günther Wilhelm

Diese Kontroversen wurden bei den jüngsten Informationsveranstaltungen von Netzübertragungsbetreiber Tennet deutlich, denn da wurde nicht nur Kritik geübt an den mittlerweile detaillierteren Plänen für den Ausbau der P53, einer 160 Kilometer langen Wechselstromtrasse durch die Region. Zeitweise gerieten auch die Vertreter des Aktionsbündnisses Trassengegner und der BI-Allianz P53, eines regionalen Verbundes von 16 Bürgerinitiativen, aneinander.

Vereinfacht gesagt, zweifelt das eine Lager an, dass dieser Ersatzneubau für einen Teil der während des Zweiten Weltkriegs errichteten "Reichssammelschiene" überhaupt nötig ist, und plädiert für dezentrale Lösungen bei der Stromversorgung. Das andere Lager dagegen will keine sinnlose Energie in die "Fundamentalkritik am Netzausbau" stecken, wie es in einer aktuellen Stellungnahme auf der Facebook-Seite der BI-Allianz P53 heißt.


Neue Stromtrasse: Führt Hochspannungsleitung durch Nürnberg?


Stattdessen haben es BI-Sprecher Markus Reuter und seine Mitstreiter akzeptiert, dass es beim anstehenden Raumordnungsverfahren zur Aufrüstung der Juraleitung von einer 220-KV- auf eine 380-KV-Höchstspannungsleitung bereits um den konkreten Trassenkorridor geht. Deshalb treten sie unter anderem für eine Anpassung des Bayerischen Landesentwicklungsprogramms (LEP) ein, zum Beispiel mit neuen Mindestabstandsregeln, um "das Schlimmste für die beiden Schutzgüter Mensch und Natur zu verhindern".

Erhebliche gesundheitliche Risiken befürchtet

Dass diese Schutzgüter an einigen Stellen der vom Umspannwerk Raitersaich (Landkreis Fürth) über das Umspannwerk Ludersheim im Nürnberger Land nach Altheim im niederbayerischen Landkreis Landshut führenden Stromleitung erheblich gefährdet sind, darin sind sich die Kritiker wiederum einig. Unter anderem von einer "elektromagnetischen Hölle" mit erheblichen gesundheitlichen Risiken für die Anlieger an besonders neuralgischen Punkten der Trassenführung war die Rede bei den jüngsten Videokonferenzen von Tennet mit Abgeordneten, den Bürgermeistern und Landräten der betroffenen Regionen sowie den Vertretern der verschiedenen Bürgerinitiativen.

Besonders umstritten ist ein Trassenabschnitt in Katzwang, bei dem die Planer mit einer extremen Engstelle zu kämpfen haben und bei dem die gebotenen Mindestabständen zur Wohnbebauung definitiv nicht eingehalten werden können. Eigentlich sollen laut Landesentwicklungsplan Hochspannungsleitungen innerhalb geschlossener Ortschaften mindestens 400 Meter und außerhalb geschlossener Ortschaften mindestens 200 Meter von den nächsten Wohngebäuden entfernt sein, in Katzwang aber muss die Trasse durch einen gerade mal 80 Meter breiten Abschnitt geführt werden.


Juraleitung: Feucht und Schwarzenbruck bleiben verschont


Deshalb soll die Juraleitung dort im Boden verschwinden, doch auch diese Erdkabel-Lösung birgt nach Ansicht der Kritiker Gefahren durch elektromagnetische Strahlung. Die BI-Allianz fordert deshalb, dass nicht nur für diesen Trassenabschnitt alternative technische Lösungen geprüft werden sollen. Zum Beispiel die sogenannte "Molipipe", eine Entwicklung von Martin Molitor, Professor für Elektrotechnik, bei dem die Stromleitung in eine Mischung aus Kies, Sand und Epoxidharz eingegossen und mit Stahl ummantelt wird. Dadurch würden die elektromagnetischen Felder abgeschirmt.

Nur wenige Abschnitte als Erdkabel-Lösung geplant

Dass die Juraleitung generell über weite Strecken unterirdisch und nicht über Freileitungen verlaufen soll, wie es Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Sommer 2019 angekündigt hatte, scheint übrigens Makulatur zu sein. Bei den nun vom Netzbetreiber präsentierten Zwischenplänen sind nur wenige Abschnitte als Erdkabel-Lösungen vorgesehen. Wohl auch deshalb, weil diese Alternative optisch zwar unauffälliger, aber auch erheblich teurer als Freileitungen mit mächtigen Strommasten ist.


Geplante Stromtrasse erhitzt nach wie vor die Gemüter


Auf viel Kritik stößt auch die vorläufige Planung für einige Trassenabschnitte im Nürnberger Land, etwa beim Umspannwerk bei Ludersheim. Auch dort und noch bei einigen anderen Kommunen drohen Unterschreitungen der Mindestabstände zur Wohnbebauung, weshalb sich ein Teil der betroffenen Städte und Gemeinden bereits juristischen Beistand von Fachanwälten geholt hat.

BI-Allianz startete Online-Petition

Zudem hat eine ganze Reihe von Bürgermeistern und Mandatsträgern aus dem Großraum Nürnberg in einem gemeinsamen Brief an den Netzübertragungsbetreiber seine Bedenken zum Ausdruck gebracht. Eine weitere Belastung der Bevölkerung in den genannten Abschnitten sei nicht hinnehmbar, heißt es darin. Das Aktionsbündnis Trassenbetreiber wiederum kritisiert die Form der Bürgerbeteiligung als "intransparent und undemokratisch", während die BI-Allianz P53 eine Online-Petition für verbindliche Mindestabstände beim Stromleitungsbau in Bayern initiiert hat.

Ungeachtet dessen prüft die Bundesnetzagentur die Unterlagen von Tennet auf Vollständigkeit, nach dem Abschluss des noch etwa zwei Monate dauernden Verfahrens steht dann ein 100 Meter breiter Trassenkorridor fest, mit dem die Verantwortlichen dann ins Raumordnungsverfahren gehen. Bis Ende 2022 soll dann der endgültige Trassenverlauf feststehen.

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