Kommentar: Krankes System kollabiert am Lehrermangel

NN-Redakteurin Kathrin Walther
Kathrin Walther

Kinder- und Jugendredaktion

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21.10.2020, 09:42 Uhr
Es wird immer schwieriger die personellen Lücken zu schließen.

© Martin Schutt, dpa Es wird immer schwieriger die personellen Lücken zu schließen.

Kennen Sie den Begriff der „Co-Abhängigkeit“? Er beschreibt den Umstand, dass auch die Angehörigen von Suchtkranken unter der Abhängigkeit leiden, dass auch ihr Leben davon bestimmt wird und dass sie die Krankheit bis zu einem gewissen Punkt mittragen. Und zwar, in dem der Kranke geschont, geschützt und gegenüber dem sozialen Umfeld verteidigt wird.


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Der Ausgangspunkt ist natürlich nicht vergleichbar, der Kerngedanke allerdings schon: Ein krankes System unbewusst stützen, in dem man es mitträgt – das trifft bis zu einem gewissen Grad auch auf das Problem Lehrermangel zu. Krank ist das System, weil Pädagoginnen und Pädagogen jedes Schuljahr mehr organisatorische und soziale Aufgaben auffangen müssen, die nichts mit der Bildung unserer Kinder zu tun haben. Weil die vielen Leerstände kaschiert werden, indem Schulleitungen Stunden und Lehrkräfte hin- und herschieben und das Kollegium versucht, die personellen Lücken mit immer größerem Ach und Krach zu decken und zu schließen.

Krank ist das System, weil den Schulen jetzt zwar Mittel für die digitale Ausstattung zur Verfügung stehen, lange aber noch nicht das Wissen um den Umgang, damit die technischen Medien auch sinnvoll in den Unterricht eingebunden werden können, und längst nicht externe (!) IT-Manager, die sich um einen störungsfreien Einsatz von Hard- und Software kümmern können.

Lehrerinnen und Lehrer machen sich krumm

Und wer sind die Co-Abhängigen, die das kranke System stützen? Die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort, die sich täglich krumm machen, damit der Laden läuft – zugunsten unserer Kinder. Aber auch wir Eltern, die nicht laut genug poltern und damit das offensichtliche Missmanagement unfreiwillig unterstützen. Der Druck wird seit Jahren von oben nach unten durchgereicht und droht nun diejenigen zu erdrücken, die eigentlich die Leistungsträger sind. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass sich eine Lehrerin unter Tränen dafür entschuldigt, schwanger zu sein. Das ist nicht normal.

Nein, ich mache weder Schulleitungen noch Lehrkräften Vorwürfe, ganz im Gegenteil. Der Fehler liegt eindeutig im System, im Planungsversagen, in der streng hierarchischen Beamtenmentalität, in der ungerechten Bezahlung (vor allem Grundschulen leiden unter dem Mangel). Wir brauchen jetzt und sofort einen ehrlichen, offenen, transparenten Umgang, und der fängt damit an, klar zu benennen, wer verantwortlich und was alles schiefgelaufen ist.

Bislang läuft die Problembewältigung nach dem Prinzip „Den Letzten beißen die Hunde“. Das gilt für alleingelassene Schulleitungen und überforderte Pädagoginnen und Pädagogen, die das umzusetzen versuchen, was ihnen ihr Dienstherr auferlegt hat. Aber wissen Sie, wer am Ende tatsächlich gebissen wird? Unsere Kinder.

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