Geld ist da, die Logistik nicht

Lolli-Tests in Nürnbergs Kitas? Warum das bayerische Projekt krachend scheitern könnte

Claudia Urbasek

Lokalredaktion

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25.9.2021, 05:59 Uhr
So sehen die Lolli-Pool-Tests aus, die derzeit in Grund- und Förderschulen eingeführt werden. Theoretisch soll es sie auch für Kitas geben.
 

© Peter Kneffel So sehen die Lolli-Pool-Tests aus, die derzeit in Grund- und Förderschulen eingeführt werden. Theoretisch soll es sie auch für Kitas geben.  


Nicht nur in den Schulen, sondern auch in Kitas soll es nun Pool-Testungen für die Kinder geben. Mit bis zu 28 Millionen Euro bis zum Ende des Kalenderjahres will der Freistaat diese Tests unterstützen. Dies teilte die bayerische Landesregierung – passend zum Wahlkampf – vor einigen Tagen mit. Doch mit dieser Ankündigung stehen die Kommunen vor fast unlösbaren Problemen.

Die Sache hat einen Haken

Die Lolli-Tests, die bei diesen PCR-Pool-Testungen eingesetzt werden sollen, sind leichter in der Handhabung als die Nasen-Schnelltests. Die Kinder müssen dafür lediglich an einem Stäbchen lutschen. Danach werden diese eingesammelt und im Labor ausgewertet. Ist ein Pool positiv, wird mittels Einzelbeprobung nach dem oder den infizierten Kindern gesucht. Derzeit läuft dieses Verfahren schon in den Grund- und Förderschulen an. Während Schüler einer Testpflicht unterliegen, wären die Pool-Tests in Kitas freiwillig.


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Doch die Sache hat einen gewaltigen Haken, wie nun auch die Kommunen feststellen. Denn "der Freistaat stellt zwar das Geld zur Verfügung, aber – anders als bei den Grund- und Förderschulen – nicht die Basislogistik", erklärt Kerstin Schröder, Leiterin des Nürnberger Jugendamts und somit auch zuständig für die städtischen Kitas. Zu dieser Basislogistik gehören unter anderem die Organisation eines Fahrdienstes, der die Proben von den Kitas abholt, die Suche nach Laboren, die sie auswerten, sowie die notwendigen IT-Lösungen zur Datenerfassung.


"Doch jeden dieser Teilbereiche müssten wir als städtischer Träger von rund 300 Kitas EU-weit ausschreiben", sagt Kerstin Schröder. "Erstens sehen wir uns als Jugendamt nicht in der Lage, das zu stemmen." Und zweitens dauert es, bis eine EU-weite Ausschreibung zu einem Ergebnis kommt, im Schnitt sechs bis sieben Monate.

Überraschende Ankündigung

Kerstin Schröder war überrascht, als der Ministerrat Anfang der Woche mit der Ankündigung der Pool-Testungen an die Öffentlichkeit trat. Schon zu Beginn des Jahres hatte das Jugendamt beim Freistaat dafür geworben, Lolli-Pool-Tests für Kita-Kinder anzubieten. Doch der Freistaat winkte ab und bot stattdessen Gutscheine für Selbsttests an, die Eltern zu Hause auf freiwilliger Basis mit ihren Kindern durchführen können.

Noch vor circa drei Wochen hatte es einen neuen Vorstoß gegeben. Dieses Mal hatten die Jugendämter aus Nürnberg, Erlangen, Fürth und Schwabach erneut bei der Landesregierung Lolli-Pool-Tests für Kitas gefordert. Wie von Beteiligten zu erfahren war, antwortete Bayerns Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner, mit einem Brief, in dem sie wortreich erklärte, warum es viel besser sei, wenn die Eltern zu Hause in Eigenverantwortung mittels Antigen-Schnelltest die Kinder testen könnten.


Umso größer sei die Überraschung gewesen, als die Landesregierung nun die Pool-Testungen für Kitas groß ankündigte, so Schröder.
Faktisch wird es diese Lolli-Pool-Testungen in städtischen Nürnberger Kitas nach aktuellem Stand nicht geben. Dennoch bleiben, das betont Kerstin Schröder, die bisherigen Testangebote für Kita-Kinder bestehen. Eltern bekommen weiterhin Gutscheine für Schnelltests, die sie zu Hause anwenden können.

Bei den freien Trägern wäre Umsetzung einfacher

Anders sieht es in Kitas aus, die von privaten oder kirchlichen Einrichtungen getragen werden, denn sie müssen die Aufträge für die Basislogistik nicht ausschreiben. Sie können sich einen Fahrdienst, ein Labor und einen IT-ler auf dem freien Markt suchen. Das Geld für die Pool-Tests auf Lolli-Basis bekommen sie vom Freistaat erstattet. Zu welchem Teil, ist aber noch völlig unklar. Die Landesregierung hat zwar angekündigt, 28 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, aber die Förderrichtlinie – das Papier, das die Verteilung im Einzelnen regelt – lag bis zum Freitag weder bei der Stadt noch bei den freien Trägern vor.

Lolli-Tests erwünscht

Den Bedarf sehen die privaten und kirchlichen Träger aber schon lange. Unsere Redaktion hat unter zahlreichen nichtstädtischen Trägern von Kinderbetreuungseinrichtungen eine Umfrage durchgeführt. Die meisten befragten Mitarbeiterinnen antworteten auf die Frage, was sie sich vom Freistaat als wichtige Schutzmaßnahme vor Corona-Infektionen wünschten: kindgerechte Lolli-Tests.

Freiwilligkeit bleibt ein Problem

Aber es bleibt dennoch eine offene Flanke, wenn es um die für die zu testenden Kinder angenehmeren Pool-Tests, Lolli-Schnelltests oder Spuck-Tests geht. Die Testung würde wohl von den Eltern zu Hause durchgeführt werden müssen, mit Rücksicht auf die Kinder, aber auch auf das Kita-Personal. Und sie bleibt freiwillig.
Ob das die Beteiligung an Corona-Tests erhöhen würde, ist fraglich. Denn die Resonanz auf die bislang verfügbaren Schnelltest-Gutscheine war bei den meisten befragten Einrichtungen lediglich mäßig, in wenigen Fällen gut.

Neben Testungen sind Raumlüftungsgeräte ein großes Thema, nicht nur in den Schulen, sondern auch in den Kitas. "In diesem Bereich läuft derzeit die zweite Beschaffungswelle", erklärt Kerstin Schröder, Leiterin des Nürnberger Jugendamts. In der ersten Welle waren bereits, nahezu flächendeckend, CO2-Messgeräte angeschafft worden. Diese geben eine Warnung, wenn der CO2-Gehalt in der Raumluft zu hoch wird. Dann heißt es "Fenster auf!".

Zurückhaltung bei Geräten zur Luftreinigung

Zudem wurden, so Schröder, in den Räumen, die schlecht oder gar nicht zu lüften seien, Luftreinigungsgeräte installiert. "Doch es gibt gerade bei den Luftreinigungsgeräten das Problem, dass diese meist sehr groß und sehr laut seien. Man muss bedenken, dass Räume in Kitas oft nicht so groß sind wie Räume in Schulen. Wenn man da noch ein Luftreinigungsgerät in der Größe einer Kühl- und Gefrierkombination reinstellt, bleibt nicht mehr viel Platz."


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Obwohl naturgemäß derzeit die Angebote der Hersteller nur so aus dem Boden sprießen, ist die Studienlage hinsichtlich der Effektivität der Raumluftgeräte dünn, es fehlen Untersuchungen unter realen Bedingungen. "Man muss ja bedenken, dass Kita-Kinder sich dauernd bewegen, während Schulkinder ruhiger auf ihrem Platz sitzen", so Schröder.

Umfrage unter Trägern

Eine Umfrage bei zahlreichen freien Trägern durch unsere Redaktion hatte ein ähnliches Bild ergeben: In Dutzenden Einrichtungen sind bereits CO2-Messgeräte eingebaut, in schlecht zu lüftenden Räumen Luftreinigungsgeräte, für die es vom Freistaat Bayern finanzielle Zuschüsse gab.

Kritik an der Staatsregierung

Bei den Luftreinigungsgeräten wünschen sich die freien Träger ebenfalls kleinere und leisere Geräte, deswegen sind die meisten in der Anschaffung noch zurückhaltend. Die meisten befragten Einrichtungen setzen darauf, lieber häufiger die Fenster zu öffnen und gut durchzulüften.

Kitas fordern mehr Klarheit

Mit Blick auf das Gesamtgeschehen wünschen sich Kita-Mitarbeiterinnen von der Staatsregierung mehr klare und vor allem längerfristige Regelungen. Teilweise habe es wöchentlich neue Vorgaben gegeben und oft habe die Presse noch vor den Kitas davon erfahren, beklagten mehrere Einrichtungsleiterinnen. Auch, dass während des letzten Lockdowns plötzlich jeder, ohne Nachweis, Anspruch auf Notbetreuung hatte, sehen die Befragten kritisch.