Lücken im Dienstplan

Medizinische Versorgung in Gefahr? In Nürnberg fehlen immer mehr Notärzte

27.8.2021, 05:58 Uhr
Lebensretter: Ein Notarzt versorgt einen Patienten direkt am Unfallort. Im Vergleich zu Ärzten in Impfzentren werden Notfallmediziner allerdings schlechter bezahlt.

Lebensretter: Ein Notarzt versorgt einen Patienten direkt am Unfallort. Im Vergleich zu Ärzten in Impfzentren werden Notfallmediziner allerdings schlechter bezahlt. © imago images/photothek, NNZ

Es wird eng. Die Dienstpläne für die Notärzte in Nürnberg weisen immer öfter Lücken auf, die sich kaum mehr schließen lassen. "Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir die Dienste nicht mehr alle besetzen können", klagt ein Nürnberger Notarzt. Es ist ein Problem, das nach den ländlichen Gegenden nun auch die Ballungsräume erreicht. Auch in München werden die Klagen über klaffende Lücken in Notarzt-Dienstplänen immer lauter.

Ein Zustand, der seit Jahren bekannt ist und sich offenbar im Lauf der Zeit mehr und mehr verschlechtert hat und bei dem nach wie vor eine grundlegende Lösung fehlt. Vor gut zwei Jahren etwa schlug der Notärzteverband Mittelfranken schon einmal Alarm. Damals war die Situation unter den Notfallmedizinern bereits angespannt, allerdings noch nicht so dramatisch wie heute, berichtet Dr. Tobias Hübner, Präsident der Nürnberger Notärzte e.V. und Sprecher der Notarztgruppe Nürnberg. Dabei sind die Notfallmediziner zusammen mit dem Rettungsdienst diejenigen, die Leben retten, wenn es Spitz auf Knopf steht. Sie reanimieren und stabilisieren schwerstverletzte Menschen an Unfall- und Unglücksorten. Sie eilen in Wohnungen, wenn sie gerufen werden, weil bei jemandem ein Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall besteht. Die Liste der Einsatzvarianten in akuten Lagen ist lang.

Woran liegt der Rückgang des Personals?

Rückblick: Anfang 2015 wurde den Notärzten das Honorar deutlich gekürzt. Die Stimmung unter ihnen rutschte in den Keller. Sie bekamen statt 91 Euro am Tag, beziehungsweise 111,50 Euro in der Nacht, pauschal nur noch 45 Euro für jeden Einsatz, egal zu welcher Uhrzeit. Unter dem Strich ergab das ein dickes Minus beim Honorar. In Augsburg hatte das zur Folge, dass Notarztdienste nicht mehr besetzt werden konnten. Der damalige Regionalvertreter für die Notärzte in Mittelfranken glaubte nicht, dass das in Nürnberg passieren könnte, da hier die Ärzte Schlange stünden, um Notarzteinsätze fahren zu dürfen (wir berichteten).

Jetzt ist es aber doch soweit. Händeringend suchen die Zuständigen, die Dienstpläne erstellen, nach Ärzten, die einspringen und Lücken schließen. "Diejenigen, die noch unter Blaulicht fahren, sind mit Herzblut Notärzte", sagt Notarztsprecher Tobias Hübner. Doch woran liegt der Rückgang des Personals? Die Ursachen sind vielschichtig oder "multifaktoriell", wie es Hübner medizinisch ausdrückt. Da wäre die Work-Life-Balance, also das ausgewogene Verhältnis zwischen beruflichen Anforderungen und privaten Bedürfnissen, auf die gerade jüngere Ärztinnen und Ärzte großen Wert legen. Dann die steigende Belastung in den Kliniken, viele Notfallmediziner arbeiten hauptsächlich in Krankenhäusern. Zudem gibt es generell immer weniger Ärztinnen und Ärzte auf dem Markt.

Honorar für Ärzte in Impfzentren ist höher

Doch der Hauptgrund für die Lücken in den Dienstplänen ist die Konkurrenz zu anderen Zusatz-Angeboten im ärztlichen Sektor, bei denen die Vergütung der Notärzte nicht mithalten kann. Da wäre der Zusatz-Job beim ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Im KV-Dienst bekommt eine Ärztin/ein Arzt ein Honorar von 130 Euro pro Patient. Abgesehen vom höheren Honorar ist der Dienst im Vergleich zum Notarzt "ruhiger". "Der KV-Dienst hat weniger schwere Fälle zu versorgen, er steht nicht unter einem zeitlichen Druck sobald der Piepser losgeht und versorgt auch nicht Patienten an ungesicherten Unfallstellen", zählt Hübner auf.

Das zweite, seit der Corona-Pandemie bestehende Konkurrenz-Angebot: Viele Ärztinnen und Ärzte stehen seit Ende Dezember 2020 auch in Impfzentren. Auch das Honorar für den Job in den Zentren fällt höher aus. Für Corona-Impfärzte wurde mit der KVB ein Vergütungssatz von 130 Euro pro Stunde (160 Euro an den Wochenenden) vereinbart. Das bayerische Gesundheitsministerium macht auch keinen Hehl daraus, dass die Vergütung Mediziner anlocken soll. In einer Stellungnahme des Ministeriums heißt es dazu: "Mit der Vergütung wird ein gewisser Anreiz zur Beteiligung der Ärzte geschaffen, um den durchgängigen Betrieb aller Impfzentren mit ausreichend Personal gewährleisten zu können."

Tropfen auf den heißen Stein

Das alles zusammengenommen führt laut Dr. Hübner zu den Engpässen in den Dienstplänen der Notärzte. "Diese Probleme müssen benannt werden, so dass die Lücken nicht noch massiver werden." Er wolle keine Neiddebatte führen. Es gehe ihm mit Blick auf die Leistung der Notfallmediziner um die fehlende Wertschätzung, die unter anderem durch dieses Vergütungsgefälle deutlich werde. "Gerade während der Corona-Krise hat der Notarztdienst und Rettungsdienst hervorragendes geleistet. Er war über das gewöhnliche Maß hinaus gefordert. Das hat sich allerdings nicht in der Vergütungsanpassung widergespiegelt."

Hübner und viele seiner Kolleginnen und Kollegen sind enttäuscht von der Anpassung der KVB, die am 15. Juli in Kraft trat. Demnach erhalten Notärzte eine Dienstpauschale in Höhe von 25 Euro pro Stunde. Die fällt jedoch weg, sobald ein diensthabender Notfallmediziner einen Einsatz hat. Dann gibt es pro Einsatz 86,25 Euro. "Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und ist nicht einmal ein Inflationsausgleich", so Hübner. Das sei nicht attraktiv. "Man muss sich das vorstellen: Notärzte sind an Einsatzorten ganz alleine und führen hochrisikobehaftete Maßnahmen durch. Sie tragen eine hohe Verantwortung - ganz anders als der Arzt in einem Impfzentrum." Hinzu kommt, dass Nürnberger Notärzte vertraglich verpflichtet sind, Außenstandorte etwa in Hersbruck, Greding oder Treuchtlingen zu besetzen.

Mittlerweile hat die Bayerische Ärztekammer das Problem erkannt und eine Arbeitsgruppe mit dem Titel "Notarztwesen" ins Leben gerufen. Bleibt abzuwarten, ob sie etwas zu mehr Wertschätzung hin bewegen kann.

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