Wieder mehr Covid-Patienten in Klinik

Nürnberger Chefarzt: "Wer sich nicht impfen lässt, wird sich infizieren"

8.10.2021, 05:55 Uhr
Wenn das Leben von Maschinen abhängt: Schwerkranke Covid-Patienten müssen teilweise beatmet werden. Auch für das Personal ist die Betreuung von Covid-Patienten anstrengend, allein schon wegen der hohen Hygieneanforderungen. 

Wenn das Leben von Maschinen abhängt: Schwerkranke Covid-Patienten müssen teilweise beatmet werden. Auch für das Personal ist die Betreuung von Covid-Patienten anstrengend, allein schon wegen der hohen Hygieneanforderungen.  © Christophe Gateau, dpa


Wie ist die Lage derzeit auf den Covid-Stationen des Klinikums Nürnberg?
Prof. Dr. Joachim Ficker: Die Zahl der Covid-19-Patienten hat in der letzten Zeit zugenommen. Nicht so schnell wie in früheren Wellen, wir sprechen nicht von einem exponentiellen Wachstum, aber sie steigt wieder. Heute sind es am Nord- und Südklinikum zusammen 37 Patienten mit bestätigten Infektionen. Dazu kommen noch etwa sieben Personen mit Verdacht auf eine Infektion.

Zehn liegen auf den Intensivstationen, sieben werden beatmet, drei sind an der Grenze zur Beatmung, das kann sich minütlich entscheiden. Vier Patienten sind so schwer krank, dass sie an der ECMO sind, also an einer Maschine, die die Funktion der Lunge außerhalb des Körpers ersetzt. Dabei werden jede Minute mehrere Liter Blut entnommen, mit Sauerstoff angereichert und dem Körper zurückgegeben. 27 Patienten sind auf den normalen Stationen. Doch einige von ihnen brauchen Sauerstoff, manche sehr viel davon.

Prof. Dr. Joachim Ficker ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3, Schwerpunkt Pneumologie am Klinikum Nürnberg. Er betreut unter anderem Patienten, die aufgrund einer Covid-19-Infektion stationär behandelt werden müssen. 
 

Prof. Dr. Joachim Ficker ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3, Schwerpunkt Pneumologie am Klinikum Nürnberg. Er betreut unter anderem Patienten, die aufgrund einer Covid-19-Infektion stationär behandelt werden müssen.    © Klinikum Nürnberg

Haben sich die Symptome verändert?
Ficker: Die Symptome sind die gleichen wie in früheren Wellen, was sich ein bisschen verändert hat, sind die Antworten der Patienten auf die Frage, wie die Erkrankung begonnen hat. Es sind mehr Patienten dabei, die Erkältungssymptome hatten. Sie sagen, es begann mit Kopfschmerzen, einem Kratzen im Hals oder Schnupfen. In den ersten Wellen hieß es: Wenn die Nase läuft, ist das vermutlich nicht Covid. Diese Unterscheidung gilt bei der fast ausschließlich vorliegenden Delta-Variante nicht mehr so deutlich, sodass wir sagen, dass jedes Symptom einer Atemwegsinfektion auch Covid 19 sein kann. Wir sehen zudem vermehrt Covid-Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden. Diese waren in den ersten Wellen relativ selten.

Wie viele der Patienten sind geimpft?
Ficker: Es ist auf den Stationen kein einziger sonst gesunder Geimpfter dabei. Wenn überhaupt ein Impfdurchbruch mal darunter ist, dann sind das vereinzelt Hochbetagte mit Vorerkrankungen, vor allem aber Patienten, die aufgrund einer immunschwächenden Vorerkrankung oder einer immunschwächenden Therapie einen eingeschränkten Impferfolg hatten. Dazu gehören beispielsweise Dialysepatienten. Bei ihnen wirken allgemein Impfungen schlechter. Aber ansonsten sind es ungeimpfte Patienten.


Welche Reaktionen erleben Sie bei Patienten, die sich bewusst gegen die Impfung entschieden haben?
Ficker: Die häufigste Reaktion ist ein Erschrecken. Es gibt Leute, die sagen: "Ja, ich hab das schon gewusst, aber ich habe die Gefahr nicht ernst genommen." Oder sie sagen, sie hätten keine Zeit gehabt oder seien im Urlaub gewesen – so ein bisschen wie Ausreden, wahrscheinlich auch sich selbst gegenüber. Die Betroffenen haben auch oft ein schlechtes Gewissen. Aber ich sehe dann auch, dass andere aus der betroffenen Familie sich schnell einen Impftermin holen.

Haben Sie auch Patienten, die die Existenz von Corona leugnen?
Ficker: Ja, das hatten wir auch, auch wenn es derzeit viel weniger sind. Aber wir hatten schon einzelne Patienten, die aus der Corona-Leugner-Ecke kommen und auch nach der Erkrankung wieder auf Corona-Leugner-Demos gegangen sind. Das kann man natürlich schwer verstehen. Aber es sind weit mehr Menschen, die die Impfung eher ein bisschen verschusselt oder es vor sich hergeschoben haben.


Um zu sehen, wie viele Menschen in Bayern geimpft sind, hier klicken.


Man hat den Eindruck, dass die Impfkampagne intensiv war, auch mit niederschwelligen Möglichkeiten, im Einkaufszentrum, auf dem "Nürnbärland". Fanden Sie die Angebote ausreichend?
Ficker: Das Impfangebot ist, vor allem natürlich in letzter Zeit, absolut ausreichend und jeder hat die Chance, sich impfen zu lassen. Leider spielen immer noch komische Ideen und Gerüchte, die im Internet oder in der Flüsterpropaganda rumgehen, eine Rolle. Aber es hat ja eigentlich jeder die Möglichkeit, sich aus seriösen Quellen gut zu informieren. Was klar sein muss, ist: Es gibt keine Ausrede mehr, nach der Devise "Ich schummel mich durch. Ich lass mich nicht impfen und bleibe gesund."

Jeder, der sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später mit Corona infizieren. Dieses Virus geht nie wieder weg. Die Frage ist nur, wann er oder sie sich infiziert. Die Abwägung der extrem seltenen Nebenwirkungen, die eine Impfung haben kann, gegen die typischen und häufigen "Nebenwirkungen", die mit einer Covid-Erkrankung einhergehen können, geht immer deutlich zugunsten der Impfung aus. Und spätestens, wenn ich das mit Angehörigen so bespreche und sie sehen, wie es ihrem Familienmitglied oder Freund mit der Erkrankung geht, lassen sich die Menschen zügig einen Impftermin geben.

Es gibt die Kinder unter zwölf, für die es bislang keine Impfempfehlung gibt. Wie bewerten Sie die Situation?
Ficker: Es gibt auch Kinder mit schweren Covid-Verläufen. Ich kann sagen: Hätte ich Kinder im Schulalter, dann hätte ich diese impfen lassen. Ich erwarte, dass die Impfempfehlung für Kinder unter zwölf bald kommt. Es ist schade, dass wir sie noch nicht haben. Aber für Kinder gilt das gleiche: Sie haben die Wahl – Covid bekommen oder impfen. Natürlich gibt es bei den Jungs oder jugendlichen Männern Berichte über eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung, Anm.d.Red.). Aber zum einen ist diese sehr, sehr selten als Folge einer Impfung, zum anderen verläuft sie dann sehr mild. Bekommt man aber eine Myokarditis als Komplikation einer Covid-19- Erkrankung, kann diese sehr schwer verlaufen. Die Impfung ist immer harmloser als der durchgemachte Infekt.

Es gibt Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, weil sie der Geschwindigkeit misstrauen, mit der der Impfstoff entwickelt wurde. Andere sagen: Ach, wenn ich es bekomme, muss ich eben mal ins Krankenhaus. Können Sie bitte mal beschreiben, was es heißt, an einem Beatmungsgerät angeschlossen zu sein.
Ficker: Wenn man mit Covid 19 ins Krankenhaus muss, dann heißt das ja nicht, dass man ein, zwei Wochen später wieder nach Hause geht und die Sache vorbei ist. Das wäre der günstigste Fall, betrifft aber kaum die Hälfte der Fälle. Andere bekommen zunehmend mehr Luftnot. Luftnot heißt, sie haben das Gefühl, zu ersticken. Es wird die Atmung immer mühsamer, jede noch so geringe Belastung – und sei es nur, aufs Klo zu gehen oder die Zähne zu putzen – wird so zu einer großen Herausforderung, weil einem sprichwörtlich die Luft wegbleibt.

Wenn es noch schlechter wird, kann man nur noch mit Hilfe einer Maske atmen. Das heißt, die Maske führt einem die Luft mit einem erhöhten Druck zu. Dabei muss man jeden Atemzug ganz bewusst machen. Und wenn man wieder Pech hat, muss man auf die Intensivstation. Dort wird man in ein künstliches Koma versetzt. Doch wenn man hinterher wieder aufwacht, dann ist man richtig schwer krank gewesen. Man leidet an Muskelschwund, an Schmerzen an verschiedenen Stellen, und man braucht Wochen oder sogar Monate, um wieder im Schwung zu kommen und am Alltag wieder normal teilnehmen zu können. Wir haben heutzutage noch einzelne Patienten aus der ersten Welle, also aus der ersten Jahreshälfte 2020, und viele aus der zweiten und dritten Welle, die sich noch immer nicht ganz erholt haben.


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Viele mögliche Folgen einer Covid-19-Erkrankung sind inzwischen bekannt, unter anderem Long Covid, Gedächtnisverlust, Nierenschäden, Atembeschwerden. Jede für sich ist enorm bedrohlich. Wie erklären Sie sich, dass die Menschen wissen: Das kann mir passieren, wenn ich Corona bekomme, sie sich aber dennoch nicht impfen und es darauf ankommen lassen?
Ficker: Es hat etwas mit der Persönlichkeit einzelner Menschen zu tun. Wir sehen ja auch, dass Menschen weiter rauchen, obwohl sie wissen, was das mit ihrem Körper macht. Das ist eine Erfahrung, die man als Arzt regelmäßig macht. Ich wundere mich auch darüber, habe aber gelernt, dass Vernunft und Selbstdisziplin kein Automatismus ist. Die Tatsache, dass ich etwas rational verstehe, heißt noch nicht, dass ich in der Lage bin, meine Emotionen so zu lenken, dass am Schluss vernünftiges Handeln daraus wird.

Und "Querdenken" ist ja eigentlich das falsche Wort, denn denken ist ja ein vernünftiger Prozess. Es ist eher ein, sagen wir, Verwörtern von Gefühlen. Das sind Menschen, die haben das "Gefühl", dass diese Impfung noch nicht richtig beforscht ist. In Wirklichkeit ist es eine Impfung, deren Prinzip seit mehr als zehn Jahren entwickelt wurde und inzwischen an Milliarden Menschen erprobt ist. Wenn jemand ein solches "Gefühl" hat, muss er ergründen, wo es herkommt, und diesem "Gefühl" die eigene Vernunft entgegensetzen.



Es geht ja nicht nur um die Erkrankten, sondern auch um das Klinikpersonal, das nun schon sehr lange hoch belastet ist. Wie geht es Ihrem Team derzeit?
Ficker: Das Personal ist nach wie vor sehr belastet. Die Patientenzahl ist derzeit, im Vergleich zum vergangenen Jahr, zwar zu bewältigen. Aber man darf ja nicht vergessen, dass der Aufwand für die Mitarbeiter schon alleine für den Selbstschutz – das Tragen von Kittel, zwei Paar Handschuhen, Maske, Faceshield – während der Arbeit am Patienten viel größer ist. Und ich höre in den Besprechungen häufiger: "Warum hat der oder die sich nicht impfen lassen!" Da kommt inzwischen auch echte Frustration auf. Da liegen Leute, die sind schwer krank. Und es sterben ja auch Patienten, das darf man nicht vergessen. Das tragen unsere Mitarbeiter auch emotional. Das ist eine Belastung. Und dazu kommt das Gefühl: Es ist so überflüssig, der hätte bloß zwei Impfungen gebraucht und müsste jetzt nicht hier auf der Station liegen, sondern könnte vielleicht gerade auf Malle Urlaub machen.

Bleiben Ihnen Patienten auch mal länger im Gedächtnis?
Ficker: Mir bleiben viele Patienten im Gedächtnis – im Positiven wie im Negativen. Manchmal bekomme ich von ehemaligen Patienten ein Urlaubsfoto geschickt, dann weiß ich: Jawoll, dem Patienten geht es gut, und das ist für mich ein echtes Glücksgefühl. Aber es gibt eben auch die, die es nicht geschafft haben. Da erlebe ich dann natürlich auch, was das mit den Familien macht. Und da ist dann auch bei mir Frustration und Trauer.