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Plan bereits vor rund 50 Jahren: Autofrei vom Bahnhof bis zur Burg

In den 1970ern machten sich junge SPD-Politiker für die autofreie Innenstadt stark - 12.12.2020 06:00 Uhr

Jungsozialisten setzten sich schon in den 1970er-Jahren für eine autofreie Innenstadt ein. Auf diesem Foto aus dem Sommer 1973 stehen Horst Schmidbauer, Peter Schönlein und Jürgen Wolff an einem Info-Stand in der Pfannenschmiedsgasse.

11.12.2020 © e-arc-tmp-20201211_103338-1.jpg, NNZ


Es waren die "jungen Wilden", sieben Jungsozialisten, die 1972 für den Nürnberger Stadtrat kandidierten und sich für eine neue Stadtentwicklung stark machten. "Bis in die 1970er Jahre plante man noch die autogerechte Stadt. So sollte eine autobahnähnliche Straße vom Frankenschnellweg am Bahnhof vorbei bis zum Tiergarten führen", erinnert sich Jürgen Fischer, einer der "Sieben" und langjähriger Fraktionsvorsitzender und verkehrspolitischer Sprecher der Nürnberger Genossen.

Baureferenten und Oberbürgermeister überzeugt

Bereits in den 1960er-Jahren wurden einige Straßen der Innenstadt für den Verkehr gesperrt. Das kam bei der Bevölkerung gut an. 1974 schlug die Stadtverwaltung vor, den Platz vor der Lorenzkirche ebenfalls autofrei zu gestalten. "Ich habe eine Nacht mit dem damaligen Baureferenten Otto Peter Görl gerungen, dass es mehr wird. Schon am nächsten Tag hat er den Oberbürgermeister (Andreas Urschlechter, d. Red.) davon überzeugt, dass unser Antrag gut ist", blickt Fischer zurück.

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Einkaufsmeile im Wandel: So sah es in der Königstraße früher aus

Restaurants, Lederwaren, Fastfood-Ketten, ein Gesangsstudio und ein Erotik-Laden: Die Königsstraße ist eine bunte Einkaufsmeile. Wer am Nürnberger Hauptbahnhof ankommt und in Richtung Altstadt möchte, läuft unweigerlich durch die Königsstraße. Sie führt vom Frauentorturm über die Lorenzkirche bis hinunter zur Museumsbrücke. Ihren Namen erhielt die Königstraße im Jahr 1810 nach der "Bajuwarisierung" Nürnbergs, zu Ehren des ersten bayerischen Königs Max I. Joseph. Wo heute Menschen durch die Fußgängerzone flanieren, nahm übrigens der Nürnberger öffentliche Nahverkehr seinen Anfang: Ab 1881 verkehrte dort die erste Pferdebahn. Jahre später brachte eine Tram die Menschen an ihr gewünschtes Ziel. Wie sich die Königstraße im Laufe der Zeit verwandelt hat, zeigen wir hier.


Die CSU-Fraktion im Stadtrat tobte, aber auch aus den eigenen Reihen habe es zunächst Widerstand gegeben, erinnert sich Fischer. Und auch sein damaliger Mitstreiter Horst Schmidbauer spricht von Grabenkämpfen, die zwischen der Bevölkerung, den Parteien, der eigenen Fraktion und dem Handel ausgefochten wurden. Einigen Geschäftsleuten sei aber schon damals klar gewesen, dass sie ihren Kunden ein attraktives Umfeld bieten müssen, sagt Schmidbauer.

"Die gute Kundin fährt mit dem Auto vor"

Im Laufe der Jahre wurde die Fußgängerzone immer weiter ausgeweitet. Dennoch gab es immer wieder Gegenwind von den Händlern. Jürgen Fischer zitiert aus dem Brief einer Mode-Laden-Besitzerin aus der Kaiserstraße, den er damals in seiner Funktion als SPD-Fraktionschef (1987-1998) erhielt: "Die gute Kundin fährt mit dem Auto vor."


Königstraße in Nürnberg soll zur Fußgängerzone werden


Die Kaiserstraße und weitere Altstadtbereiche wurden dennoch autofrei. Auch als die CSU 1996 die Kommunalwahl gewinnt, hebt sie den Großteil der von ihr zuvor heftig kritisierten Sperrungen nicht auf. "Nur die Brücke am Heilig-Geist-Spital wurde wieder für den Autoverkehr geöffnet. Aber der Verkehr ist nicht mehr zurückgekommen. Die Autofahrer hatten sich schon lange umgewöhnt", sagt Fischer. Die Fußgängerzone hält er für einen großen Gewinn für Nürnberg. "Wenn man heute alte Fotos mit den Autos an der Lorenzkirche ansieht, kann man sich das gar nicht mehr vorstellen", findet er. Eine Weiterentwicklung hält er für wichtig. "Vielleicht ist in ein paar Jahren die gesamte Innenstadt autofrei?", fragt er sich. Was ihm nicht behagt, sind die Radfahrer, die mitunter zu schnell und zu dicht an den Passanten durch die Fußgängerzone fahren.

Ideen für eine Weiterentwicklung der Fußgängerzone

Gebhard Schönfelder plädiert dafür, den öffentlichen Raum mehr der Öffentlichkeit und weniger dem Konsum und dem Verkehr zu widmen. Unter anderem kann er sich Spielplätze und mehr Sitzgelegenheiten in der Innenstadt vorstellen. Handlungsbedarf sieht er auch im Sebalder Viertel, insbesondere am Egidienberg: "Da wäre viel zu tun. Man sollte den Raum den Bürgern geben nicht den Blechkisten", so der SPD-Fraktionschef der Jahre 1998 bis 2010.

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Damals und heute: Fürths Fußgängerzone im Wandel der Zeit

Geschäfte gab es hier schon immer. Aber die Schwabacher Straße war auch eine Hauptverkehrsstraße, als der erste Abschnitt 1975 zur Fußgängerzone erklärt wurde. Zehn Jahre später zog sich die Fußgängerzone bis zum Kohlenmarkt. Die Rudolf-Breitscheid-Straße am Modehaus Fiedler mussten sich Fußgänger hingegen noch länger mit den Autos teilen - bis die Neue Mitte entstand.


Horst Schmidbauer kritisiert, dass die Breite Gasse sowohl städtebaulich als auch vom Branchenmix her nie besonders gelungen war und ist. Bis heute gebe es eine Spaltung in Süd und Nord in der City. Die eindeutig qualitätsvollere Entwicklung habe der Norden rund um die Kaiserstraße gemacht.

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