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Schul-Frust in Nürnberg: "Jetzt ist eine Grenze erreicht"

Eltern, Schüler und Lehrer berichten von ihren Emotionen und Ängsten - 23.02.2021 18:27 Uhr

Die Stühle müssen oben bleiben: Nach einem Tag in der Schule mussten viele Schülerinnen und Schüler in Nürnberg wieder in den Distanzunterricht. 

18.02.2021 © Frank Rumpenhorst, dpa


"Es war toll, in die Schule zu dürfen"

"Als wir so lange nicht in die Schule durften, haben mir meine Freundinnen auf Teams geschrieben, dass sie mich vermissen, und ganz viele lustige Smileys dazugestellt. Ich habe sie auch vermisst, aber ich konnte nach den Hausis ja immer mit meinem großen Bruder oder mit meinem Freund von nebenan spielen, da ist mir nicht so langweilig geworden.

War das toll, als wir am Montag wieder in die Schule durften! Ich habe mich total gefreut, und ich war so aufgeregt, dass ich fast mein Handtuch vergessen hätte. Ich mag es nur nicht, dass wir im Unterricht immer Masken tragen müssen und so weit auseinander sitzen. Aber ich bin’s ja gewöhnt.
Es ist wirklich blöd, dass wir jetzt schon wieder nicht mehr in die Schule dürfen. Schule ist viel besser als Lernen daheim, weil dann muss die Mama uns nicht immer bei den Hausis helfen. Die Lehrerin ist ja genau dafür gedacht.

Corona soll langsam mal weggehen. Sonst muss ich immer nur zu Hause bleiben. Und das nervt!"

Lilli (Name geändert), 6 Jahre, 1. Klasse

"Ich habe große Angst vor der Wahl"

"Bei mir ist das Fass zum Überlaufen gebracht worden: Mir geht es nur noch an die Substanz, und das, obwohl wir geordnete Verhältnisse haben, mein Mann in Kurzarbeit ist und sich um die Kinder kümmern kann. Als wir unseren beiden Kindern mitgeteilt haben, dass sie nicht mehr in die Schule können, heulten die beiden unfassbar. Sie hatten alle Motivation und jeden Spaß wieder komplett verloren.

Mit ihnen jetzt Schulaufgaben zu machen, ist anstrengend ohne Ende - dabei bewältigen sie den Stoff eigentlich ohne Probleme. Und dann sinkt die Inzidenz am Tag drauf wieder unter 100 - da denkt man sich: was für eine Entscheidung. In meinem Bekanntenkreis herrscht eine große Politikverdrossenheit, die in Teilen von rechten Strömungen unterfüttert ist. Das ist brandgefährlich - vor der Bundestagswahl im September habe ich richtig Angst. Ich überlege schon: Was soll ich machen? Vor die Lorenzkirche stellen und ein Plakat hochheben? Man muss doch der Politik sagen: Macht so nicht weiter. Die Kinder sind unsere Zukunft, das kann man nicht mit Füßen treten."

Dr. Andrea Nothhelfer, Ärztin und dreifache Mutter

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Verständnis schwindet: In Nürnberg ist Schluss mit Präsenzunterricht


"Jetzt ist eine Grenze erreicht"

"Als Corona kam, war meine Tochter noch im Kindergarten. Ständige Vorsicht, Masken und Kontaktverbote prägen seitdem ihr Leben. Auch in der Grundschule. Immerhin durfte sie da am Anfang noch hin.

Notgedrungen haben wir uns alle mit dem Homeschooling arrangiert, es ging lange gut. Sie und ihr großer Bruder, der in die fünfte Klasse eines Gymnasiums geht, sind Profis geworden im Durchhalten.
Wie glücklich war ich, als meine Kleine am Montag endlich wieder ihre Büchertasche packen durfte. Und als ich sah, wie sie freudestrahlend ihren Schulfreund an die Hand nahm, um mit ihm ins Klassenzimmer zu stürmen.

Doch schon nach ein paar Stunden war alles wieder vorbei. Man hat sie einmal kurz schnuppern lassen an einem Stückchen Normalität, um sie ihr direkt wieder vor der Nase wegzuschnappen. Es ist fast unmöglich, ihr das zu erklären.

Und ich finde, jetzt ist eine Grenze erreicht. Als Mutter blutet mir das Herz, wenn ich sehe, was von den Kindern verlangt wird. Von uns Eltern, die nicht wissen, wie sie ihre Arbeit angesichts der Doppelbelastung im Homeoffice schaffen sollen, will ich hier gar nicht erst reden.

Wenn sich das Virus samt seiner Mutationen nicht stoppen lässt, dann müssen sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen. Für mich heißt das: Lehrer und Erzieher impfen, Schnelltests für alle. Damit können Schulen und Kitas öffnen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg."

Melanie Scheuering, 44, Redakteurin

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"Ich bräuchte dringend eine Pause"

"Meine Klasse ist jetzt seit sieben Wochen durchgehend im Distanzunterricht und wir haben keine Perspektive, wann wir wieder in die Schule können. Jeden Tag sechs Stunden fast ohne Pause in den Bildschirm zu blicken finde ich doppelt so anstrengend wie Präsenzunterricht und ich kann mich dabei nur halb so gut konzentrieren.

Ich bräuchte dringend eine Pause. Aber es sind ja nicht nur die Faschingsferien gestrichen worden, sondern es fallen auch alle Projekt- oder Wandertage und Fahrten weg, die den Schulalltag schöner machen. Schlechte Noten kann man außerdem kaum mehr ausbessern, da wir keine Klausuren schreiben können. Ich glaube, ein Wiederholen des Schuljahres für alle wäre sinnvoll, aber da gäbe es sicher Beschwerden."

Paul (Name geändert), 16 Jahre, 10. Klasse Gymnasium.


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"Das frisst uns auf"

"Wir haben viel zu spät und aus der Presse davon erfahren. Warum? Das kann ich nicht nachvollziehen!

Schon vor dem Wochenende hat der Inzidenzwert darauf hingedeutet. Doch erst am Montag um 13 Uhr und nach dem Unterricht der ersten Klassengruppe kam die offizielle Entscheidung. Wir müssen aber planen und brauchen notwendig einen Vorlauf! Sie müssen sich mal überlegen, was das bedeutet. Einerseits für uns Lehrkräfte und die Schulorganisation, andererseits für die Kinder.

In den Schulen mussten von heute auf morgen die Notgruppen erhöht, die Eltern informiert und der Unterricht umgestaltet werden. Wir müssen die geteilten Klassen wieder auf einen gemeinsamen Stand bringen, denn die Lehrkräfte und Kinder waren ja auf Wechselunterricht eingestellt. Parallel dazu muss das Material mitten unter der Woche für alle wieder einheitlich neu aufgearbeitet und verteilt werden. Das frisst uns auf!

Ganz ehrlich: Lehrkräfte haben in den letzten Monaten ein Höchstmaß an Flexibilität gezeigt, aber irgendwann können die Leute nicht mehr. Wir hängen uns gerade nur noch so rein, weil es um die Kinder geht.

Und die sind emotional noch härter von der Wucht der Entscheidung betroffen. In dieser Woche sind wir vor allem damit beschäftigt, sie aufzufangen und aufzubauen. Gerade die Gruppe, die am Dienstag nicht kommen durfte. Sie dürfen nicht vergessen, dass Kinder ein ganz anderes Zeitgefühl haben als wir Erwachsene. Drei Monate - also die Lockdown-Zeit jetzt - sind für sie wie ein Jahr.

Andersherum kann ich sie zwar auf eine Veränderung mit dem notwendigen Vorlauf vorbereiten - doch mit dieser Kurzfristigkeit können sie überhaupt nicht umgehen. Die Kinder, die wir am Dienstag gesprochen haben, waren massiv frustriert und extrem traurig. Die haben sich doch alle so gefreut wie damals auf ihren ersten Schultag!

Ganz ehrlich: Wir gehen gerade alle über unsere Grenzen."

Melanie Ludwig (Name geändert), Lehrerin


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