Selbstkritik und gemischte Gefühle

So denkt die Nürnberger Basis von CSU, SPD und Grünen über die Wahl

30.9.2021, 09:59 Uhr
Ein halber Scholz, ein halber Söder: Die politische Lage nach der Bundestagswahl ist so unübersichtlich geworden wie rund um diese Wahlplakate an der Ostendstraße.

Ein halber Scholz, ein halber Söder: Die politische Lage nach der Bundestagswahl ist so unübersichtlich geworden wie rund um diese Wahlplakate an der Ostendstraße. © Günter Distler

Eines ist klar: So unübersichtlich das Ergebnis der Bundestagswahl ausfiel, so fest schließen sich in der Nürnberger CSU trotzdem die Reihen hinter ihrem Mann in München, der nach Berlin gewollt hätte. "Ich kenne keinen in Nürnberg, der nicht dafür gewesen wäre, dass der Unions-Kanzlerkandidat Markus Söder heißt." Das stellt Franz Gebhardt, Ehrenortsvorsitzender von Eibach-Röthenbach-Maiach und früherer Stadtrat, fest.

Zweifel am CSU-Chef wird man in den Tagen nach der Wahl nicht hören, wenn man mit Ortsvertretern telefoniert. Das historisch schlechte Abschneiden der Christsozialen, parallel zum Allzeit-Tief der Union im Bund, führen sie reflexhaft auf den schwachen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zurück. Wenn sie den Konkurrenzkampf Laschet–Söder vom Frühjahr erwähnen, dann um festzuhalten, dass für Söder daraus keine Schuld erwachse. "Ein bisschen ellbogig ist in Ordnung", sagt einer.

Demonstrative Geschlossenheit

"Das Ränkespiel hat Parteimitglieder vor den Kopf gestoßen und ist beim Wähler nicht gut angekommen", findet ein anderer, Gerhard Schmidt im Ortsverband St. Leonhard-Schweinau-Großreuth. "Aber die CDU hat mehr Probleme als wir in Bayern. In zwei Jahren haben wir Landtagswahl. Wir halten zusammen."

Sebastian Brehm sagt Danke: Der CSU-Bundestagsabgeordnete für Nürnberg-Nord holte wieder das Direktmandat für die Schwarzen. Aber die CSU ließ trotzdem Federn.

Sebastian Brehm sagt Danke: Der CSU-Bundestagsabgeordnete für Nürnberg-Nord holte wieder das Direktmandat für die Schwarzen. Aber die CSU ließ trotzdem Federn. © Günter Distler

Daniel Frank, Vorsitzender der Jungen Union Nürnberg, ist zwiegespalten. In Nürnberg, allen voran im Knoblauchsland, hätten die Christsozialen sehr gute Ergebnisse vorzuweisen und beide Direktmandate geholt, was zu den Hauptzielen gezählt habe. Mit dem Gesamtergebnis allerdings könne niemand zufrieden sein. Zweiter Sieger zu sein, stellt Frank klar, "das ist nicht der Anspruch der CSU".

Kritik am bayerischen Ministerpräsidenten weist er zurück. An ihm habe es "absolut nicht" gelegen. "Er hat einen sehr guten Job gemacht." Wie Söder will auch Frank "nicht um jeden Preis" regieren: "Lieber in die Opposition als sich inhaltlich verbiegen", lautet sein Credo.

"Reine Personenwahl"

In Nürnberg haben die Konservativen weniger als im Rest Bayerns verloren, nur zweieinhalb Prozentpunkte. "Die Einbußen sind erklärlich, denn es war eine reine Personenwahl", fährt Franz Gebhardt fort. "Menschen wollen neue Gesichter. Stammwähler gibt es nicht mehr. Und Programme spielen heute eine untergeordnete Rolle. Leider."

In seiner mehr als 45-jährigen Parteizugehörigkeit hat er sich von Illusionen verabschiedet. "Die großen Parteien werden ihre alten 40, 50, 60 Prozent nicht mehr erreichen. Das macht den Regierungsauftrag unklar." Die Koalitionsfragen sieht Gebhardt trotzdem gelassen. "Man muss es so nehmen, wie’s kommt. Die Liberalen werden ein vernünftiges Regulativ sein."

Die CSU vergisst ihre Kernthemen

Kollege Schmidt aus Schweinau ist allein schon froh, dass Rot-Rot-Grün abgewendet ist. "Das ist meine Genugtuung"", sagt er. "Es hätte noch schlimmer kommen können." Als hätten sie sich abgesprochen, demonstriert Günter Schreyer, der den Ortsverband Ziegelstein-Buchenbühl leitet, denselben Realismus. "Olaf Scholz hat gewonnen. Punkt. Das ist halt so. Sie wittern als Medien eine Story, das verstehe ich ja", sagt er, "aber ich bin zufrieden. 30 Prozent, unser Sebastian Brehm hat es geschafft, und er lag überall in unserem Ortsverband bei den Erststimmen vorn – wir haben das Ziel doch erreicht."

Mit der Aussicht auf besseren Autobahn-Lärmschutz für die Buchenbühler habe man im Wahlkampf gepunktet, ist Schreyer überzeugt. "Es zahlt sich aus, wenn sich vor Ort jemand kümmert. Das müssten wir aber noch stärker übers Jahr tun, nicht nur, wenn Wahlen sind."

Bei dieser Selbstkritik ist er sich einig mit Hartmut Sprung, dem CSU-Kreisvorsitzenden für Nürnberg-Nord. Sprung hält es für zu simpel, die Verluste am Kanzlerkandidaten festzumachen. "Markus Söder hätte vielleicht andere Schwächen gehabt." Der Kreis-Chef kreidet der Union "einen zu lange mit personellen Fragen und zu spät mit Kernthemen beschäftigten Wahlkampf" an. "Bewältigung der Corona-Krise, Mobilitätswende, Sicherheit, Klimawandel, Rente: Wir müssen uns wieder mit Sachkompetenz aufdrängen – darauf haben die Bürger Anspruch."

Freude oder Trauer?

Gemischte Gefühle behalten Wahlkämpfer zurück, wenn die Wähler so ein diffuses Bild abgeben wie diesmal. "Viele von uns waren enttäuscht, weil sie sich ein bisschen mehr erhofft hatten", sagt Claudia Hammerbacher, Sprecherin der Grünen Jugend. "Andererseits ist es unser historisch bestes Ergebnis geworden, supergut."

Seit einem guten Jahr engagiert sich die 25-Jährige bei der Umweltpartei, die sich in Nürnberg mit 19,3 Prozent der Zweitstimmen und zwei Bundestagsmandaten im Aufwind fühlen darf. "Nach dem Umfragehoch von Annalena hatten wir einmal in einer Woche über 20 Eintritte – das gab’s wohl noch nie."

Während sich an den Info-Ständen viele anregende Gespräche gerade mit jüngeren Menschen ergeben hätten, seien "einige aber nur zum Pöbeln gegen ,Fridays for Future‘ vorbeigekommen". Zweigeteilt bleibt auch Claudia Hammerbachers Ausblick: "Opposition ist eine gute Rolle. Aber ich hoffe jetzt auch, dass wir in die Regierung kommen, um endlich eine bessere Klimapolitik anzustoßen."

Ähnlich geht es auch der Kreisvorsitzenden Xenia Mohr: "Für Nürnberg ist das ein ganz tolles Ergebnis." Schließlich schicken die Nürnberger Grünen mit Tessa Ganserer und Sascha Müller erstmals seit Petra Kelly 1987 wieder Bundestagsabgeordnete nach Berlin.

Junge Grüne trotz allem enttäuscht

"Wir haben einen guten Wahlkampf hingelegt. Das Engagement der Parteimitglieder war enorm", betont Mohr. Sie ist begeistert, dass sich mit 150 Helfern jedes fünfte Mitglied der Nürnberger Grünen im Wahlkampf eingebracht und dafür teils sogar Urlaub genommen hat.

Dem großen Jubel über das Nürnberger Resultat steht die Tatsache gegenüber, dass sich die Grünen beim Gesamtergebnis doch mehr erhofft hatten. "Wirklich enttäuscht sind die jungen Leute. Das hat man fast körperlich gespürt", sagt Mohr und ergänzt selbstironisch: "Nun bestimmen wieder Grauköpfe über die Zukunft der jüngeren Generation."

Horst Bielmeier, SPD-Ortsvereinsvorsitzender Boxdorf-Buch, war überrascht, als SPD und Union bei der erste Prognose der ARD gleichauf lagen. Die Aufholjagd der CDU/CSU in den letzten Tagen vor der Wahl führt er auf deren "Angstkampagne gegen Rot-Rot-Grün" zurück. "Zum Glück hat sich die Prognose nicht bewahrheitet", sagt er. So haben die Sozialdemokraten 1,6 Prozentpunkte Vorsprung auf die Union.

Ob es der SPD aber gelingt, eine Regierung zu bilden - "eine Groko will ja niemand mehr, auch ich nicht" – ist für Bielmeier nicht sicher. "Man muss sehen, was überhaupt möglich ist", sagt er und verweist auf Forderungen der FDP, die doch weit von den Positionen der SPD entfernt lägen. Nicht auszuschließen, dass sich die SPD trotz des Wahlsiegs in der Opposition wiederfindet.

SPD tankt Selbstvertrauen

Dem roten Selbstbewusstsein tue das Wahlergebnis zweifellos gut. "Wir sind lange Jahre geprügelt worden. Warum, erschließt sich mir nicht", sagt Bielmeier, obgleich er einräumt, dass die SPD - auch personell - nicht immer die glücklichsten Entscheidungen getroffen habe. Nun hofft Bielmeier, dass die Parteien ihren Worten von Sonntagabend Taten folgen lassen und es nicht wieder erst im neuen Jahr eine Regierung gibt.


Politikwissenschaftler: "Söder wird zugreifen - ganz ohne Frage"


Silvia Henning, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Katzwang, bedauert, dass ihre Partei in Nürnberg - hier erzielte sie 21,7 Prozent - nicht mehr Stimmen und zumindest ein Direktmandat geholt hat. Woran es gelegen hat, kann sie sich nicht erklären: "An den Infoständen hatten wir schon den Eindruck, dass die Leute eher von der CSU die Nase voll haben." Olaf Scholz ist aus ihrer Sicht definitiv der richtige Kanzlerkandidat gewesen, der obendrein immer bei seiner Meinung geblieben sei.

Der Union, allen voran CSU-Parteichef Markus Söder, attestiert die Sozialdemokratin ein Glaubwürdigkeitsproblem und verweist vor allem auf Söders Umgang mit Armin Laschet. Sich erst ständig zu beharken und dann auf einmal auf Linie zu sein, sei nicht nachvollziehbar. Ob es für die SPD nun für einen Platz in der Regierung reicht, "haben wir leider nicht zu entscheiden", sagt sie mit Blick auf FDP und Grüne.

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