Sohn von NSU-Opfer Simsek: "Kein Vertrauen mehr in diesen Staat"

Elke Graßer-Reitzner
Elke Graßer-Reitzner

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5.9.2020, 20:28 Uhr
Mit Spruchbändern und Bannern zogen die Teilnehmer der Demonstration durch Nürnberg-Langwasser bis zum Parkplatz in der Liegnitzer Straße in Altenfurt.

© Foto: Stefan Hippel Mit Spruchbändern und Bannern zogen die Teilnehmer der Demonstration durch Nürnberg-Langwasser bis zum Parkplatz in der Liegnitzer Straße in Altenfurt.

Das Nürnberger Bündnis Nazi-Stopp hatte zu der Demonstration mit Kundgebung aufgerufen. Am frühen Nachmittag hatten sich bereits mehrere hundert Menschen nahe dem Gemeinschaftshaus in Langwasser versammelt. Verschiedene Gruppen, darunter auch Vertreter von Parteien wie der Linken Liste, SPD, Grünen, und der Linken, hatten Fahnen und Spruchbänder mitgebracht. "Rechtsterroristische Strukturen zerschlagen" stand zum Beispiel auf einem.

Der Troß setzte sich dann unter Polizeibegleitung in Bewegung und zog durch den Stadtteil Langwasser bis nach Altenfurt in die Liegnitzer Straße. Dort legten Mitglieder des Bündnisses Nazistopp zehn weiße Rosen und zehn rote Nelken zum Gedenken nieder. Enver Simsek (38) hatte am 9. September 2000 auf diesem Parkplatz seinen Blumenstand aufgebaut. Der Großhändler aus dem hessischen Schlüchtern war an jenem Samstag nur eingesprungen, weil sein Verkäufer in Nürnberg noch im Urlaub weilte.

Schüsse direkt ins Gesicht

Weiße Rosen und rote Nelken: Mitglieder des Bündnisses Nazistopp legten zum Gedenken Blumen nieder.

Weiße Rosen und rote Nelken: Mitglieder des Bündnisses Nazistopp legten zum Gedenken Blumen nieder. © Foto: Stefan Hippel

Um die Mittagszeit, als Enver Simsek in seinem weißen Mercedes-Kastenwagen die Sträuße sortierte, traten zwei Männer mit Pistolen an seinen Wagen und feuerten aus nächster Nähe neun Mal. Acht Schüsse durchsiebten den zweifachen Familienvater regelrecht, einer verfehlte das Opfer. Mit vier Projektilen im Kopf starb Enver Simsek zwei Tage später im Nürnberger Klinikum.

Die Polizei ermittelte jahrelang rücksichtslos gegen die Hinterbliebenen. Erst als sich der NSU 2011 selbst enttarnte, kam heraus, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Blumenhändler ermordet hatten.

Abdul-Kerim Simsek ging hart mit dem Land, das er als sein Heimatland bezeichnet, ins Gericht.

Abdul-Kerim Simsek ging hart mit dem Land, das er als sein Heimatland bezeichnet, ins Gericht. © Foto: Stefan Hippel

Es seien für ihn, seine Schwester und seine Mutter elf Jahre der "Ungewissheit, der Verdächtigungen und Vernehmungen" gewesen, sagte Abdul-Kerim Simsek (33) vor den Kundgebungsteilnehmern. Sein Vater sei "ein toller Vater und wundervoller Ehemann" gewesen, doch die Polizei habe ihn lange Zeit für einen Drogendealer gehalten und die Familie abhören lassen.

"Woher der Hass?"

Als Heranwachsender habe er Jahre der Angst durchlitten, gestand Abdul-Kerim Simsek: "Es gab viele Momente, in denen ich meinen Vater gebraucht hätte. Er hat nie jemandem etwas getan. Er wollte doch nur Blumen verkaufen. Woher kommt dieser Hass?" Es sei sehr bedrückend für ihn, hier zu stehen, räumte er ein. Denn auch der fünf Jahre dauernde NSU-Prozess, der zur Verurteilung von Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft führte, sei eine große Enttäuschung für ihn gewesen.

Der Staat sei auf dem rechten Auge blind und verhänge viel zu milde Strafen für Rechtsterroristen, kritisierte er mit Blick auf Zschäpes Mitangeklagte, die teilweise auf freien Fuß kamen. "Wir haben kein Vertrauen mehr in diesen Staat", sagte er abschließend.

Foto einer anderen Frau?

Anwältin Seda Basay-Yildiz sprach von "extremer Kälte" in der NSU-Urteilsbegründung.

Anwältin Seda Basay-Yildiz sprach von "extremer Kälte" in der NSU-Urteilsbegründung. © Foto: Stefan Hippel

Auch die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz, die die Familie Simsek als Nebenklägerin vertrat und selbst von Rechtsextremen bedroht wird, kritisierte die Bundesrepublik hart. Der Staat selbst habe die freiheitliche Grundordnung nicht ernst genommen und die Würde des Opfers und seiner Angehörigen nicht geschützt, klagte sie.

Schon zwei Tage nach Simseks Tod sei die Familie abgehört worden, Freunde seien befragt worden, "wie lange die Ehefrau um ihren Mann geweint" habe, und Adile Simsek habe nicht zu ihrem sterbenden Mann ins Krankenhaus gedurft, weil sie die Nürnberger Polizei zur Vernehmung einbestellte. Dort habe man ihr das Bild einer anderen Frau gezeigt und behauptet, Enver Simsek habe eine außereheliche Beziehung geführt. Obwohl unwahr, habe ein Polizist kurze Zeit später vor laufender Kamera von einer "Beziehungstat gesprochen".

Kein Wort über die Opfer

Basay-Yildiz sagte, am Ende des NSU-Prozesses seien die Opfer mit keinem Wort erwähnt worden. Das Urteil sei "mit extremer Kälte" gefällt worden. "So ein Urteil, das von der rechten Szene mit Applaus kommentiert wurde, bestätigt Neonazis und Nachrichtendienste!".

Birgit Mair vom Bündnis Nazistopp plädierte für die Abschaffung der Nachrichtendienste, die die zehn Morde trotz vieler V-Leute in rechtsextremen Kreisen nicht verhindern konnten und die Aufklärung der Mordserie behindert hätten. Sie seien "schädliche und unnützige Institutionen".

Der Musiker Kutlu Yurtseven, der in der Kölner Keupstraße wohnt, in der der NSU einen Nagelbombenanschlag verübte, forderte, die Morde im Schulunterricht zu thematisieren: "Das ist Zeitgeschichte."

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