Stählen bis zum Umfallen: Immer mehr Männer leiden an Essstörungen

5.8.2020, 05:53 Uhr
Suchtartiges Krafttraining geht oftmals einher mit Essstörungen, von denen zunehmend mehr Männer betroffen sind. Viele trainieren bis zur völligen Erschöpfung und sind mit ihrem Körper dennoch niemals zufrieden.

Suchtartiges Krafttraining geht oftmals einher mit Essstörungen, von denen zunehmend mehr Männer betroffen sind. Viele trainieren bis zur völligen Erschöpfung und sind mit ihrem Körper dennoch niemals zufrieden. © Foto: AFP PHOTO/MAXIM MALINOVSKY

Eine bundesweite Datenanalyse der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigt, dass auch zunehmend Männer und ältere Frauen von Magersucht, Bulimie und Binge-Eating – also regelmäßigen unkontrollierten "Fressattacken" – betroffen sind. Unter ihnen hat die Zahl der Erkrankten sogar viel drastischer zugenommen als bei den Teenagerinnen.

Die KKH verzeichnet bei den Zwölf- bis 17-jährigen Männern, die wegen einer Essstörung ärztlich behandelt wurden, im Zeitraum von 2008 bis 2018 ein Plus von knapp 60 Prozent auf 235 Erkrankte. Zum Vergleich: Bei den gleichaltrigen Frauen betrug der Anstieg 22 Prozent auf 701 Betroffene. Mittlerweile ist ein Viertel der Erkrankten in diesem Alter männlich, zehn Jahre zuvor war es noch ein Fünftel.

Dass immer mehr Männer an und unter Essstörungen leiden, bestätigt auch Christine Ertl. Früher hat es laut der Leiterin des Vereins dick und dünn Nürnberg vereinzelte Anfragen von Männern gegeben, weil es für sie schlichtweg keine passenden Angebote gab. So hat der Verein in der Kühnertsgasse 24 trotz fehlender Finanzierung immer wieder auch Männer beraten.

Angebot ausgeweitet

Ursprünglich war der Verein 1992 als Fachberatungsstelle für Frauen mit Essstörungen konzipiert worden und erhielt 2006 den Frauenförderpreis der Stadt Nürnberg. Inzwischen hat er sich auch für die männliche Zielgruppe geöffnet – und trägt den Namenszusatz Fachberatung bei Essstörungen.


Essstörungen: Wenn die Lust zur Last wird


Bei Männern fallen Essstörungen oftmals nicht sofort auf, da sie in der Regel mit suchtartigem Krafttraining oder ähnlich exzessiv betriebenen Sportarten einhergehen. Das alles kann dazu führen, dass die Krankheit vor allem bei Erwachsenen zu spät oder im schlimmsten Fall gar nicht erkannt wird. Je später aber die Essstörung behandelt wird, desto größer ist das Risiko eines chronischen Verlaufs.

Christine Ertl stellt fest, dass immer mehr junge Männer "extrem auf den Fitness-Zug aufspringen" – mit zum Teil ungeahnten Folgen. Sabine Schmidt vom Therapienetzwerk Essstörungen spricht in diesem Zusammenhang auch von "Bodystyling". Die Muskeln werden ganz gezielt bearbeitet. Dafür erstellen die Männer einen Ernährungsplan, an den sie sich äußerst restriktiv halten. "Gönnen" wird hier zum Fremdwort. Was nicht auf dem Plan steht, kommt auch nicht in den Magen.

Wer etwa unter Muskeldysmorphie leidet, hat ein verzerrtes Selbstbild. Egal, wie muskulös der Körper auch ist – Betroffene werden immer unzufrieden mit ihm und sich selbst sein. Dabei handelt es sich um ein ähnliches Muster wie bei Magersüchtigen, die ihrem Empfinden nach nie dünn genug sein können.

Überraschte Angehörige

Die Auswertung der KKH zeigt allerdings auch, dass Essstörungen nicht nur eine Krankheit der Jugend sind. Bei den Versicherten ab 40 Jahren ist die Zahl der betroffenen Frauen um mehr als die Hälfte auf 3838 gestiegen (plus 54 Prozent), bei den gleichaltrigen Männern hat sich die Zahl auf 676 Betroffene sogar fast verdoppelt (plus 95 Prozent). Dass auch Ältere an Magersucht erkranken, ist Angehörigen und Freunden häufig nicht präsent. Frauen bekommen sogar eher Komplimente, wie sie es schafften, trotz ihres Alters so schlank zu sein.

Hinter Essstörungen verbergen sich meist tiefer liegende seelische Probleme. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von traumatischen Erlebnissen wie Missbrauch über familiäre Konflikte bis hin zu Leistungsdruck und Mobbing. Darüber hinaus ist der Druck, den Schönheitsidealen unserer Zeit zu entsprechen, bei beiden Geschlechtern groß.

Wie Christine Ertl weist auch Sabine Schmidt vom Therapienetzwerk Essstörungen darauf hin, dass die Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen die Situation bei vielen Betroffenen weiter verschärft hätten. Sie halten sich laut der Sozialpädagogin noch länger in sozialen Netzwerken auf und werden durch die Medien mit einem vermeintlichen Schönheitsideal konfrontiert, das sie vergeblich zu erreichen versuchen.

Dass junge Menschen dem Schönheitsideal von Barbie und Ken nacheifern, sei überhaupt nichts Neues. "Aber es wird krasser", sagt Schmidt. So gebe es auf der Videoplattform YouTube Wettbewerbe junger Mädchen, wer sich mehr herunterhungern kann. "Manche Mädchen erreichen da einen Body-Maß-Index unter zwölf", zeigt sich Schmidt entsetzt. Ein Multiorganversagen könnte die Folge sein.

Viele suchen zu spät Hilfe

Auch in der Beratungsstelle am Willy-Brandt-Platz 4 – den Nürnberger Ableger des bayernweit tätigen Therapienetzes gibt es seit 2017 – suchen immer mehr Männer Hilfe. Schmidt gehe es nie um das Symptom allein. Die Systemische Beraterin nimmt laut eigener Aussage stets das gesamte Umfeld der Person in den Blick und prüft, welchen Einflüssen sie ausgesetzt ist.


Virus und Infekte: Körperliche Fitness hat präventive Wirkung


Im Idealfall suchen Betroffene schon bei den ersten Anzeichen einer Erkrankung Hilfe. Die Realität sieht jedoch anders aus, wie Schmidt weiß. Die Überwindung ist oft groß, viele kommen erst, wenn die Krankheit bereits chronisch ist. Damit es erst gar nicht so weit kommt, fordert auch die KHH, möglichst früh mit der Prävention zu beginnen.

Weitere Infos unter www.essstoerungen-mittelfranken.de und www.therapienetz-essstoerung.de

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