Olympia Leichtathletik

Trotz Achillessehnenriss: Patrick Schneider gibt Olympia nicht auf

11.5.2021, 12:37 Uhr
Patrick Schneiders Gesichtsausdruck beweist seine Leidensfähigkeit.

Patrick Schneiders Gesichtsausdruck beweist seine Leidensfähigkeit. © Foto: Theo Kiefner

Dream. Believe. Achieve. Diese drei Wörter stehen in Patrick Schneiders Instagram-Profil. Frei übersetzt: Träume von etwas. Glaub daran. Erreiche es.


LAC Quelle Fürth ist erneut in der Bestenliste der Deutschen Leichtathletik


Der 28-jährige Nürnberger träumte sein ganzes Sportlerleben von den Olympischen Spielen. Als 400-Meter-Läufer hatte er sich vergangenes Jahr extra in Birmingham auf Tokio 2020 vorbereitet – und musste dann im besten Sprinteralter die Absage hinnehmen. Also neuer Anlauf mit neuem Verein und neuen Trainern: Zum Jahreswechsel tauschte er das blaue Trikot des LAC Quelle Fürth mit dem blauen des TV Wattenscheid und schloss sich der "schnellsten Trainingsgruppe Deutschlands" in Chemnitz an, gespickt mit Stars der Szene.

Und nun das. Das Gerücht geisterte schon länger durch Nürnberg und Fürth, doch erst am 28. April ließ Schneider via Instagram die Katze aus dem Sack. "Leider habe ich mir vor gut vier Wochen im Trainingslager auf Gran Canaria einen Teilriss der Achillessehne der Länge nach über 8-10 cm zugezogen. Das wirft mich je nach Heilungsverlauf 6-10 Wochen aus dem normalen Trainingsalltag", ist dort zu Beginn einer langen Stellungnahme zu lesen, die mit dem Satz endet: "Wenn’s klappt, dann klappt’s und wenn nicht, dann soll es wohl nicht sein."

Einen Anruf dieser Zeitung an einem Vormittag nimmt Schneider mit leiser, tiefer Stimme an. Nein, er rede nicht so gedrückt, weil er traurig sei, sondern weil er im Wartezimmer eines Arztes sitze. Klar sei die Stimmung nicht prima, aber er strukturiere seinen Alltag so stark, dass er nicht zum Trübsalblasen komme. "Ich stehe früh normal auf, gehe arbeiten als Ablenkung, danach entweder zur Physiotherapie oder aufs Fahrrad und koordinative Übungen fürs Gehen."

Zwischen Alter G und Skillmill

Die Wochenenden verbringt er bei drei vertrauten Menschen: bei seiner Freundin in Nürnberg und in Fürth bei seinem Masseur Franz Eckert sowie seinem alten Leichtathletiktrainer Zacharias Wedel. Dessen "Team FitterTec" ist im Besitz eines der wenigen Anti-Schwerkraft-Laufbänder in Deutschland, das Schneider nutzt.

In Chemnitz hat er bereits auf einer "Skillmill" gestanden, einem gebogenen Laufband – sein erstes Erfolgserlebnis in dieser Leidenszeit: "Es war das erste Mal, dass ich mit vollem Körpergewicht gelaufen bin." Er lasse sich zwar wöchentlich vom Arzt spritzen, doch es gehe gerade um die Balance zwischen zu wenig und zu viel Belastung für die lädierte Sehne.

Seinen geistigen Blick hat er ausschließlich nach vorne gerichtet. Der Zeitplan ist eng, sehr eng, aber er lässt eben einen Spalt für einen Hoffnungsschimmer offen: "Die Heilungszeit liegt bei sechs bis zehn Wochen. Bei mir werden es wohl acht." Mit dem Erscheinen dieses Artikels ist er bei Woche sechs.

Qualifizieren muss er sich danach aber auch noch, wofür es nicht mehr viele Chancen gibt. "Die Deutsche Meisterschaft verpasse ich auf jeden Fall", rechnet er, denn dafür hätte er nur wenige Tage Vorbereitungszeit, "und ich habe einen krassen Trainingsrückstand." Normalerweise ist die Qualifikation über die DM Pflicht, doch bei Schneider – das hätten ihm die Bundestrainer signalisiert – drücke man wohl ein Auge zu.

Die magische Zahl heißt 46.0

Der Fokus liegt demnach auf den letzten drei Juniwochen, um das Ticket für die deutsche 400-Meter-Staffel in Tokio zu lösen. Wenn Schneider dann wieder voll belasten kann, muss er versuchen, an irgendeinem der offiziellen Wettbewerbe an den Wochenenden "eine Zeit anzubieten, die konkurrenzfähig ist" - zum Beispiel in Regensburg. Die magische Zahl heißt 46.0. Im Jahr 2018 hat er sie über 400 Meter bereits unterboten. "Wenn aber fünf andere auch 46.0 rennen, wird ein gesunder Athlet vorgezogen."

Es sind eben sehr viele Abers in seinen Szenarien, doch er will einfach nicht aufgeben: "Es gibt drei Plätze für drei Männer, ich will versuchen, Ende Juni irgendwie in die Top Drei zu rennen. Ich bin optimistisch, aber mir auch bewusst, dass da vieles zusammenkommen muss."


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Die Mediziner halten sich mit Prognosen zurück: "Niemand kann sagen, ob ich dieses Jahr überhaupt noch was machen kann." In seinem Kopf befinde sich deshalb "ein komischer Mischmasch. Ein bisschen verunsichert bin ich schon". Nur auf Nachfrage rätselt er noch einmal über die Ursache der Verletzung: "Es ist ein sehr schmaler Grat, ich war einfach am Limit, vielleicht auch zu oft am Limit."

Doch einen Vorwurf könne er sich nicht machen. "Gerade wenn man sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten möchte, fragt man sich oft: Ist es schon zu viel oder ist es noch okay?" "Dream. Believe. Achieve." kann manchmal sehr weh tun.

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