Weltkulturerbe: Nürnberg bereitet neue Bewerbung vor

25.11.2020, 16:23 Uhr
Blick in den weltberühmten Saal 600 im Nürnberger Justizpalast in den Jahren 1945 und 1946. Die Zuschauergalerie war für das Medienereignis der Prozesse eingebaut worden.

Blick in den weltberühmten Saal 600 im Nürnberger Justizpalast in den Jahren 1945 und 1946. Die Zuschauergalerie war für das Medienereignis der Prozesse eingebaut worden. © Ray D'Addario (1946), Stadtarchiv Nürnberg A 65/II Nr. RA-199-D

Er sei dann wohl schon im Ruhestand, wenn es soweit ist, sagt Thomas Dickert. "Das ist ein Hürdenlauf." Hoffnungsfroh, dass der Titel dereinst kommt, ist der Präsident des Oberlandesgerichts allemal. Der 62 Jahre alte Jurist ist der Hausherr an der Fürther Straße 110. Sein Justizbetrieb würde von der Auszeichnung durch die Kulturorganisation der Vereinten Nationen nicht weiter profitieren. Aber Nürnberg hätte viel davon.

"Weltweite Aufmerksamkeit" wäre damit verbunden, sagt Dickert, und zwar für "eine rechtspolitische Entwicklung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann: die Geburtsstätte des internationalen Völkerstrafrechts. Die Botschaft aus Nürnberg ,Frieden durch Recht‘, nach der kein Völkerrechtsverbrechen ungesühnt bleiben kann, bekäme noch mal einen Schub".

2014 fiel Nürnberg mit der ersten Bewerbung durch

Blick auf eine Ausstellungswand im Memorium Nürnberger Prozesse. Auch die Geschichtsvermittlung, die hier seit zehn Jahren für Besucher aus der ganzen Welt erfolgt, gehört in die Begründung zur Weltkulturerbe-Bewerbung.

Blick auf eine Ausstellungswand im Memorium Nürnberger Prozesse. Auch die Geschichtsvermittlung, die hier seit zehn Jahren für Besucher aus der ganzen Welt erfolgt, gehört in die Begründung zur Weltkulturerbe-Bewerbung. © Armin Weigel, dpa

Dass ihm hier die Fachwelt genauso wie Lokalpatrioten zustimmen würden, nützt nichts. Die Bewerbung zum Welterbe ist ein so langwieriger wie komplizierter Verwaltungsvorgang, der an Heiligsprechungen im Vatikan denken lässt. Und er kann auch erfolglos verpuffen. Das erlebte Nürnberg 2014. Die Kultusministerkonferenz entschied: durchgefallen. Die Länderminister setzten damals die neue deutsche Vorschlagsliste für die Unesco auf – und Nürnbergs berühmter Gerichtssaal 600 musste draußen bleiben. Dem wissenschaftlichen Beirat ging der von der Stadtverwaltung formulierte Antrag nicht tief genug. Die Stadtspitze sagte sogleich zu, nachbessern zu wollen.

Der neue Versuch obliegt dem bayerischen Justizministerium. Bis Oktober 2021 muss die Bewerbung formuliert und vom Landtag und der bayerischen Staatsregierung abgenommen sein. Dann sind die Unterlagen bei der Kultusministerkonferenz abzuliefern; Nürnberg ist einer von maximal zwei bayerischen Vorschlägen. Das Ministerium hat zwei Hochschulprofessoren damit beauftragt: Der Erlanger Straf- und Völkerrechtsexperte Christoph Safferling und der Historiker Eckart Conze in Marburg verfassen bis zum kommenden März die Bewerbung.

Soll das Zellengefängnis einbezogen werden?

Das Papier, das sie schreiben, müsse extrem viele Formalien einhalten, sagt Dickert, der den Bewerbungsprozess bereits seit seiner Zeit als früherer Finanzchef im Justizministerium begleitet. Die Unesco verlangt Uhrmacherpräzision bei den Begründungen, warum es sich um ein "Gut von außergewöhnlichem und universellem Wert" handeln soll.

So muss im Fall Nürnbergs der Zusammenhang zwischen dem Bauwerk und der Ideengeschichte der 1945/46 entwickelten "Nürnberger Prinzipien" als Rechtsgrundlage herausgearbeitet werden. "Es geht in diesem Fall ja nicht um ein schönes Gebäude, das man anschauen will." Der 1916 eingeweihte Justizpalast hat architektonisch nichts Einzigartiges zu bieten – nur seine historische Nutzung ist es.

Darzulegen sind auch ein Vergleich zu ähnlichen Welterbestätten und die "Authentizität und Integrität" des Ortes. "Da wird es schwierig, weil der Saal mehrfach umgebaut worden ist. Er sieht heute wieder beinahe so aus wie vor den Kriegsverbrecherprozessen. Da muss man auf die gesamte Historie abstellen", erläutert Dickert. Ob die Bewerbung den Rest des alten Zellengefängnisses neben dem Gerichtsgebäude mit umfassen sollte, ist noch strittig. Die weiter entfernten Schauplätze – das ehemalige Presse-Camp im Schloss Stein, das Nürnberger Grand Hotel oder das "Zeugenhaus" in Erlenstegen – sollen jedenfalls nicht berücksichtigt werden.


Zehn Jahre Memorium Nürnberger Prozesse: Eine Erfolgsgeschichte


Für den wichtigsten Hausnutzer nach der Justiz, die Museen der Stadt Nürnberg, wäre der Titel mehr als nur eine Adelung auf dem Papier. Das Memorium Nürnberger Prozesse im Ostflügel erführe eine "echte Aufmerksamkeitssteigerung", prophezeit Thomas Eser. Und das, findet der Direktor der städtischen Museen, könnte seine Einrichtung nicht nur verkraften, sondern vertragen. "Die Aufmerksamkeit kann nicht groß genug sein."

Seit der Eröffnung 2010 steigen die Besucherzahlen, auf zuletzt 110 000 Menschen im Jahr. Auch 200 000 wären drin, warum nicht, sagt Eser. Schon heute kommen rund drei Viertel der Besucher aus dem Ausland. Unesco-Welterbe – das sei "eine Marke, die gerade beim internationalen Publikum ein Zeichen setzt. Sie ist mehr wert als Empfehlungen bei Tripadvisor oder Holidaycheck".

Der Ausbau ist längst überfällig

Solcher Zulauf würde noch dringender danach verlangen, was die Museendirektion sowieso schon plant: mehr Kapazitäten. Zu Jahresbeginn schuf der Freistaat die Grundvoraussetzung, indem die Justiz den Saal 600 und Ostflügel räumte. Doch wegen immer noch ungeklärter Finanzierungsaufteilungen zwischen Land und Kommune ruhen die Ausbaupläne für die Erinnerungsstätte schon länger als gewollt.

Auch was das geplante Besucherzentrum auf dem Vorplatz betrifft, ist es jetzt erst einmal bei der Weißelung des früheren Autowerkstatt-Häuschens geblieben. Ein Interims-Ausstellungsraum, wo irgendwann einmal ein Welterbezentrum stehen könnte. Doch die Aussicht auf einen Welterbe-Titel löst keine Finanzprobleme. Die Unesco zahlt den Stätten keine Fördergelder. Beim Erhalt und sind die örtlichen Ebenen in der Pflicht.

46 Orte in Deutschland tragen den Titel Welterbe der Unesco. Die Kulturorganisation der Vereinten Organisationen zeichnet damit seit 1978 Schauplätze in der ganzen Welt aus, die von universeller Bedeutung für die Menschheit waren oder sind. Dazu zählen Bauten, Erinnerungsstätten mit Ideengeschichte, Naturlandschaften und Siedlungen, entweder als Weltkulturerbe oder Weltnaturerbe tituliert. Deutschland ist unter weltweit 1121 Stätten bereits überdurchschnittlich gut vertreten auf der Liste, Bayern ebenso – ein Grund, warum nur ein Bruchteil der Vorschläge nach jahrelanger Prüfung zum Zug kommt.


75 Jahre Nürnberger Prozesse: 100-jähriger Chefankläger findet bewegende Worte


Unabhängig davon führt die Unesco die – kleineren – Kategorien des Immateriellen Welterbes und des Weltdokumentenerbes. Unter das "Immaterielle Welterbe" fallen menschliche Traditionen und Kulturformen. Nürnberg überlegte zeitweise, sich als Geburtsstätte des internationalen Völkerstrafrechts dafür zu bewerben; das ist mittlerweile vom Tisch.

So oder so werde das Memorium mit der Erweiterung seinen Blickwinkel stärker auf die Welt von heute erweitern, sagt Thomas Eser. "Es behandelt ja ein Weltthema: die Frage, wie die internationale Gemeinschaft in Zukunft Menschenrechtsverbrechen von Despoten ahnden kann." Die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien, die jetzt Tür an Tür mit dem Museum sitzt, übernimmt diese Bildungsarbeit für Juristen. Luft für innere und äußere Umbauarbeiten ist noch genug. Erst 2024 stellt Deutschland seine nächste Liste mit Vorschlägen für Weltkulturerbestätten fertig. Die Unesco begutachtet dann portionsweise. Bis zur Entscheidung kann es also, abhängig vom Platz auf der Liste, nochmals einige Jahre dauern.

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