Freitag, 14.05.2021

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Abenbergern gelingt die Energiewende nach Feierabend

Trio hat Freiflächen-PV-Anlage auf alter Deponie erreichtet, die wird nun erweitert - 22.02.2021 06:00 Uhr

Der Neu- und Erweiterungsbau der PV-Anlage ist noch nicht abgeschlossen, auch wenn ein Teil der Gestelle schon in den Untergrund gerammt und ein Teil der Panele schon verschraubt sind. Josef Brändl (Bild) sagt, dass nach der Erweiterung der Solarpark eine installierte Leistung von rund vier Megawatt/peak hat. Bislang sind es „nur“ 1,5 Megawatt/peak. Künftig lassen sich so mehr als vier Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen – fast so viel, wie die Abenberger Privathaushalte pro Jahr verbrauchen.

18.02.2021 © Foto: Robert Gerner


Wie das gekommen ist mit dem Faible für den Bau von Photovoltaikanlagen? Josef Brändl, 52, muss überlegen. "Ich glaube, das war, als der Thomas sich vor elf oder zwölf Jahren eine eigene Anlage aufs Dach geschraubt hat." Thomas heißt mit ganzem Namen Thomas Einzinger und lebt wie Josef Brändl im beschaulichen Abenberg.

Aus einem Dach wurden zwei, dann drei, dann vier, und irgendwann saßen Brändl und Einzinger in einer Sitzung des Abenberger Stadtrates und hörten zu, wie der damalige Bürgermeister Werner Bäuerlein von ihrem Plan berichtete, auf der früheren Bauschutt-Deponie zwischen Bechhofen (Abenberg) und Neumühle (Büchenbach) eine große Freiflächen-Photovoltaikanlage zu bauen. Bäuerlein unterstützte das Projekt von Anfang an, der Stadtrat gab ebenfalls grünes Licht, was die nebenamtlichen Energiewende-Manager dankbar zur Kenntnis nahmen.

Ein weiter Weg

Von der Idee bis zur Umsetzung ist es trotzdem ein weiter Weg. Josef Brändl musste den Eigentümer überzeugen, den zwei Freunden die rekultivierte Deponie für mindestens 20 Jahre gegen eine Pacht zu überlassen. Die Bauherren mussten einen Marsch durch die Institutionen und Instanzen antreten. Sie brauchten das O. K. der Stadtverwaltung und des Stadtrates.

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Sie mussten das Landratsamt überzeugen, was unter anderem dadurch gelang, dass sie einen Biologen, einen Geologen und einen Ingenieur mit ins Boot holten. Und eine Bank brauchten sie natürlich auch, die ihnen das nötige Kleingeld lieh für dieses Projekt in einer Größenordnung von knapp einer Million Euro.

Bis zum Bau vergingen also einige Jahre, doch im Jahr 2018 stand sie dann, Abenbergs erste Freiflächen-PV-Anlage, initiiert, geplant und umgesetzt von zwei Abenbergern, die ansonsten mit dem Thema Energie gar nicht so viel zu tun haben.

Seit 2018 speist die bestehende Freiflächen-PV-Anlage auf der früheren Bauschutt-Deponie bei Bechhofen Sonnenstrom ins Netz ein – im schneereichen Februar allerdings nicht allzu viel, wie man hier sieht. Josef Brändl bereitet das aber kein Kopfzerbrechen. Das nächste Frühjahr kommt bestimmt.

18.02.2021 © Foto: Robert Gerner


Josef Brändl zum Beispiel arbeitet bei der Barmer, also bei einer Krankenkasse. Er könnte also über Spätfolgen von Corona referieren, über Krankengeldzahlungen oder über höhere oder niedrigere Fehltage während der Pandemie.

Ein Prozent opfern?

Brändl erzählt an diesem kalten Montagnachmittag vor Ort in Bechhofen aber lieber von den immer komplizierter werdenden Ausschreibungen für Windräder und PV-Anlagen durch die Bundesnetzagentur. Er zitiert den Energiewende-Papst Volker Quaschning, der gefordert hat, man möge doch vier Prozent der Fläche Deutschlands opfern für die Stromproduktion (ein Prozent für Windparks, drei Prozent für PV-Anlagen) und spricht darüber, was das dann für Abenberg heißen würde.

"Da würde sich die Bevölkerung schnell verabschieden von der Energiewende", glaubt Brändl. "Den meisten wäre das nicht vermittelbar."

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Der 52-Jährige wäre schon froh, wenn jede Kommune ein Prozent ihrer Fläche für die Produktion von Sonnenstrom zur Verfügung stellen würde. Für Abenberg mit seinen 48 Quadratkilometern würden das Panele auf einer Fläche von 48 Hektar (100 Hektar entspricht einem Quadratkilometer) bedeuten. Auch das erscheint nach derzeitiger Lage der Dinge utopisch.

Derzeit versuchen die Gemeinden landauf, landab, Kriterienkataloge für den Bau neuer großer PV-Anlagen zu erstellen, weil die Investoren in Anzug und Krawatte offenbar Schlange stehen in den Rathäusern. Rohr zum Beispiel hat eine Gemeindefläche von gut 47 Quadratkilometern. Wenn man das eine Prozent zur Hand nehmen würde, das Josef Brändl als Minimum für die Zukunft ansieht, dann müssten 47 Hektar Solarfelder entstehen. Der Gemeinderat will aber nur sechs zulassen.

Auch in Abenberg, das weiß Brändl, gibt es immer wieder Widerstände. Nicht allerdings auf der ehemaligen Bauschuttdeponie zwischen Bechhofen und Neumühle. "Wir haben hier in Bechhofen echt nette Nachbarn, die schon mal auf ein Bier vorbeischauen."

Schon wieder wird vergrößert

2018 wurden hier Solarpanele mit einer installierten Leistung von 750 kW/p in die Landschaft gesetzt. Ein Jahr später wurde ungefähr verdoppelt. 1,5 Megawatt/peak, das bedeutet ungefähr eine Produktion von 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr.Derzeit ist die Deponie schon wieder – aufgrund des Frostes allerdings ruhende – Baustelle. Denn der Solarpark wird noch einmal vergrößert. Er wächst auf der Deponie selbst, aber auch auf einer zwei Hektar großen Ackerfläche direkt daneben. Das Sonnenkraftwerk hat ab Frühjahr somit eine installierte Leistung von rund vier Megawatt/peak. Es ist damit eines der leistungsstärksten im gesamten Landkreis Roth.


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Gut vier Millionen Kilowattstunden werden hier künftig also pro Jahr erzeugt, das entspricht fast dem Stromverbrauch aller Abenberger Privathaushalte. Rechnerisch energieautark reicht dem 52-jährigen Brändl aber nicht. "Wir müssen für die Stadt mitdenken", fordert er. "In Nürnberg oder in Schwabach gibt es gar nicht die Flächen, um den Energiehunger in Deutschland zu stillen."

Selbst in die Hand nehmen

Josef Brändl und seine Freunde – vor zwei Jahren stieg noch der Spalter Thorsten Schöttner ein – haben inzwischen einen Narren an der Energiewende gefressen, vor allem an einer Energiewende, die die Leute vor Ort selbst in die Hand nehmen. "Meine Frau hält mich manchmal schon für plemplem", erzählt er.

Aber was soll er machen? "Für uns ist das halt wie ein erweitertes Hobby." Wenn andere abends zum Buch greifen oder sich durchs Fernsehprogramm zappen, dann studiert der Mann von der Krankenkasse die Feinheiten des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) und die komplexen Strukturen des Deponierechts.

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Doch weil er gut vernetzt ist, weil er viele Leute kennt und weil er ein zupackendes und einnehmendes Wesen hat, stößt Brändl immer wieder auf Grundstücke, die sich für PV-Anlagen eignen würden. Ohne ihn und ohne Thomas Einzinger hätte die Schwabacher Agenda-21-Gruppe wohl niemals einen früheren Müllberg bei Ipsheim mit Solarpanelen zupflastern können.

Und ohne Kontakte nach Spalt wäre wohl auch das zweitgrößte Projekt der BrEiSch GmbH, wie die Firma der drei Energiewende-Enthusiasten heißt, nichts geworden. Im Spalter Gewerbegebiet Hügelmühle ziert seit dem Vorjahr ebenfalls eine 750 kW/p-PV-Anlage eine dortige frühere Bauschutt-Deponie.


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Dass er neben der Bechhofener Deponie erstmals einen Acker mit einem Sonnenkraftwerk mehr oder weniger zubaut und damit für mindestens 20 Jahre aus der Nahrungsmittelproduktion herausnimmt, bereitet Josef Brändl keine großen Kopfschmerzen. Es handle sich dabei um ein "benachteiligtes Gebiet", wie das im Ausschreibungstext der Bundesnetzagentur heißt. Das bedeutet: Nahrungsmittelproduktion schon, aber die Erträge waren auf sandigem Boden sehr schlecht. "So hoch war letztes Jahr der Mais gestanden", berichtet Brändl und hält die Hand knapp über Kniehöhe.

Auf die Größe kommt es an

Bis eine Freiflächen-PV-Anlage steht, vergeht viel Zeit und Verwaltungsaufwand. Wenn alle Genehmigungen zur Hand sind, muss der Investor ja noch eine Baufirma verpflichten. "Size matters" heißt da längst die Devise. "Größe zählt". Für eine Ein-Megawatt-Anlage findest du heutzutage fast keinen mehr, der das macht", berichtet Josef Brändl. "Oder nur zu einem solchen Preis, dass sich die Anlage niemals rentiert."


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In Bechhofen ist seit einigen Wochen eine Rosenheimer Firma samt polnischem Subunternehmer im Einsatz, im April oder Mai sollen die ersten Kilowattstunden durchs Netz rauschen. Wenn es so weit ist, müssen Josef Brändl, Thomas Einzinger und ihr Kompagnon nicht mehr ganz so oft vorbeischauen wie jetzt. Solange nichts kaputt geht, müssen sie dann höchstens noch vier oder fünf Samstage pro Jahr investieren: fürs Rasenmähen. Josef Brändl freut sich schon drauf: "Für uns ist das nach wie vor so etwas wie ein erweitertes Hobby."

ROBERT GERNER

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