Von Söder geschasster Corona-Berater: "Wir könnten schon öffnen"

16.2.2021, 06:05 Uhr
Nach wie vor sind Restaurants auch in Bayern geschlossen. 

Nach wie vor sind Restaurants auch in Bayern geschlossen.  © Boris Roessler, dpa

Herr Lütge, der Ethikrat ist bislang nicht sonderlich aufgefallen. Wie oft haben Sie getagt in den vergangenen Monaten?

Christoph Lütge: Einmal. Er wurde im Oktober einberufen, im Dezember haben wir Geschäftsordnungsfragen besprochen. Wir haben inhaltlich – wir hatten inhaltlich noch nicht viel geredet.


"Offenbarungseid": Söder erntet scharfe Kritik von Ethik-Professor


Hat Ihnen Ministerpräsident Markus Söder mitgeteilt, dass er Sie nicht mehr in seinem Gremium haben will?

Nein, das war ein Brief der Staatskanzlei.

Wie hat sie das begründet?

Gar nicht. Da stand nur drin, dass diese Mitgliedschaft beendet ist, mehr nicht. Es ist das gute Recht der Staatsregierung, dass sie in den Ethikrat beruft, wen sie sich wünscht. Aber natürlich stellt sich für mich und offensichtlich auch für andere die Frage, ob das sinnvoll ist gerade bei einem Ethikrat, der eine unabhängige und kritische Stimme erheben soll. Das ist für mich schon fraglich, ob das zusammenpasst.

War bis vor kurzem Teil des Ethikrates: Christoph Lütge. 

War bis vor kurzem Teil des Ethikrates: Christoph Lütge.  © Jan Scheutzow, dpa

"Ich bekomme viel Zuspruch"

Nun gelten Sie als besonders kritische Stimme, wenn es um die Corona-Maßnahmen geht. Sie nehmen auch innerhalb der TU München eine Sonderrolle ein.

Ja, aber ich bekomme eine Menge Zuspruch über alle Fakultäten hinweg, auch aus naturwissenschaftlichen, technischen, medizinischen Bereichen. Die Kollegen äußern sich nicht öffentlich, privat schon.

Sie kritisieren die Maßnahmen vehement. Was stört Sie daran, wie gegen die Pandemie vorgegangen wird?

Ich kritisiere seit Langem die Verhältnismäßigkeit. Für mich war das der Punkt, an dem ich mich dezidiert geäußert habe, als Mitte Dezember der harte Lockdown beschlossen worden ist. Das Jahr über hatte die Politik erklärt, sie wolle ihn vermeiden. Dann kam er doch. Für mich war das der Offenbarungseid der Corona-Politik. Schließlich haben alle bis zu Gesundheitsminister Jens Spahn erklärt, ein Lockdown bringe nichts. Plötzlich war das anders.

Was sind aus Ihrer Sicht die Folgen?

Das Vertrauen in die Politik schwindet, es beschädigt ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig. Das lässt sich auch in den Zahlen ablesen. Der Deutschlandtrend belegt, wie die Zustimmung zur Corona-Politik abgenommen hat seit Dezember. Jetzt sind die Gegner der Maßnahmen in der Mehrheit. Und es wird nicht besser. Aktuell verändert die Politik die Kriterien erneut und wechselt vom Inzidenzwert 50 auf den Wert 35. Das ist eine willkürliche Festlegung.

Die Befürworter eines Lockdowns argumentieren, dass die Inzidenzwerte sinken, weil es den harten Lockdown gibt.

Wäre der Lockdown der Grund für das Sinken der Zahlen, hätte das viel früher geschehen müssen. Ich rate zum Vergleich mit Ländern, die keinen Lockdown verhängt haben. Ich muss da immer wieder an Schweden erinnern. Dort gehen die Zahlen im gleichen Maß nach unten wie bei uns. In Florida in den USA läuft es genauso. Oder in der Schweiz. Es gibt etliche Beispiele, die das belegen. Das muss man zur Kenntnis nehmen, das sind harte Fakten. Wer sie ignoriert, ist nicht mehr wissenschaftlich unterwegs.

Wenn Sie schon die USA als Vergleich bemühen: Dort liegt die Todesrate um ein Vielfaches über der bei uns.

Wenn ich dort die Zahlen genau analysiere, stelle ich zum einen fest, dass die USA sehr viel mehr Menschen als Corona-Opfer erfasst. In die Statistik fließen dort auch Verbrechensopfer ein, die positiv getestet werden. Ich kann aber auch innerhalb der USA nachvollziehen, ob die Maßnahmen greifen. Florida hat sehr früh gelockert und im September die Beschränkungen weitgehend aufgehoben. Kalifornien hat das Gegenteil getan und den Lockdown im Dezember verschärft. Heute steht Florida besser da.

"Ich würde öffnen"

Sie würden tatsächlich alles öffnen und die Maskenpflicht abschaffen?

Nicht alles sofort und gleichzeitig, auch ich bin grundsätzlich für Stufenpläne. Aber mir sind die Etappen zu lang bei uns. Und ja, auch die Maskenpflicht braucht ein Ablaufdatum. Für mich spricht nichts dagegen, wenn wir Einrichtungen mit einem überzeugenden Hygienekonzept jetzt öffnen. Das betrifft Fitnessstudios, Restaurants, Hotels. Dort stecken sich die Leute fast nie an, das wissen wir inzwischen. Pandemie-Bekämpfung funktioniert nicht in der Breite. Sie muss gezielt dort eingreifen, wo Probleme entstehen.



Wie erklären Sie sich, dass eine Mehrheit der Wissenschaftler aus Medizin, Virologie, Epidemiologie das völlig anders beurteilt und den Lockdown befürwortet?

Wenn in der Wissenschaft die Mehrheitsmeinung ausschlaggebend wäre, hätte es nie einen Darwin oder einen Tesla gegeben. Ich bezweifle aber, dass das wirklich die Mehrheitsmeinung ist. Ich höre von vielen Medizinern und Mikrobiologen, wie absurd die Corona-Politik sei. Sie sagen es nur nicht öffentlich. Corona ist kein rein medizinisches, sondern ein komplexes interdisziplinäres Phänomen. Das muss man endlich verstehen.

Wie sehr enttäuscht Sie Ihr Rauswurf aus dem Ethikrat?

Für mich spielt das keine große Rolle. Ich werde meine Ansichten weiter vertreten. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht das Vertrauen in unabhängige Wissenschaft beschädigen. Da sehe ich schon Defizite. Ich bin der Meinung, wir als Professoren müssen mehr riskieren. Wir müssen unabhängigen Rat geben. Wenn das nicht gewährleistet ist, ist das bedenklich.

Es ist ungewöhnlich, dass eine kritische Stimme aus einem Rat entfernt wird.

Das finde ich schon auch befremdlich. Ich war in einer ganzen Reihe nationaler und internationaler Ethikkommissionen. So etwas ist mir bisher noch nicht untergekommen.

"Die Politik kann nicht mehr steuern"

Was ist ein Rat wert, der nur einmal tagt für die Formalien?

Die stehen immer am Anfang. Allerdings sollte man dann schon weiterkommen. Der Rat war an sich keine schlechte Idee, der über die üblichen bio- oder medizinethischen Fragen hinausgehen sollte. Wenn aber im Moment nur ein Thema die Gesellschaft beschäftigt, muss sich ein Ethikrat natürlich dazu äußern.

Wie haben die anderen Mitglieder des Ethikrates reagiert?

Ich bin mit mehreren im Gespräch. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Ist das ein Zeichen für eine wachsende Nervosität in der Politik?

Das muss man so sehen. Viele Menschen in diesem Land, auch wirklich wohlwollende, merken, dass irgend etwas nicht mehr stimmt. Sie erleben, dass die Politik plötzlich die Kriterien ständig verändert, nicht mehr berechenbar ist und keine Perspektive bietet. Sie nimmt nur noch einen Standpunkt wahr, blendet die Kollateralschäden aber aus. Da entsteht Druck, den die Politik viel zu lange ignoriert hat.

Wollen Sie ernsthaft, dass die Politik jetzt den Kurs wechselt – und auch noch all jene enttäuscht, die die Maßnahmen für richtig halten?

In anderen Ländern passiert das bereits. Teils machen das die Parlamente, teils rebelliert auch die Bevölkerung, wie in Polen. Die Politik glaubt, dass sie noch steuern kann. Das ist eine Illusion, sie wird den Lockdown nicht mehr ewig fortsetzen können. Warum die Friseure noch zwei Wochen geschlossen bleiben müssen, ist nicht vermittelbar. Oder warum seit Monaten die Restaurants geschlossen sind. Wir wissen aus dem Lockdown light, dass sie nicht der Ausgangspunkt für Infektionen waren. Trotzdem sind sie seit viereinhalb Monaten zu. Die anderen Länder machen auf.

Aber niemand weiß, mit welchen Folgen.

Das wird seit Monaten so behauptet, dass die Zahlen steigen, sobald wir öffnen. Die Erfahrungen geben das aber einfach nicht her. Und Länder wie Schweden, die Schweiz oder Florida belegen das Gegenteil.