Zweite Corona-Welle? Erlanger Professor über das Risiko

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Erik Stecher

Politikredaktion NZ

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21.7.2020, 17:49 Uhr
Ein Impfstoff ist noch nicht in Sicht, aber die Hoffnung auf eine dauerhafte Wirkung steigt wieder. Und beim Thema Corona-Tests geht Bayern in die Offensive - was aber für viel Kritik sorgt.

Ein Impfstoff ist noch nicht in Sicht, aber die Hoffnung auf eine dauerhafte Wirkung steigt wieder. Und beim Thema Corona-Tests geht Bayern in die Offensive - was aber für viel Kritik sorgt. © Hans Klaus Techt, dpa

Eine deutsch-chinesische Studie deutet auf eine längerfristige Immunität nach einer überstandenen Infektion hin. Erst kürzlich wurde aber ein Testergebnis veröffentlicht, demzufolge die Zahl der Antikörper schnell zu sinken scheint. Wie passt das zusammen?

Prof. Bernhard Fleckenstein: Um sich auf Antikörpertests verlassen zu können, brauchen wir die Sicherheit, dass sie funktionieren und dauerhaft positiv bleiben. Das ist eine schwierige Frage, denn Antikörpertest ist nicht gleich Antikörpertest. Es kommt darauf an, welche Antigene man verwendet.


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Jedes Virus hat viele Antigene, die einen sind mehr erhalten, die anderen weniger, deshalb bleiben die Antikörper im einen Fall nachweisbar und im anderen nicht. Das alles muss man herausarbeiten. Wir kennen das Virus erst seit einigen Monaten und müssen weiter lernen.

Das Testergebnis mit den schwindenden Antikörpern hatte viele beunruhigt. Auch hinsichtlich der Suche nach einem Impfstoff. Aber man kann länger immun sein, auch wenn ein Test nach einer Weile keine Antikörper mehr anzeigt?

Fleckenstein: Genau, so könnte es sein. Es bleibt auch die Hoffnung, dass ein Impfstoff eine Immunität bieten kann, die nicht schon nach wenigen Monaten wieder verschwindet. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, wie ein Impfstoff aussehen könnte, wir wissen noch überhaupt nicht, was da zur breiten Anwendung geeignet sein wird. Alles, was darüber jetzt schon konkret gesagt wird, etwa über die Dauer der Herstellung oder der Wirksamkeit, ist derzeit noch völlig müßig.

Wir wissen es alle nicht. Ich halte es aber für sehr unwahrscheinlich, dass es einen breit anwendbaren Impfstoff schon in der kommenden kalten Jahreszeit gibt – die möglicherweise zusätzliche Risiken bringt. Wir haben aber gute Chancen, dass sich in den nächsten Monaten die Therapiemöglichkeiten so signifikant verbessern, dass das Problem beherrschbarer wird.

Blick mit Sorge auf November: Zweite Corona-Welle?

Auch ohne Impfung werden viele Menschen vom Virus verschont, obwohl sie sich in heikler Umgebung aufhalten.

Fleckenstein: Es gibt immer eine Obergrenze für die Zahl derer, die infiziert sind. Das hat man bei den Arbeitern in der Tönnies-Fleischfabrik gesehen. Da sind auch nicht alle infiziert worden, obwohl sicher alle exponiert waren. Das bleibt in einer Größenordnung von etwa 20 Prozent, und andere infizieren sich nicht. Es gibt wahrscheinlich eine Mehrheit von Menschen, die nicht so ohne weiteres infizierbar sind. Das ist alles relativ, es kommt immer auf die Stärke der Exposition an, aber dazu gibt es interessante Beobachtungen und viele Umgebungsstudien.


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Da hat sich dann zum Beispiel ein Vater infiziert, er ist in einem normalen Familienleben mit Frau und Kindern maximal infektiös, und die restliche Familie bleibt gesund. Aber das Infektionsrisiko steigt mit der Stärke der Exposition, wie das Beispiel Skihütte zeigt: Wo auf hundert Quadratmetern hundert Leute sind und singen, da sind es eben nicht ein oder zwei Prozent, die sich infizieren, sondern 40 Prozent. Aber selbst da ist es so, dass die Mehrheit sich letztlich nicht infiziert.


Das hört sich halbwegs beruhigend an.

Fleckenstein: Ja, ich habe auch immer versucht, mich damit zu beruhigen. Trotzdem bin ich heute weniger beruhigt als vor zwei Monaten. Gerade, wenn ich mir die Zahlen der WHO ansehe. Es sah so aus, als würde die Infektionskette in Deutschland abbrechen. Doch jetzt sind wir mitten in der Sommersaison, und die Zahl geht trotzdem nicht mehr zurück, wir haben immer noch jeden Tag um die 400 Fälle von Neuinfektionen. Das finde ich beunruhigend, und ich blicke mit Sorge auf den kommenden November, wenn die Erkältungszeit kommt und die Leute viel mehr in Innenräumen sind. Und dann die schreckliche Lage in den USA! Die internationale Entwicklung ist besorgniserregend, und wir sind ja keine isolierte Insel. Vor zwei Monaten hatte ich eine zweite Welle hier für eher unwahrscheinlich gehalten, aber wir sind noch nicht auf der sicheren Seite.

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Immerhin ist die Zahl der Todesfälle aktuell sehr niedrig, sie liegt pro Tag nur im einstelligen Bereich. Trotzdem gibt es weiterhin die Diskussion, ob man bei relevanten Vorerkrankungen überhaupt von Corona-Toten sprechen kann, und ob die Menschen an oder mit Corona sterben.

Fleckenstein: Manche sagen, ein Patient wäre sowieso gestorben und die Todesursache sei auch nicht Corona, sondern etwa ein Herzinfarkt. Es ist ein logischer Fehlschluss, hier Unterschiede machen zu wollen, ob jemand an oder mit Corona stirbt. Natürlich gibt es viele Patienten mit hohen Risikofaktoren, die mit gewisser Wahrscheinlichkeit auch sonst relativ bald gestorben wären. Doch es ist Spekulation, wie lange jemand noch gelebt hätte. Und es ändert nichts daran: Wer mit Corona stirbt, bei dem war das Virus mit großer Wahrscheinlichkeit der aktuelle Auslöser für den Tod. Anders würde die Statistik ja gar nicht passen, wenn man etwa auf die Länder mit vielen Todesfällen blickt: Warum sollten so viele Leute, die sterben, nur ganz zufällig gerade auch noch eine Virusinfektion haben?


Sie hatten im Frühling einen Aufruf der Virologischen Gesellschaft mitverfasst, in dem mehr Corona-Tests gefordert wurden. Jetzt will Bayern für jedermann Tests auf akute Infektionen anbieten, was prompt auf Kritik stößt. Sind Sie mit dem bayerischen Weg zufrieden?

Fleckenstein: Ja. Die maximale Infektiösität besteht ja zu dem Zeitpunkt, wenn die ersten Symptome entstehen, und auch schon kurz davor. Wir müssen also schnell zu einem Testergebnis kommen, noch am selben Tag. Es ist absolut wichtig, dass die diagnostische Infrastruktur immer weiter verbessert wird. Vor drei Monaten hatten wir noch die Situation, dass wir die Basis nicht überstrapazieren wollten und nur getestet haben, wo ein ernsthafter Verdacht war. Heute sind wir viel weiter und können auch Personen testen, bei denen die Wahrscheinlichkeit weniger hoch ist.

Arztpraxen in der Erkältungszeit

Gerade das wird aber als Gießkannenprinzip kritisiert, zudem fürchtet man viele überflüssige Tests für Hypochonder.

Fleckenstein: Wenn jemand einen Verdacht hat, dass er sich angesteckt hat, dann ist es sinnvoll, ihn zu testen. Vielleicht wird man zum Teil auch von Hypochondern strapaziert. Aber es sind doch nicht die Hypochonder, die alles dominieren. Natürlich ist es auch wichtig, dass Personen und Berufsgruppen mit vielen sensiblen Kontakten getestet werden. Wie das etwa bei den Ärzten und auch bei der Aufnahme neuer Patienten am Klinikum Erlangen der Fall ist. Aber das eine soll das andere nicht ausschließen, das Angebot zum Test soll jedermann offenstehen.


Viele Hausärzte fürchten, dass ihre Praxen überrannt werden, insbesondere wenn die Erkältungszeit kommt.

Fleckenstein: Wir müssen natürlich die Infrastruktur verbreitern. Dazu gehört, dass man nicht nur zum Hausarzt gehen kann, sondern auch zu öffentlichen Einrichtungen oder mobilen Teststationen. In der Arztpraxis bedeutet ein Abstrich oder Gurgeln für einen Test eher wenig Zeitaufwand, es kommt da mehr auf die Kapazitäten der diagnostischen Labors an. Und die werden das schaffen. Natürlich kostet das alles Geld. Aber was haben wir denn der Epidemie sonst entgegenzusetzen als Wissen? Und die Erkenntnisse kommen aus der Diagnostik. Das Kostenargument überzeugt hier nicht: Es sind unvorstellbare wirtschaftliche Verluste durch diese Viruskrise entstanden, so etwas hat es noch nie gegeben. Das Geld für die Diagnostik zur Krisenbekämpfung ist gut investiert.