2:16: Darum hat Deutschland gegen Kanada so hoch verloren

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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27.12.2020, 17:34 Uhr
Arno Tiefensee vertändelte hinter dem Tor den Puck, wenig später lagen beide im Tor.

Arno Tiefensee vertändelte hinter dem Tor den Puck, wenig später lagen beide im Tor. © Foto: Codie McLachlan/afp

In dem fünfminütigen Zusammenschnitt wurde diese Szene dreimal gezeigt. Selbst in der rauen Sportartart Eishockey werden Spieler schließlich nicht regelmäßig kopfüber über die Bande gecheckt. Genau das aber passierte Bowen Byram in der 36. Minute dieses seltsamen Spiels. Auch ansonsten konzentrierte sich der Sender TSN vor allem auf den deutschen Spieler, der Byram kurz einmal umgedreht hatte. Viel Aufmerksamkeit für Tim Stützle, dessen Mannschaft gerade eben 2:16 gegen Kanada verloren hatte, ja, genau, zwei zu sechzehn.

Die Junioren-WM hat einen höheren Stellenwert als die WM der Erwachsenen

In Edmonton wird seit dem ersten Feiertag die U20-Weltmeisterschaft ausgetragen, trotz Pandemie. Die Junioren-WM hat im Welteishockey einen höheren Stellenwert als die WM der Erwachsenen im Mai. In Kanada kommt der Weihnachtsmann nachts, nach der Bescherung am Vormittag versammeln sich die Familien vor dem Fernseher, um in die Zukunft des Lieblingssports zu blicken und um die Mannschaft mit dem Ahornblatt auf der Brust siegen zu sehen. Fernsehsender wie TSN zahlen viel Geld dafür, das Turnier übertragen zu dürfen. Gerade deshalb hat ein zweifelhafter Weltverband wie der IIHF, der auch weiterhin darauf besteht, die WM im Mai bei einem Diktator in Weißrussland zu veranstalten, keine Sekunde darüber nachgedacht, das Turnier abzusagen.

Und deshalb haben junge Männer im Dezember das gemacht, was man nicht machen soll: Sie sind in Flugzeuge gestiegen, um das Weihnachtsfest mit anderen jungen Männern in feuchten Kabinen und auf dem Eis zu verbringen. Das war der Plan. Die Realität sieht gerade für die deutschen Nationalspieler ganz anders aus.

Tobias Ancicka hätte in Edmonton im Tor stehen sollen, weil er sich vor der Abreise noch mit Sars-CoV-2 infiziert hatte, musste er ebenso wie sein Berliner Kollege zu Hause bleiben. Florian Bugl hätte Ancicka in Edmonton vertreten sollen, sein Test vor der Abreise war negativ, sein Test nach der Ankunft in Kanada positiv.

Ice Tigers: "Wir werden Spiele gewinnen"

Seitdem ist Bugl in einem Hotelzimmer isoliert, es geht ihm gut, er macht Yoga, um sich nicht zu sehr zu belasten, während seine Familie in Landshut Weihnachten feiert und seine Kollegen nebenan im Rogers Place Eishockey spielen. 14 Spieler sind für das Auftaktspiel gegen Finnland übriggeblieben. Trainieren durften sie zuvor nicht. Trotzdem reichte es für ein respektables 3:5. 24 Stunden später aber warteten die ausgeruhten Gastgeber – es musste in einer historischen Niederlage enden.

Checks auf der Talentmesse für die NHL

Zunächst hielt die Mannschaft von Cheftrainer Tobias Abstreiter ordentlich mit, aber weil Torhüter Arno Tiefensee dem Niveau an diesem Tag nicht gewachsen war, stand es 1:4 nach 20 Minuten. Tiefensee wurde erlöst, Jonas Gähr aber machte die selben Fehler und kassierte alleine im zweiten Abschnitt sieben Gegentore. Ausreden hätte es gegeben.

Die Leistungsträger aber waren trotzdem sauer. Die U20-WM ist für die Manager der NHL eine Art Messe, bei der sich Talente für den nächsten Draft präsentieren, oder Talente beweisen, warum sie beim letzten Draft früh, später oder gar nicht genommen wurden. Deshalb lag der Fokus auf Stützle, für den sich die Ottawa Senators an Position drei entschieden hatten. Trotz der individuellen Erfolge von Leon Draisaitl gilt das immer noch als Risiko, weil sich ein 17-Jähriger wie Stützle in der DEL zwar gegen die Ice Tigers durchsetzen kann, dass aber nicht bedeutet, dass er dazu auch in der NHL in der Lage ist.

Auch deshalb schien Stützle seinen Frust in harte Checks um, Byram flippte er über die Bande. "Inakzeptabel", nannte der Kapitän den Auftritt seines Teams. Ihm selbst hat das nicht geschadet.

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