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Die goldene Handball-Ära des TSV Zirndorf

Anekdoten und Erfolge der 60er-Jahre: Ex-Spieler und -Funktionär Heinz Vogel erinnert sich - 25.11.2020 15:51 Uhr

Die Zirndorfer Buben in Aktion: Der Jahrhundertsturm hieß so, weil die fünf Stürmer zusammen nur 100 Jahre alt waren.

24.11.2020 © Foto: Hans-Joachim Winckler/Archiv Heinz Vogel


Die Uhr in der Killesberger Messehalle in Stuttgart zeigt mittlerweile 2230 Uhr an. Der Schweiß eines ganzen Tages, egal ob er vom Parkett oder von den Rängen kommt, hängt in der Arena. Doch eine letzte, unerwartete Pointe hält die Süddeutsche Regionalmeisterschaft 1966 im Handball noch bereit, eine, mit der keiner rechnet.


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Es geht um nicht weniger als den Aufstieg in die Bundesliga. Mittendrin: der TSV 1861 Zirndorf. Drei Mannschaften sind punktgleich, darunter auch die Bibertstädter und Rekordmeister Göppingen. Nach kurzer Beratung setzt die Turnierleitung zehnminütige Entscheidungsspiele an, das Licht in der Halle brennt nur noch mit halber Glühbirne.

Außenseitersieg gegen Rekordmeister Göppingen

Die Zirndorfer haben kurz vor Mitternacht als klare Außenseiter in einem Spiel gegen die großen Göppinger plötzlich die Sensation in der Hand. "Wir hatten schon längst unsere Bratwürste und Bier im Magen, als es hieß, dass wir noch mal ein Spiel haben und aufs Feld sollen", erinnert sich Heinz Vogel (87), damals Spieler und in Zirndorf zwei Jahrzehnte lang der Macher im Handball.

Angepeitscht von den Stuttgartern, gelingt der Coup: Ein paar Sekunden vor dem Ende wirft Walter Rauscher das 9:8 für den TSV, das die Zirndorfer in die Bundesliga hievt und den Rekordmeister Göppingen entsetzt. In der Folge klingelt in Zirndorf öfters mal der Telefonapparat mit erbosten Schwaben am anderen Ende der Leitung. "Wir haben richtige Drohanrufe bekommen, interessiert hat uns das nicht", sagt Vogel schmunzelnd.

Sieg gegen den Club

Der Aufstieg in die Bundesliga ist der Höhepunkt der Zirndorfer Erfolgsgeschichte im Handball, eines Weges, der schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann: "Schon seit 1951 hatten wir eine richtig gute Truppe zusammen und sind Nordbayerischer Meister mit der A-Jugend geworden", erzählt Vogel. Im selben Jahr gelingt der ersten Mannschaft der Aufstieg in die Bayernliga, die erfolgreiche A-Jugend rückt auf.


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Schon zwei Jahre später sorgt die "Zirndorfer Buben" genannte Truppe erneut für Aufsehen. Den "NN-Pokal" holen sie mit einem Sieg gegen den Favoriten 1. FC Nürnberg. "Wir wurden damals als Jahrhundertsturm bezeichnet, weil unsere fünf Stürmer zusammen nur 100 Jahre alt waren", lacht der Zirndorfer. "Wir waren eine blutjunge Truppe, die den Favoriten eins ausgewischt hat."

Zu beinahe jedem Foto kann Heinz Vogel eine Anekdote erzählen. Der 87-Jährige erlebte als Spieler die starken 60er-Jahre des TSV Zirndorf. Als Funktionär setzte er sich im Jahr 2000 für die Fusion mit dem ASV ein.

24.11.2020 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Der TSV profitiert von einer guten Jugendarbeit, fast die gesamte Mannschaft besteht aus Eigengewächsen. "Wir haben uns alle gekannt und sind bis heute befreundet", hebt der Linksaußen eine Zutat des Erfolgsrezeptes hervor. "Außerdem haben wir alle für den Handball gelebt, das war unsere große Leidenschaft."

Für ein Spiel aus dem Urlaub

Selbst den Urlaub unterbrechen einige Spieler, fahren für ein Spiel in die Heimat und zurück. "Als unser Torhüter Vater wurde, haben wir eben kurz nach der Geburt ihn, seine Frau und das Kind mit auf die Fahrt nach Österreich eingepackt und zwischendrin beim Wickeln geholfen. Wir haben unseren Torhüter ja gebraucht, sonst hätten wir nicht spielen können."

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Die Leidenschaft trägt Früchte. 1955 und 1956 werden die Zirndorfer Bayerischer Meister, fahren auch nach Hamburg zur Deutschen Meisterschaft – die ganze Nacht hindurch im Schlafwagen der Bahn. Es ist ein stetiger Aufstieg, der die Handballer schließlich zur Süddeutschen Regionalmeisterschaft 1966 nach Stuttgart führt. Zwar spielt der TSV nur 1966/67 in der Bundesliga – mittlerweile ist auch Göppingen aufgestiegen –, doch die 61er halten sich erfolgreich eine Spielklasse tiefer, in der Bayernliga.

Das mobilisiert die Massen: Bis zu 3000 Zuschauer kommen in die Jahnstraße, um die Handballer draußen auf dem Großfeld zu sehen, in der Halle sind es immerhin 500 bis 1000. Apropos Halle: Erst ab 1974 hatte der TSV eine moderne Heimat, als der Verein in Eigenregie aus der alten Jahnhalle die heutige errichtete.

Training in der stinkenden Viehmarkthalle

Der langjährige Abteilungsleiter Vogel erinnert sich: "Uns hat zunächst eine feste Halle gefehlt. Wir haben in der Flugzeughalle in Nürnberg, in der Kaserne der Bundeswehr und sogar in der Viehmarkthalle in Ansbach gespielt. Da hast du hinterher immer gestunken, weil dort die Schweineaufzucht war."

Bei den Trainingseinheiten bewiesen sie viel Improvisationskunst. "Wir haben meist draußen trainiert, vor allem Kondition. Zur Abwechslung hat jeder einen Vereinskameraden huckepack die steile Heimgartenstraße nach oben geschleppt und wieder runter."

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Erst in den 90er-Jahren bleibt der Erfolg aus, es geht runter in die Bezirksoberliga. Die Zuschauer werden weniger und in Vogel reift nach einer Pause der Gedanke: warum nicht mit dem Ortsrivalen ASV Zirndorf gemeinsame Sache machen? Besonders die Damen des ASV spielen in den 90ern erfolgreich.

So entsteht im Millenniumsjahr die HG Zirndorf 2000, ein Gewinn für beide Vereine. Einen Höhepunkt setzt das Damen-Team 2016. Vor 1000 Zuschauern gelingt der Aufstieg in die 3. Liga. Auch das bleibt zwar ein kurzes Intermezzo, doch es zeigt: Der Zirndorfer Handball hat eine große Geschichte, doch genauso eine Zukunft. Nur huckepack die Heimgartenstraße müssen sie nicht mehr hochlaufen.

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