2:2 gegen Ungarn - und weiter

Gott sei Dank, Goretzka! DFB-Elf quält sich ins Achtelfinale

24.6.2021, 05:22 Uhr
Immerhin! Leon Goretzka sicherte Deutschland gegen Ungarn ein Remis - und so das Weiterkommen.

Immerhin! Leon Goretzka sicherte Deutschland gegen Ungarn ein Remis - und so das Weiterkommen. © Christian Charisius/dpa

Den geplanten Besuch des EM-Spiels seiner Nationalmannschaft in München hatte Viktor Orban kurzfristig abgesagt. Vermutlich dürfte der ungarische Ministerpräsident keine große Lust verspürt haben auf die erwartbaren Proteste gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten in seinem Land; auch ohne die von der Uefa verbotene Beleuchtung der Arena in den Regenborgenfarben war die Botschaft für Toleranz und Gleichberechtigung an diesem Fußballabend in Fröttmaning dank kreativer, auffallend bunter Fans allgegenwärtig.

Ein "Flitzer" und England

Ein "Flitzer" hatte es sogar während der ungarischen Nationalhymne samt Regenbogen-Flagge auf das Spielfeld geschafft. Vielleicht hatte Orban aber auch geahnt, dass die Reise nach Deutschland aus sportlicher Sicht kein großes Vergnügen werden würde. Auch wenn sich der Außenseiter der Gruppe F, der immerhin Weltmeister Frankreich ein 1:1 abgetrotzt hatte, beim 2:2 erneut sehr achtbar geschlagen hatte, ist das Turnier für ihn beendet. Die diesmal fahrige DFB-Auswahl hingegen zitterte sich gerade so ins Achtelfinale, wo sie als Gruppenzweiter nun am 29. Juni in London auf England trifft.

Bundestrainer Joachim Löw hatte seine Startelf im dritten Gruppenspiel erstmals verändert, allerdings nicht ganz freiwillig: Im Falle des angeschlagenen Thomas Müller (Knieverletzung) wollte der Bundestrainer zunächst kein Risiko eingehen. Die vakante Stelle des Routiniers in der offensiven Dreierreihe übernahm etwas überraschend nicht Leon Goretzka, sondern dessen Münchner Kollege Leroy Sané; die grundsätzliche taktische Ausrichtung im DFB-Team blieb also gewahrt. "Ich glaube, dass der Leroy auf diese Chance brennt", erklärte Löw vor dem Anstoß im ZDF seine Entscheidung für den 25-Jährigen.

Fritz-Walter-Wetter in Fröttmaning

Im ersten Pflichtspiel gegen Ungarn seit dem "Wunder von Bern" im WM-Finale 1954 - passend zur historischen Konnotation hatte vor dem Anpfiff ein heftiger Gewitterschauer ganz stilecht für "Fritz-Walter-Wetter" gesorgt -, übernahm der dreifache Europameister mit dem Rückenwind des 4:2 gegen Portugal gleich das Kommando und erspielte sich auch die erste Gelegenheit, doch scheiterte Joshua Kimmich aus spitzem Winkel an Peter Gulacsi (6.). Wie schon gegen Portugal ließ sich die deutsche Mannschaft dann mit der ersten Chance des Gegners überrumpeln. Der Freiburger Roland Sallai durfte aus dem rechten Halbfeld ungestört flanken und fand in der Mitte den Mainzer Adam Szalai, der Mats Hummels entwischt war und Manuel Neuer mit einem platzierten Kopfballaufsetzer überwand (11.).

Der gefürchtete Fanblock der Ungarn, die Abstandsregeln und Maskenpflicht geflissentlich ignorierten, schien förmlich zu explodieren. Die DFB-Elf brauchte ein bisschen, um diesen unerwarteten Nackenschlag zu verdauen, riss dann aber wieder das Geschehen an sich. Ein Kopfball von Hummels klatschte an die Latte (21.), Sekunden später konnte Matthias Ginter Gulacsi aus kurzer Distanz nicht wirklich erschrecken (22.). Zugleich musste die deutsche Defensive bei den Kontern der Magyaren stets auf der Hut sein.

Fadenverlust im Dauerregen

Als dann Sturmböen durch die Arena peitschten und Starkregen viele Zuschauer von ihren Plätzen flüchten ließ, drohte Löws zu fahrige Elf immer mehr den Faden zu verlieren. Zur Pause war Deutschland ausgeschieden. Es drohte: ein Nervenspiel.

Auch nach dem Wechsel war die DFB-Auswahl optisch präsenter, rannte aber viel zu kopflos an. Löw brachte Goretzka für Gündogan (58.), auch er konnte dem deutschen Spiel aber nicht die nötigen Impulse geben. Die Zeit lief davon gegen leidenschaftlich verteidigende Ungarn - dann sorgte ein Fehler von Gulacsi für Hoffnung. Nach einem Freistoß von Toni Kroos faustete der für RB Leipzig spielende Keeper am Ball vorbei, Hummels' Kopfball-Bogenlampe senkte sich in Richtung, Tor, Kai Havertz vollendete zum 1:1 (66.).

Schäfer, ein abgefälschter Schuss und (noch) kein unrühmliches Ende

Die Erleichterung währte aber nur kurz, denn direkt nach dem Anstoß schlug Ungarn eiskalt zurück: Andras Schäfer schüttelte nach Pass von Adam Szalai Sané ab und nickte den Ball vorbei am herausstürmenden Neuer zum 2:1 ins Tor (68). Als Kroos eine gute Chance vergeben hatte (80.), schien das Ende nahe. Dann nahm sich Goretzka im Strafraum ein Herz, traf mit einem abgefälschten Schuss doch noch zum 2:2 (84.) und bewahrte den DFB vor einem unrühmlichen Ende der Ära Löw.

Deutschland: Neuer - Ginter (83. Volland), Hummels, Rüdiger - Kimmich, Gündogan, Kroos, Gosens (82. Musiala), Havertz (68. Werner), Sané - Gnabry (67. Gnabry)

Ungarn: Gulacsi - Botka, Orban, Szalai - Nego, Fiola (88. Nikolics), Nagy, Kleinheisler (88. Lovrencsics), Schäfer - Szalai (82. Varga), Sallai (75. Schön)

Tore: 0:1 Szalai (11.), 1:1 Havertz (67.), 1:2 Schäfer (68.), 2:2 Goretzka (84.) | Gelbe Karten: Gündogan, Goretzka - Botka, Fiola, Szalai | Schiedsrichter: Karasev (Russland) | Zuschauer: 12.926.

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