36:38-Spektakel gegen den Branchenprimus

Starker HCE ärgert sich gegen Magdeburg schwarz - und ist stolz auf sich

Andreas Pöllinger
Andreas Pöllinger

Sport-Redaktion

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7.5.2022, 22:25 Uhr
Emotionaler Abend: Antonio Metzner (links) und Johannes Sellin boten dem SCM im Vorwärtsgang energisch Paroli. 

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink Emotionaler Abend: Antonio Metzner (links) und Johannes Sellin boten dem SCM im Vorwärtsgang energisch Paroli. 

Schwarzsehen, darin stimmten sie vor der neuerlichen Mammutaufgabe gegen Magdeburg beim HC Erlangen überein, müsse man nicht. Zumindest in sportlicher Hinsicht. "Wir wissen, dass wir zu Hause jede Mannschaft schlagen können", sagte vor der Kraftprobe mit dem Klassenprimus Raul Alonso. Mit der Entwicklung seiner Mannschaft, die zuletzt auch eine wohltuende Heimstärke ausgeprägt hat, konnte Erlangens Trainer zuletzt sehr zufrieden sein. Dass diese die drei zurückliegenden Bundesliga-Partien allesamt gewonnen hatte, sollte vor dem Wiedersehen mit dem SCM Sicherheit geben. Und zwei Wochen nach dem 22:30 im Pokalhalbfinale in Hamburg, als der HCE die enorme Qualität des Spitzenteams aus Sachsen-Anhalt anerkennen hatte müssen, die Möglichkeit, das atmosphärische Schwarzsehen in Nürnberg als Spieler und Trainer auch ein Stück weit zu genießen.

Am Ende reicht's nicht ganz

Zusätzliche Motivation für eine dieses Mal erfolgreiche Auseinandersetzung mit Magdeburg gab der wunderbare Rahmen der Black Night, die der HC Erlangen als eindrucksvolle und für die Außendarstellung des Vereins wichtige Veranstaltung bereits in der Hiersemannhalle etabliert hat. Und die seit 2019 pandemiebedingt ausgefallen war.

Beim aus HCE-Sicht leider trotzdem zu konstatierenden 36:38 (18:20) in Nürnberg reichte eine tolle Kulisse und eine tolle Leistung an einem unterhaltsamen Handball-Abend dennoch nicht, um den haushohen Favoriten aus der Börde kleinzumachen.

Vor 5287 in ihrer absoluten Mehrheit schwarz gekleideten Zuschauern, die natürlich Saisonbestwert und laut Geschäftsführer René Selke eine "massive Steigerung zu den letzten Heimspielen" bedeuteten, war der Rauch der tausendfach abgebrannten Wunderkerzen noch nicht verzogen, als der HCE das nächste Feuerwerk zündete. Nachdem Magdeburgs Weber den Querbalken des Erlanger Gehäuses erschüttert hatte, brachte Johannes Sellin die Hausherren früh in Front. Und das Heimpublikum endgültig in Wallung. Im Klatschgewitter parierte Martin Ziemer, der für den von einem Magen-Darm-Infekt flachgelegten Ferlin begann, ein erstes Mal stark, Simon Jeppsson stellte wurfgewaltig auf 2:0.

Der HCE startete wie schon in Hamburg couragiert gegen den SCM. Und konnte sich im Fortlauf der Partie auf Antonio Metzner und Nico Büdel verlassen, die Frankens Handball-Bundesligisten mit ihrem Zug zum Tor zunächst im Vordertreffen hielten. Der SCM aufgrund seiner gnadenlosen Abschlussstärke gegen Erlangen schon zuletzt im Pokal auffällig geworden, antwortete jedoch immer wieder. Und war selbst vorne, als Lukas Mertens in Überzahl für die Gäste traf.

Rasant, umkämpft und ein Hüftwurf kurz vor der Pause

Einen emotionalen Schub erhielt das eh schon emotionale Spiel, als der zuvor ebenfalls treffsichere Sebastian Firnhaber und auch Büdel mit Zeitstrafen belegt wurden. Das Publikum tobte aus Wut. Und tobte kurz darauf vor Begeisterung, als Ziemer mit einer grandiosen Parade Mertens einen weiteren Torerfolg versagte. Es war eine rasante, umkämpfte, nun aber auch immer hektischer werdende Begegnung mit der Mannschaft von Bennet Wiegert, der 2001 als Spieler die bis dato letzte Meisterschaft des Traditionsvereins mitgestaltete. Und 2022 mit ziemlicher Sicherheit Alfred Gislason als bislang letztem Magdeburger Meistertrainer nachfolgen wird.

Zum Faktor für den HCE wurde nun auch immer häufiger Johannes Sellin. Ein Faktor für den HCE blieb Metzner. Erlangen war nun aufgefordert, Antworten zu geben, auszugleichen und dranzubleiben. Etwas, was der Vorzeigeverein der Stadt tat. Durch Zechel, Metzner und in der 21. Minute auch durch Christopher Bissel, der unlängst seinen Vertrag beim HCE langfristig verlängert hat und als Identifikationsfigur mit einem Fan-Transparent geehrt wurde. Rasant gestaltete sich der erste Durchgang bis zu seinem Ende. Der HCE packte in der Deckungsarbeit zu, Bissel stoppte Gisli Thorgeir Kristjansson, hechte nach dem Ball, traf den Innenpfosten. Sellin verkürzte von der anderen Außenposition aus auf 16:17 und 17:18. Wenige Sekunden vor der Pausensirene setzte der Ex-Magdeburger Christoph Seinert mit einem Hüftwurf den 18:20-Zwischenstand in diesen Spielbericht.

In Rückstand mit dem Tabellenführer auseinandersetzen musste sich Erlangen auch in der zweiten Hälfte. Es tat dies im Vorwärtsgang weiterhin couragiert. Und auch gekonnt. Bissel stellte kurz nach Wiederbeginn auf 19:20. Zechel zielte am Kreis abspringend erst zu hoch und dann genau.

Entmutigt? Nein, energisch

Riskant gerieten einige Zuspiele. Riskant blieb auch die kompromisslose Abwehrarbeit, weil Zwei-Minuten-Strafen die rasche Folge waren. Nachdem Steinert die Latte getroffen hatte und auf der Gegenseite Magdeburgs Mike Jensen ins Tor, war der HCE mit 25:29 und damit vier Treffern hinten.

Entmutigen ließen sich die Hausherren davon nicht. Auch weil ihnen die eigenen Fans energisch halfen. Steinert traf nach Kempa-Zuspiel, Zechel weiterhin vom Kreis. In einer nun immer hitziger werdenden Partie beklagten Spieler und Anhänger des HC Erlangen immer wieder Schiedsrichterentscheidungen. Und jubelten, als ein wütender HCE trotzdem herankam. Jeppssons Prachtwurf war in der 51. Minute war gleichbedeutend mit dem 30:32, Sellins Treffer nach Gegenstoß mit dem 31:32. Die Arena? War ein Tollhaus.

Und immer wieder Sellin

"Kämpfen, HC, kämpfen", skandierten die Fans. Und schrien so laut, dass das Hallendach abzuheben drohte, als Ziemer parierte und Overby wenig später der erneute Anschlusstreffer glückte. Die Zuschauer, in schwarz gekleidet, standen. Sellins Tor bedeutete das 34:35, eine weitere Aktion des Rechtsaußen nach Kempa-Zuspiel von ganz hinten fast den Ausgleich (57.). Keiner saß mehr. Magnusson überwand Ziemer vom Siebenmeterstrich, Bissel antwortete. Es lösten sich die Nieten aus dem Hallendach. Am Ende war der HCE wütend auf die Schiedsrichter. Und stolz auf sich. Sellin markierte das 36:37. Zu mehr reichte es trotz einer eindrucksvollen Erlanger Leistung beim 36:38 gegen Magdeburg nicht. Schwarzsehen muss aus sportlicher Sicht deswegen keiner.

HC Erlangen: Ziemer, Sonne-Hansen - Sellin (9), Zechel (6), Steinert (5), Bissel (4), Metzner (4), Jeppsson (3), Büdel (3), Firnhaber (2), Overby (1), Fäth, Link, Jaeger, Leban, Seitz.

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