2:3 in Berlin

Trotz 2:0-Führung: Ice Tigers bestehen die Meisterprüfung noch nicht

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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9.10.2022, 13:17 Uhr
Good goal: Kevin Clark besorgte das späte 1:2 für die Berliner Eisbären. 

© IMAGO/Juergen Engler Good goal: Kevin Clark besorgte das späte 1:2 für die Berliner Eisbären. 

Am letzten Spiel der Eishockey-Saison 2021/2022 hatte er nicht teilgenommen. Danach aber stand Leon Hungerecker trotzdem in voller Montur in München auf dem Eis – inmitten seiner bier-, champagner- und schweißnassen Kollegen. 5:0 hatten die Eisbären gewonnen. Berlin war Meister und Torhüter Hungerecker war es auch. Ein halbes Jahr später stand Leon Hungerecker wieder auf Eis, in voller Montur – als Gegner der Eisbären.
Dabei war die Rückkehr zu seinem vorigen Arbeitgeber als erster Torhüter gar nicht vorgesehen. Man war in Nürnberg zufrieden mit Hungerecker, Niklas Treutle aber ist weiter die Nummer eins der Ice Tigers. Treutle aber war krank, weshalb Hungerecker schon am Freitag beim 5:4 gegen Schwenningen seinen ersten Saisonsieg hatte feiern dürfen. Und 58 Minuten und 18 Sekunden sah es so aus, als würde er ausgerechnet in Berlin eine persönliche Siegesserie beginnen. Trotz überraschender Überlegenheit, trotz eines souveränen Torhüters und trotz einer 2:0-Führung aber verloren die Ice Tigers beim Meister doch noch mit 2:3 (0:0, 1:0, 1:2, 0:1).
Wie war das möglich?

Teure Schiedsrichterkritik?

Tom Rowe hatte eine Antwort und keine Skrupel, diese mit der Öffentlichkeit zu teilen. „Wir haben sieben Strafen bekommen, von denen vielleicht vier gerechtfertigt waren“, stellte der Nürnberger Cheftrainer fest. Schiedsrichterkritik ist in der DEL selten, weil von der Liga bereits des Öfteren sanktioniert. Rowe aber war das egal: „Es könnte mich nicht weniger interessieren, ob ich dafür eine Strafe bekomme.“ Aus seiner Perspektive mag das zutreffen, die Entscheidungen gegen Oliver Mebus und Marcus Weber im zweiten Drittel waren tatsächlich seltsam. Die Strafen aber, die letztlich zum Sieg für Berlin führten, die waren korrekt. Zweimal war es der eigentlich so solide Hayden Shaw, der seine Gegenspieler unkorrekt aufzuhalten versuchte: Beim ersten Mal nutzte Kevin Clark den Platz auf dem Eis zum 1:2 (59.), beim zweiten war es Giovanni Fiore (64.), der in der Verlängerung im Power-Play den Siegtreffer erzielte.

Die Ice Tigers verloren, weil sie sich nicht für eine nahezu perfekte Auswärtsleistung belohnen konnten. Immer hatten sie die Berliner dominiert, immer wieder ließen sie den Puck im Drittel der Eisbären kreisen. 37 Schüsse aufs Tor von Hungereckers Ex-Kollegen Tobias Ancicka gezählt, es trafen aber nur Ryan Stoa (28.) und Daniel Schmölz (48., für den Allgäuer war es zugleich der 100. DEL-Treffer). Kurz vor Shaws zweiter Strafe war es Tyler Sheehy, der die Latte getroffen hatte. Nürnberg war dem Meister überlegen. Das war erstaunlich, weil die Ausrede des Meisters an diesem Nachmittag nicht zählte.

Fleischer wieder als Aushilfsverteidiger

Nach einer arbeitssamen Woche mit DEL-Spielen, einer bitteren Niederlage in der Champions Hockey League und einem Testspiel gegen die NHL-Mannschaft der San Jose Sharks waren die Eisbären müde und körperlich angeschlagen. Der bislang eher schwache Saisonstart der Eisbären ist auch durch Verletzungsprobleme zu erklären. Immerhin aber hatten die Gastgeber sechs Verteidiger zur Verfügung, Nürnberg nicht. Nick Welsh fehlt länger nach einer Operation, Blake Parlett ist verletzt. Am Sonntag meldete sich auch noch Andrew Bodnarchuk ab, weshalb Rowe Tim Fleischer in die Abwehr zurückzog, um wenigstens fünf Verteidiger aufbieten zu können. Fleischer war es dann auch, der das 1:0 durch Stoa möglich machte. Überhaupt lieferte Nürnberg trotz der Widrigkeiten in Berlin ein nahezu perfektes Auswärtsspiel.

In den letzten beiden Minuten aber ermöglichten sie den qualitativ immer noch hochwertig besetzten Berlinern aber eine lange Druckphase. Erst durch Shaws Foul, dann löffelte Weber den Puck aus dem eigenen Drittel knapp am leeren Berliner Tor vorbei, es folgte das 1:2. Und vor dem sich ankündigenden und dennoch glücklichen 2:2 durch Fiore (60.) war Patrick Reimer daran gescheitert, den Puck aus dem Drittel zu bringen.

Trotzdem: Immerhin blieb den Ice Tigers ein Punkt und damit der vierte an diesem Wochenende. In dieser Besetzung war das kaum zu erwarten.

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